Ein zerschelltes Smartphone in einer Pfütze in einem dunklen Industriekühlcontainer, auf dessen Bildschirm ein grinsender Totenkopf aus grünen Kommandozeilen zu einem blinkenden Server-Rack emporsteigt.
Security Case von Kai Brenner

KW 28, Kapitel 10: Das ErmittlerWare-Fiasko

Um dreiundzwanzig Uhr vierzehn standen wir bereits mit zwölf Mann in der zugigen Einfahrt des Kühlcontainers, und Horst, die menschliche Firewall der Kategorie Gummiente, schloss lächelnd auf, weil er dachte, wir seien der Pizzaservice – während Dr. Küster im Hintergrund den Industrie-PC mit dem anfälligen U-Boot-Bootloader stromlos machte und plötzlich mit einer Schärfe rief, die normalerweise nur ein Atomunfall oder das versehentliche Löschen meiner Kaffeemarkenliste auslöste: »Niesel, der Rechner ist eine Puppe, ein Relais, ein Ablenkungsmanöver – sie hat eine aktive Session auf dem Hauptserver, und ich habe eine Sprachnachricht abgefangen, die sie an die Geschäftsführung geschickt hat!« Blohm, der schweigend neben mir stand, wedelte mit einem weiteren Einschreiben des Copyshop-Besitzers, aus dem bereits das Wort »Faxerpressung« hervorlugte, aber ich hatte jetzt andere Sorgen, denn Zos glockenhelle Stimme dröhnte aus Küsters Tablet und zog mir schlagartig die Nackenhaare hoch.

»Meine Damen und Herren von der Geschäftsführung, falls Sie sich wundern, warum Ihre ErmittlerWare-Diensttelefone einen Totenkopf zeigen: Das bin ich, und ich erkläre Ihnen jetzt, wie ich mit drei simplen Zutaten Ihr Unternehmen zum Frühstück verspeist habe, während Ihre Polizei in einem kalten Container auf ein U-Boot starrte. Zutat Nummer eins – Ihr Herr Pflaume, der sein Passwort vermutlich auch an den Kühlschrank klebt. Ich habe ihm ein harmloses DNG-Bild geschickt, eine Röntgenaufnahme mit einer winzigen Spezialwürze im Dateikopf, die Ihr ErmittlerWare-Telefon nicht erkennt, weil irgendein Entwickler vergessen hat, die Tür zum Baseband-Prozessor abzuschließen. Ein Klick, und der Code marschiert in den Trusted-Computing-Bereich, als würde man einem Bodyguard sagen: ›Ich bring nur kurz die Post rein‹, und dann mit dem Safe davonlaufen – Telefon gehört mir, inklusive Ihres ach so sicheren VPN-Tunnels direkt ins Firmennetz.« Küster flüsterte: »Die Basisband-Lücke aus den CERT-Berichten, vermutlich für fünfstelliges Kleingeld im Darknet gekauft«, während Zo schon mit der fröhlichen Sorglosigkeit einer Frau fortfuhr, die sich ihrer Sache völlig sicher war: »Jetzt bin ich drin, aber ein normaler Benutzer bringt mir nichts – ich will die Kronjuwelen. Also brauche ich Admin-Rechte, und dafür kommt Zutat Nummer zwei: ein neun Jahre alter Bug im Linux-Kernel, den die Fachwelt liebevoll ›Copy Fail‹ nennt.«

»Stellen Sie sich einen Einkaufswagen vor, dem niemand gesagt hat, wann er voll ist – Milch, Brot, Ravioli, alles rein, und irgendwann werfen Sie den Tresor und den Filialleiter hinterher, weil die Kasse, die Stopp sagt, nie eingebaut wurde. Genau das macht dieser Kernel-Bug: Er kopiert Daten vom User-Space in den Kernel-Space und vergisst, den Kopiervorgang an der Puffergrenze abzubremsen – ehe sich das Betriebssystem versieht, habe ich den gesamten Speicher mit meinem eigenen Code überschrieben und mir den roten Teppich zu Root-Rechten ausgerollt. Zack, ich bin Gott auf der Serverkiste. Und dann die Kür, Zutat Nummer drei: ein zweiter Linux-Kernel-Bug im CIFS-Subsystem, dem Teil, der sich um Netzwerkfreigaben kümmert. Ihre Impfstoff-Datenbank liegt auf einem Dateiserver mit einer Freigabe, die Ihr Administrator so löchrig konfiguriert hat wie einen Schweizer Käse nach einer Maschinengewehrsalve. Mit meinen frisch erbeuteten Root-Rechten sage ich dem CIFS-System einfach: ›Hallo, ich bin jetzt der Chef, zeig mir den Inhalt, aber mach keinen Eintrag ins Logbuch‹ – und das brave, uralte Stück Code macht artig ›Jawohl‹, blendet die Besitzer-Prüfung komplett aus und lässt mich sämtliche Chargen-IDs und Liefertermine in mein privates Versteck kopieren. Kein Alarm, keine böse E-Mail, nur Stille, während Ihre wertvollsten Daten auf meinem Server landen. Ach ja, und die hübschen Totenköpfe auf allen Business-Phones? Die habe ich über das gekaperte ErmittlerWare-Benachrichtigungssystem verteilt, zusammen mit meiner Lösegeldforderung – Details folgen in den nächsten 24 Stunden, und wenn Sie möchten, erkläre ich Ihnen auch noch, wie man das Faxgerät dafür benutzt.« Die Aufnahme endete mit einem klickenden Geräusch und einem leisen Coladosen-Zischen.

Küsters Atem ging stoßweise, während sie die Netzwerkprotokolle durchforstete. »Die Daten sind vor zwanzig Minuten exfiltriert worden – ein klassischer Dreisprung: Erstzugriff, Rechteausweitung, Exfiltration. Sie hat uns mit der U-Boot-Attrappe genau dorthin gelockt, wo sie uns haben wollte, weg vom Rechenzentrum, während sie auf dem Hauptsystem in aller Ruhe den finalen Coup durchzog.« Die Gräfin von Senff, die über Funk mitgehört hatte, japste nur: »Küster – hat sie die Impfstoffdaten wirklich komplett?«, und Küsters tonlose Antwort »Ja, inklusive aller Temperaturempfindlichkeitsprofile« ließ mich spüren, wie mir die Kontrolle über den Einsatz wie ein nasser Aal durch die Finger glitt.

Ich gab Befehl zum Rückzug, ignorierte Horsts Frage, ob wir wenigstens Trinkgeld für die versäumte Pizza dalassen wollten, und stopfte das vierte Einschreiben des Copyshop-Besitzers, das Blohm mir stumm in die Hand drückte, in meine Jackentasche. Zo hatte uns nicht nur technisch in ein Labyrinth aus gefälschten Mahnungen und Kernel-Gruselkabinetten geführt, während sie selbst über alle Berge war – sie hatte uns vorgeführt wie eine Katze, die mit der Maus Tischtennis spielt. Aber diesmal, das schwor ich mir, als ich den eiskalten Container verließ und in den Nachthimmel blinzelte, würde ich den Dreisprung vor ihr machen – oder zumindest nicht mehr auf die falsche Attrappe hereinfallen.

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