Es gibt Tage, da legt einem das Schicksal drei Steine in den Weg, und es gibt Tage, da wirft es einem gleich eine ganze Gerölllawine vor die Füße. Heute war so ein Gerölllawinentag. Ich hatte noch nicht einmal meinen zweiten Kaffee intus, als Bettina Karg, unsere Chefredakteurin, mit der Eleganz eines Presslufthammers in mein Büro rauschte und drei Zettel auf meinen Schreibtisch knallte. „Chiemgauer Alpen, Hollywood, Sankt Petersburg – such dir aus, wo du anfängst, aber bis heute Abend will ich von jedem Schauplatz eine Geschichte auf meinem Tisch haben.“ Ich starrte auf die Notizen. Vorderstaufen: tödlicher Bergunfall, ein Wanderer abgestürzt, die Bergwacht im Dauereinsatz. Hollywood: irgendeine uralte Diva feierte ihren 102. Geburtstag, zwei Sterne auf dem Walk of Fame, immer noch lächelnd, als hätte sie die Ewigkeit gepachtet. Und Sankt Petersburg: Drohnenangriffe, die bewiesen, dass die Ukraine mittlerweile überall hinkam. Drei Geschichten, drei Kontinente, und ich saß hier in einer Redaktion, deren Fenster seit drei Wochen klemmten. Das war nicht mein Ernst.
Ich beschloss, mit dem Naheliegendsten anzufangen, also dem, was am weitesten weg war. Hollywood. Die Jubilarin hieß Hedi Lamarr – nein, nicht die mit dem WLAN-Patent, die andere, die mit den zwei Sternen und dem Oscar von 1947, den sie für einen Film bekommen hatte, an den sich kein Mensch mehr erinnerte. Aber sie war quicklebendig, oder zumindest so lebendig, wie man mit 102 eben sein konnte, und die Boulevardpresse überschlug sich mit Hommagen. Irgendwo zwischen all den Meldungen stolperte ich über ein Foto, das gar nicht zu Hedi gehörte: Elle Fanning, oben ohne am Pool, in irgendwelchen „steamy photos“, die das Internet in Wallung brachten. Ich notierte mir: Promi-Fleischbeschau als Kontrastprogramm zur Greisen-Verehrung – Stoff für eine bissige Glosse. Vielleicht konnte ich das Hollywood-Ding so aufziehen: die junge Nackte und die alte Geehrte, zwei Seiten derselben vergammelten Medaille. Bettina würde es lieben, sie liebte alles, was nach Kulturpessimismus roch, solange es Klicks brachte.
Dann Sankt Petersburg. Ein Kollege vom Politikressort hatte mir eine Agenturmeldung rübergefunkt: Drohnentreffer in einem Industriegebiet, keine Toten, aber das Signal war klar – die Ukraine konnte Russland jetzt überall erwischen, jederzeit, ohne Vorwarnung. Ich rief meinen einzigen Kontakt in der Region an, einen ehemaligen Kriegsreporter namens Juri, der jetzt in einem Vorort von Sankt Petersburg Hühner züchtete und sich weigerte, das Haus zu verlassen. „Juri, was hörst du?“ – „Nichts. Nur Hühner. Aber sie gackern anders, seit die Drohnen kommen. Misstrauischer.“ Damit musste ich arbeiten. Ich kritzelte auf den Zettel: Hühner als Seismographen der Apokalypse – Metapher checken. Es war dünn, aber für einen Aufmacher reichte es vielleicht.
Blieben die Chiemgauer Alpen. Der Tote am Vorderstaufen war ein Münchner Rechtsanwalt namens Dr. Bernhard Unterhuber, 54, erfahrener Bergsteiger, allein unterwegs gewesen. Die Bergwacht hatte ihn am Nachmittag gefunden, abgestürzt in einer Rinne, die bei gutem Wetter harmlos aussah und bei schlechtem Wetter zur Todesfalle wurde. Gestern war schlechtes Wetter gewesen. Ich rief die zuständige Polizeistation an und bekam einen Beamten namens Maier an die Strippe, der so klang, als hätte er seit dem Unglück nicht geschlafen. „War’s ein Unfall oder war’s vielleicht doch was anderes?“, fragte ich, ohne zu wissen, warum ich das fragte. Maier machte eine lange Pause. „Wissen Sie, das Komische ist – der Mann hatte keine Ausrüstung dabei, die zu einer Bergtour passt. Kein Seil, keine Steigeisen. Nur ein Fernglas und eine Kamera mit einem Teleobjektiv, das aussieht wie ein Raketenwerfer.“ Ich setzte mich aufrechter hin. Unterhuber war nicht zum Wandern auf den Vorderstaufen gestiegen. Er hatte etwas beobachtet.
Und dann, während ich noch überlegte, was ein Münchner Anwalt mit einem Super-Teleobjektiv auf einem Alpengipfel gesucht haben könnte, klingelte mein Handy. Eine SMS von einer unbekannten Nummer. Kein Text, nur ein Bild. Ich öffnete es und traute meinen Augen nicht: Es zeigte Elle Fanning am Pool, aber nicht das Pressefoto, das durchs Netz ging. Es war ein anderes, eines, das offenbar aus viel größerer Entfernung aufgenommen worden war – der Bildwinkel stimmte exakt mit dem überein, was man von einem Berggipfel aus sehen würde. Im Hintergrund, winzig klein, war ein Swimmingpool zu erkennen, umgeben von Palmen, und darin eine blonde Frau. Aber über ihr, am Himmel, schwebte etwas, das definitiv nicht nach Hollywood gehörte. Ein dunkler Punkt mit vier Rotoren. Eine Drohne. Und auf der Drohne, kaum lesbar, ein kyrillisches Schriftzeichen. Mir wurde kalt. Was, verdammt noch mal, verband einen toten Anwalt in den Chiemgauer Alpen, einen halbnackten Filmstar in Hollywood und einen Drohnenangriff in Sankt Petersburg? Ich wusste es noch nicht. Aber ich hatte das ungute Gefühl, dass Dr. Bernhard Unterhuber es gewusst hatte – und dass ihn dieses Wissen das Leben gekostet hatte.