Der Airbus setzte mit einem Rumms auf, der selbst die verhärteten Vielflieger kurz zusammenzucken ließ, und ich hatte noch nicht einmal die Anschnallzeichen ausblinken sehen, als ich das Handy aus dem Flugmodus riss. Vierzehn verpasste Anrufe von Dr. Irmgard Küster leuchteten auf, und als sie fünf Sekunden später wieder klingelte, meldete ich mich mit einem gebellten »Hat sie wieder einen Videotrick ausgepackt?« Küsters Stimme klang, als hätte sie den Kaffee gleich literweise intus: »Schlimmer. Zo hat ein neues Opfer, Klenovia, ein Gesundheitskonzern mit Sitz in Prag. Sie ist über eine Schwachstelle in deren Videokonferenzlösung DetektivDock eingestiegen, hat sich über Wazuh zum Systemgott gemacht und dann das zentrale Benutzermanagement ErmittlerSchloss ausgeplündert. Ich schicke Ihnen die Aufzeichnung von ihrem Prahlmonolog – sie hat dem Administrator von Klenovia dieselbe Telefonlektion verpasst wie damals Fulmexis.« Ich hörte den ersten Satz der Datei noch im Finger, während ich zum Gepäckband hastete.
Zos Stimme perlte durch den kleinen Lautsprecher, begleitet vom leisen Piepen einer unterdrückten Rückkopplung. »Ich erklär’s euch gern, ihr habt ja sonst nichts zu lachen. Eure Videosprechstunde läuft über DetektivDock, dieses kleine feine Tool, das man mit einem einzigen manipulierten Videopaket zum Absturz bringen kann – oder besser, zur Ausführung meines Codes. Ich habe eurem Oberarzt eine Einladung zu einer dringenden Fallbesprechung geschickt, er klickt drauf, und zack, habe ich einen Fuß in eurem Netzwerk. Das ist, als würde man einem Schaf ein rotes Tuch zeigen und während es starrt, steigt man durch den Kamin ein. Dann habe ich auf dem Server der Videokonferenz die Zugangsdaten für euer Wazuh-Sicherheitsmonitoring gefunden – ihr habt die API-Keys im Klartext in einer Konfig-Datei liegen, ganz reizend. Mit den Keys habe ich die Deserialisierungslücke im Wazuh-Manager ausgenutzt. Stellt euch vor: Ich schicke dem Wazuh-Server eine Geschenkbox, die äußerlich eine harmlose Statistikdatei ist, aber innen drin ein ausklappbarer Dietrich steckt. Prompt bin ich Administrator eures gesamten SIEM – sehe alle eure Alarme und kann sie stumm schalten. Anschließend habe ich mit diesen Rechten Session‑Tokens aus eurem zentralen Benutzermanagement ErmittlerSchloss extrahiert. Das ist wie ein Pförtner, der jedem, der ‚Arzt‘ sagt, den Generalschlüssel für alle Patientenzimmer aushändigt. Und nun sichte ich die schönsten Diagnosen eurer VIP‑Patienten.« Ich blieb wie angewurzelt stehen, denn im Hintergrund der Aufnahme quakte eine blecherne Lautsprecherstimme: »Passagier Meier für Flug OK 735 nach Madrid, letzter Aufruf am Gate B12.« Das war die Ansage des Prager Flughafens – genau der Terminal, durch den ich gerade lief.
Meine Beine setzten sich in Bewegung, bevor mein Verstand den Befehl dazu gab. Ich brüllte in die noch offene Leitung zu Küster, sie solle sofort die Flughafenpolizei alarmieren und den Bereich um Gate B12 abriegeln, während ich im Zickzack durch die Menschenmassen der Abflughalle sprintete, die Sicherheitskontrolle mit hochgehaltenem Dienstausweis durchbrach und einen jungen Beamten verblüfft mit den Worten »Rennen Sie mit, es geht um Erpresser mit Laptop!« hinter mir herzog. Am Gate B12 hatte das Boarding bereits begonnen, die Passagiere schoben sich in einer trägen Schlange zum Flugsteig, aber von Zo keine Spur – bis mein Blick unter die letzte Sitzreihe fiel, wo ein flaches Notebook auf dem Boden lag, das noch warm anfühlte und dessen Netzteilstecker achtlos über die Armlehne baumelte. Zo musste es im letzten Moment fallen gelassen haben, vielleicht als sie die nahenden Schritte hörte.
Ich sicherte das Gerät mit der gebotenen Feierlichkeit, während auf dem Diensthandy die nächste Katastrophe in Form eines Sprachanrufs hereinbrach: Adelheid von Senff, die mit einer Stimme, die zwischen Empörung und freudiger Vorahnung oszillierte, verkündete: »Herr Kommissar, jetzt liegt das achte Einschreiben auf meinem Tisch, diesmal mit einem rosafarbenen Zettel, der Gerichtsvollzieher droht! Was soll ich tun?« Ich presste hervor: »Lassen Sie ihn hochkommen, verhaften Sie ihn meinetwegen, aber legen Sie den Brief einfach auf den Stapel zu den anderen sieben!« und beendete das Gespräch mit einem Fingerdruck, der das Display fast eindrückte. Küster hatte sich unterdessen aus der Ferne auf Zos Laptop geschaltet und fand neben einer halbfertigen Erpressermail einen winzigen USB‑Stick, der nur eine verschlüsselte Datei enthielt – eine schnelle Hash‑Analyse förderte jedoch zutage, dass der Inhalt aus den letzten Ziffern einer Schließfachnummer und dem Wort »Hbf Brno« bestand.
Die anschließende Razzia in dem zuvor ermittelten Server‑Versteck, einer tristen Plattenbauwohnung im Prager Vorort, brachte nichts als leere Pizzakartons und eine Kaffeemaschine, die noch aufheizte. Dafür war die Spur nach Brno brandheiß: Zo war offenbar auf dem Weg zu einem Schließfach am Hauptbahnhof, vermutlich um dort Bargeld oder falsche Papiere zu holen. Ich stornierte meinen Rückflug, buchte einen Zug und hatte zum ersten Mal seit Wochen das Gefühl, der Hackerin nicht nur hinterherzulaufen, sondern ihr tatsächlich auf den Hacken zu sein – wenn mir bloß nicht dauernd diese Einschreiben dazwischenfunken würden.