Das Schließfach Nummer siebzehn im Berliner Bahnhof Zoo roch nach Desinfektionsmittel und verlorener Zeit, und als ich den Code eingab – den Namen von Pjotrs erstem imaginären Hund, ein Wort, das Juri mir auf Russisch zugeraunt hatte, bevor ich in den Flieger stieg – sprang die Tür mit einem Klicken auf, das klang wie das letzte Zahnrad einer jahrhundertealten Maschine, die endlich ihr Geheimnis preisgab. Drinnen lagen nicht nur das handsignierte Matthäus-Trikot und das Tagebuch von Merkulows Frau, sondern auch ein Stapel Papiere, die aussahen, als hätte jemand sie hastig aus einem Drucker gezogen, während ein anderer bereits die Tür eintrat – Ausdrucke von Tennis-Livetickern, genauer gesagt von einem Match in Wimbledon, das in genau diesem Moment irgendwo auf einem Rasenplatz stattfand, während ich in einem Berliner Bahnhof stand und ein Ei in meiner Tasche wärmte, das mehr Spionagetechnik enthielt als die gesamte BND-Zentrale. Oben auf dem Stapel prangte der Name Alexander Zverev, daneben Zahlenkolonnen, die kein Tennisfan dieser Welt freiwillig notieren würde – Aufschlaggeschwindigkeiten, Laufwege, Fehlerquoten, alles durch einen Algorithmus gejagt, der nicht von der ATP stammte, sondern von einem System, das kyrillische Prüfsummen verwendete, wie ich sie aus Merkulows Logbuch kannte. Juri hatte gesagt, NeuralMind suche nach Mustern, nach Codes, die in Echtzeit-Datenströmen versteckt waren – aber dass sie ausgerechnet einen Tennis-Liveticker als Trägerfrequenz für Spionagesignale missbrauchten, das war so absurd, dass ich laut auflachte, während eine Bahnhofsdurchsage verkündete, dass der ICE nach Hamburg in fünf Minuten einfahre, und ich beschloss, dass ich dringend einen Kaffee brauchte, bevor ich verstand, was Viersen mit all dem zu tun hatte.
Viersen, das wurde mir klar, als ich auf einer Bahnhofsbank den Papierstapel sortierte, während mein Handy den Live-Ticker des Emden-St. Pauli-Testspiels aktualisierte und ich mich fragte, ob es eigentlich noch normale Sportveranstaltungen gab, die nicht Teil einer internationalen Datenverschwörung waren – Viersen war der Ort, an dem Pjotr Jankowski seinen letzten Atemzug als freier Mann getan hatte, bevor er untertauchte. Nicht LA, nicht Berlin, nicht Sankt Petersburg: Viersen, eine Stadt in Nordrhein-Westfalen, die in den Nachrichten nur auftauchte, wenn es um Stromausfälle, Cyberangriffe und Kriegsvorbereitungen ging, wie ein Zeitungsausschnitt auf der dritten Seite des Papierstapels bewies, den ich mit zitternden Fingern glattstrich. „Viersen bereitet sich mit Hochdruck auf den Ernstfall vor“ stand da, datiert auf den Tag, bevor Pjotrs Mailbox zum letzten Mal umgeleitet hatte, und darunter, in Pjotrs winziger Handschrift, zwei Worte, die mein Blut gefrieren ließen, obwohl der Bahnhof angenehm klimatisiert war: „Sie testen.“ Ich dachte an Juris Hühner, die auf Drohnen reagierten, bevor diese überhaupt zu sehen waren, an die schwebende Sonde über dem Stall, die das Logbuch scannen wollte, und an Unterhuber, der auf dem Vorderstaufen gestanden hatte, mit einem Fernglas, das auf etwas gerichtet war, das vielleicht keine Drohne war, sondern ein ganzes System, das längst begonnen hatte, den Ernstfall zu proben – und zwar nicht in einem Bunker in Moskau, sondern in einer Kleinstadt, die niemand auf dem Schirm hatte, außer einem toten Buchhändler mit einer Schwäche für Fortuna Düsseldorf.
