Juri’s erstes Ei lag noch immer in meinem Kühlschrank – eine stille Mahnung, dass selbst die absurdesten Verschwörungen einen Hühnergott als Zeugen hatten – als Bettina Karg mir am Dienstagmorgen vier neue Trendbegriffe auf den Schreibtisch knallte, als wären es Patronenhülsen aus einem Informationskrieg, den ich freiwillig verloren hatte. „Zverev in Wimbledon, dieser Mineralbrunnen-Rückruf, ein gewisser Malik Tillman und die tschechische Inflation – was fällt Ihnen dazu ein?“, fragte sie und beäugte das Ei, das ich inzwischen aus unerfindlichen Gründen mit ins Büro genommen hatte, als könnte es mir bei der Recherche helfen. Ich beschloss, diesmal wirklich seriös zu bleiben, googelte Raffelberger Mineralbrunnen und stieß auf Bakterien, die in mehreren Chargen fröhlich vor sich hin blubberten, was mich sofort an die Güllebehälter in Gelsenkirchen erinnerte, obwohl das Biomethanprojekt längst als PR-Gag entlarvt war und Salih Özcan inzwischen bei Beşiktaş nur noch über seinen Ex-Berater lachte. Am Nachmittag rief ich den Pressesprecher des All England Club an, weil ein anonymer Tipp besagte, dass die verkeimten Flaschen ausgerechnet in die VIP-Lounge von Wimbledon geliefert worden seien – der Sprecher dementierte nur knapp, während im Hintergrund auf einem Bildschirm gerade Zverevs Achtelfinale auf dem Centre Court lief und der Liveticker stumm über Aufschlagstatistiken flimmerte. Mir reichte der Tipp – „möglicherweise das beste Werbevideo für Leitungswasser, das nie gedreht wird“, dachte ich, und bestieg den nächsten Flixbus nach London.
In Wimbledon roch es nach Regen, geschnittenem Rasen und einer Prise Panik, die nur Journalisten wahrnahmen, die in jeder Ecke eine neue Schalko-Satire witterten. Auf dem Spielerparkplatz warb ein Truck grossflächig mit dem Gesicht jenes US-Nationalhelden, der die WM in elf Minuten Halbzeitshow zur Nebensache degradiert hatte – Werbegesicht einer neuen Wasserflasche, auf der nicht Raffelberger stand. Ein PR-Sprecher des Sportartikelkonzerns, ein schnurriger New Yorker mit einem Faible für makroökonomische Zusammenhänge, erklärte mir auf der Pressetribüne, dass sie den Exklusivvertrag mit einem tschechischen Hersteller abgeschlossen hätten, und dass die gesunkene Inflation in Tschechien ihnen gerade die Kosten um 1,5 Prozent senke – perfektes Timing für die Post-WM-Merchandising-Phase. Als ich nach Raffelberger fragte, zuckte er nur mit den Schultern und murmelte: „Meine Oma hat immer gesagt: Wenn’s im Wasser blubbert, ist es entweder eine Quelle oder ein Problem.“ Ich schrieb mir den Satz auf, während auf einem der Bildschirme irgendein Match zu Ende ging und ein Kommentator beiläufig erwähnte, der Sieger trinke angeblich nur Leitungswasser – was mir sofort den nächsten Gedankenblitz bescherte: Hatte nicht Juri, der mysteriöse Hühnermann, seinen Hof in Nordböhmen, nahe der Quelle eines der Raffelberger-Brunnen?
Eine Stunde später saß ich in einem Pub namens „The Crowing Chicken“ und telefonierte mit einem tschechischen Ökonomen, der bestätigte, dass die Inflation im Juni zwar überraschend auf 1,5 Prozent gefallen sei, dies aber vor allem auf gefallene Mineralwasserpreise zurückzuführen war – weil Raffelberger nach dem Bakterienfund seine Lagerbestände zu Kampfpreisen in den Markt drückte, bevor der Rückruf in Deutschland publik wurde. Der Haken: Die betroffenen Chargen waren an einen Zwischenhändler in Brünn gegangen, der wiederum nach London lieferte, und der einzige, der davon zu profitieren schien, war ein tschechischer Wasserfilialist mit Sitz in einer ehemaligen Margarinefabrik – ein Detail, das mich elektrisierte, weil dieser Gründungsort mir aus einer ganz anderen Recherche bekannt vorkam, ich aber partout nicht mehr wusste, woher. Ich bestellte ein Bier, das nach Seife schmeckte, spürte, wie die Paranoia zurückkehrte, und fast hätte ich das Ei aus meiner Tasche geholt, um daraus ein Omen zu lesen, als ein Kellner mir einen Zettel zusteckte: „Mr. Fabel. Vogelgrippe-Referenz. Kommen Sie morgen ins Raffelberger-Werk nach Budweis. J.“ Es musste Juri sein, und plötzlich ergab alles einen irrsinnigen Sinn: Die Bakterien, die Inflation, der Tennisstar, der US-Held – eine grenzüberschreitende Performance, orchestriert von jemandem, der offenbar genau wusste, dass ich den Köder schlucken würde.
Zurück in Berlin schrieb ich einen Artikel, der die seltsamen Zufälle faktenbasiert auflistete, ohne eine Verschwörung zu behaupten, und dennoch explodierte die Kommentarspalte mit Theorien über biologische Kriegsführung im Tennissport. Bettina Karg schickte eine Sprachnachricht: „Wenigstens keine Hühner diesmal.“ Ich öffnete den Kühlschrank, um das erste Ei gegen ein neues zu tauschen, das tatsächlich vor meiner Tür gelegen hatte – diesmal mit der Aufschrift „Die Inflation sinkt, das Wasser gärt, und in Budweis lachen die Hühner. PS: Bis bald. J.“ – und während ich das kalte Ei gegen meine Stirn drückte, dämmerte mir, dass mit der ORF-Doku ein Kapitel abgeschlossen war – aber dass hier gerade etwas ganz Neues begann, dessen Ausmaß ich noch nicht einschätzen konnte. Es trug den Namen einer böhmischen Brunnenfirma und wartete darauf, dass ich den nächsten Zug bestieg, hinein in eine Geschichte, die so absurd war, dass sie nur wahr sein konnte.