Juris letzte SMS klang nach Halbfinale – aber was danach kam, war nicht mehr Fußball, sondern reine Thermodynamik. Ich saß in der Redaktion und löschte zum dritten Mal den Spam-Ordner, als eine E-Mail mit dem Betreff „Biz Seninle Daha Önce Karşılaştık Mı?“ aufpoppte. Ein Rentner aus Spandau jammerte, er habe nach dem plötzlichen KfW-Förderstopp für Wärmepumpen sofort gehandelt und einem Herrn vertraut, der mit einer Firma namens „Doğanın Kanunu Heizungsbau“ vor der Tür stand – und nun sei sein Vorschuss weg, die Handynummer tot und die Heizung kälter als ein nordböhmischer Hühnerstall im Januar. Ich wählte die Nummer, und tatsächlich meldete sich eine Computerstimme, die exakt denselben türkischen Satz wiederholte: ob wir uns schon einmal begegnet seien. Spätestens da war mir klar, dass dieser Förderstopp nicht nur tausende Eigenheimbesitzer in Panik versetzte, sondern auch einer ganz bestimmten Gaunersippe die perfekte Kulisse bot.
Ich rief den einzigen Menschen an, der bei solchen Dingen nicht gleich auflegte: Dr. Hubertus Kleff, Staatsanwalt für Wirtschaftsdelikte und heimlicher Fan meiner Kolumne. „Sie haben’s ja schon wieder gerochen“, sagte er und rauschte durchs Telefon wie ein schlecht isolierter Warmwasserboiler. Die Staatsanwaltschaft ermittle gegen ein ganzes Geflecht an Scheinfirmen, die unter dem Deckmantel der Energiewende Subventionsbetrug im großen Stil betrieben – und die Spur führe direkt zu den gleichen Briefkastenfirmen, über die Pavels gefälschte Wasserflaschen vertrieben wurden. Kleff seufzte: „Die nutzen jede Krise aus. Jetzt, wo der NATO-Generalsekretär mit Trump über neue Drohungen gegen den Iran streitet, und die ganze Welt auf den WM-Rassismus-Skandal starrt, fühlen die sich sicher.“ Draußen flimmerte eine Nachrichtensendung über den Gipfel, während ich in meinem Redaktionskaffee versank und erkannte, dass die wahre Kriminalität weder in Stadien noch in Brüsseler Konferenzsälen stattfand, sondern in den Heizungskellern der Bundesrepublik.
Meine Kolumne für Keyword Chaos schrieb sich fast von selbst: eine Hommage an das doğanın kanunu, das Gesetz der Natur, das offenbar besagte, dass auf jedes großzügige Förderprogramm eine Horde Abzocker folgt, die mit der Geschwindigkeit eines ungedämmten Altbaus abkassiert. Ich wehte den Heizungsschwindel in den laufenden Fall ein, verknüpfte Biomethan-Versprechen mit Salih Özcans zweifelhaftem Testimonial, und garnierte das Ganze mit der Randnotiz, dass Clarence Seedorf derweil eine Staatsanwaltschaft für Rassismus im Fußball forderte – was die echten Ganoven vermutlich vor Freude in die Hände klatschen ließ. Bettina rief nicht an, was bedeutete, dass sie entweder nichts davon wusste oder den Artikel für einen weiteren Schalko-Ausrutscher hielt; ich tippte auf letzteres.
Pünktlich zum Redaktionsschluss summte das Diensthandy, und diesmal war es keine Computerstimme, sondern eine Nachricht von Juri: „Gute Recherche. Aber das Finale spielt nicht im Stadion, sondern dort, wo die ganze Hitze entsteht. Istanbul, Großer Basar, Stand 14. Bringen Sie warme Gedanken und einen gefälschten Pass – oder wenigstens eine Wärmepumpe.“ Ich starrte auf das Display, dann auf meine leergesüffelte Tasse, und fragte mich, ob tschechische Informanten einen eigenwilligen Humor teilten oder ob ich tatsächlich mit einem Heizgerät im Handgepäck durch die Sicherheitskontrolle musste, um das nächste Kapitel dieses Irrsinns aufzuklären.
Am nächsten Morgen buchte ich einen Flug nach Istanbul, mit der hanebüchenen Begründung für Bettina, es handele sich um eine internationale Recherchereise zum Thema „Heizungsbetrug und Energiearmut“. Ich packte einen Trenchcoat ein, den ich seit dem New Yorker Halbfinale nicht mehr gewaschen hatte, ein türkisches Wörterbuch und einen gefälschten Journalistenausweis, den mir ein zwielichtiger Kopierer-Laden in Kreuzberg für vierzig Euro gedruckt hatte. Kurz vor dem Abflug rief Kleff noch einmal an und teilte mir mit, dass ein Sonderkommando der türkischen Behörden mit Interpol kooperiere – und dass eine gewisse „Kabine 14“ im Basar eine ganz andere Bedeutung habe als die VIP-Lounge eines Stadions. Der Flugsteig wurde aufgerufen, und während ich durch die Sicherheitsschleuse schritt, fühlte ich mich wie eine Kreuzung aus Spionage-Thriller und Handwerkermesse – und ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass das Gesetz der Natur gerade erst wieder zuschlug.