Dass ausgerechnet ein Benefizspiel von Fortuna Düsseldorf gegen eine Weltauswahl, bei dem Lothar Matthäus das Trikot trug, dessen Fasern ich in meinen Händen hielt, eine Verbindung zu Viersen hatte, erfuhr ich, als ich das Tagebuch von Merkulows Frau aufschlug und auf Seite 42 eine Widmung fand, die nicht von ihr stammte, sondern von einem Mann namens Heinrich Viersen, einem deutschen Ingenieur, der 1917 in Sankt Petersburg an einem Telegrafenprojekt arbeitete und sich in eine gewisse Übersetzerin verliebte, bevor beide aufflogen und er nach Deutschland zurückkehrte, um dort eine Firma zu gründen, die sich mit elektrischer Infrastruktur beschäftigte – in einer Stadt, die später seinen Namen trug, auch wenn das offiziell natürlich Quatsch war und nur Pjotrs privater Verschwörungstheorie entsprang, aber Pjotr war der Mann, der einen Spektralfilter in ein Hühnerei eingebaut hatte, also hielt ich nichts mehr für Quatsch. Die Firma existierte noch, unter anderem Namen, und baute Stromnetze und Kriseninfrastruktur für Kommunen – zuletzt in Viersen, wo man sich auf den Ernstfall vorbereitete, und zwar so gründlich, dass ein Mann wie Pjotr Wind davon bekam, weil er überall alte Logbücher, Firmenregister und Tote-Hosen-Setlists nach Hinweisen durchforstete, wie ein Eichhörnchen mit einem Doktortitel in forensischer Buchhaltung.
Mein Handy summte: Der Live-Ticker von Emden gegen St. Pauli meldete die 80. Minute, das Spiel stand 2:1 für St. Pauli, und eine Push-Nachricht von Bettina informierte mich, dass der FIFA-Präsident in einem Interview gesagt habe, der Fußball müsse sich „digitaler Resilienz“ stellen, was klang wie ein Zitat, das ich in dem Merkulow-Logbuch schon einmal gelesen hatte, nur übersetzt und geglättet von einer PR-Abteilung, die keine Ahnung hatte, dass „digitale Resilienz“ in der Sprache der zaristischen Geheimpolizei das Codewort für eine Notfall-Abschaltung aller Kommunikationsnetze war. Ich starrte auf das Trikot in meinen Händen, las die Ziffern, die im Spektralfilter des Eis aufleuchteten wie eine unsichtbare Tinte, die plötzlich zu brennen begann, und verglich sie mit dem Zverev-Ticker – die Aufschlagquote des Deutschen im dritten Satz, addiert zu den Fehlern seines Gegners Giron, ergab genau die Koordinaten eines Standorts in Viersen, wo laut Pjotrs Notizen ein Rechenzentrum stand, das NeuralMind vor drei Jahren gekauft hatte, ohne dass jemand fragte, warum eine KI-Firma ein Rechenzentrum in einer Stadt brauchte, die für Stromausfälle berüchtigt war. „Sie testen nicht nur“, flüsterte ich, während eine ältere Dame an mir vorbeiging und mich mitleidig ansah, weil ich mit einem Ei und einem Fußballtrikot auf einer Bahnhofsbank saß und Selbstgespräche führte, „sie simulieren den Ernstfall – und das seit Monaten, mit Daten, die sie aus Tennis-Livetickern, Fußballtestspielen und Drohnenflügen extrahieren, während alle Welt zusieht, ohne zu sehen, was da gefüttert wird. Ein Code, versteckt im Sport, gesteuert von einer Firma, die alte Wörterbücher kauft und Hühner überwacht – und ich, ich bin der Idiot, der das jetzt herausfinden muss, weil ein toter Anwalt mich mit einem Fernglas in diese Geschichte hineingezogen hat, obwohl ich nur einen Kaffee wollte und vielleicht einen Job ohne Verschwörung, aber das Schicksal, Genosse, wie Juri sagen würde, ist ein Huhn, das für dich gackert, ob du willst oder nicht.“
Ich packte das Trikot, das Tagebuch und das Ei zurück in meine Tasche, löste eine Fahrkarte nach Viersen, obwohl der Bahnhofsdurchsage zufolge dort Bauarbeiten den Zugverkehr störten – Bauarbeiten, die laut Pjotrs Randnotizen gar keine Bauarbeiten waren, sondern Tarnung für Kabelschächte, die direkt in das NeuralMind-Rechenzentrum führten, und während der ICE durch die brandenburgische Nacht raste, las ich auf meinem Handy, dass Alexander Zverev in Wimbledon sein Match gewonnen hatte, was bedeutete, dass die letzte Zahlenkolonne im Code vollständig war und ich jetzt wusste, wo in Viersen ich suchen musste – und dass ich vielleicht, nur vielleicht, den Ernstfall noch verhindern konnte, bevor er jemandem auffiel, der kein Tennis mochte, kein Fußball guckte und noch nie ein Gackern gehört hatte, das nach einem Warnsignal klang.