Ein verstaubtes, verlassenes Fernmeldeamt mit alten Klappenschränken und Wählscheiben, ein Hacker mit Kapuzenpulli steckt hektisch Kabel um, während ein Kommissar mit dramatischer Pose die Tür aufbricht.
Security Case von Kai Brenner

KW 31, Kapitel 7: Das stille Amt – Finale

Der Samstag begann, wie der Freitag geendet hatte: mit einem Golfball und einem Kaffeebecher, der in hohem Bogen durch mein Büro flog. Ich hatte den gesamten Abend damit verbracht, den zuständigen Richter ans Telefon zu bekommen, während Adelheid den Hörer auf Lautsprecher gestellt hatte und die zweite Strophe des DHL-Jingles summte. Gegen halb elf erwischte ich ihn endlich – auf dem Golfplatz, zwischen Abschlag und Grün, mit einer Gelassenheit, die mich sofort in den roten Bereich katapultierte. „Durchsuchungsbeschlüsse für Montagfrüh sind doch viel charmanter“, erklärte er, „der Samstagsdienst ist ohnehin überlastet, und der Sonntag gehört der Familie.“ Ich rastete aus. Völlig. Louis-de-Funès-mäßig. Meine Hände fuchtelten durch die Luft, ich stieß einen Kaffeebecher vom Schreibtisch, der auf der Kante kurz balancierte, während ich brüllte: „Golf! Der Mann spielt Golf, während eine Cyber-Erpresserbande ganze Logistiknetze und Krankenhäuser lahmlegt!“ Adelheid notierte gelassen: „Niesel-Stimmung = rote Zone mit Golfschläger-Assistenz, Summfrequenz = DHL-Jingle, zweite Strophe als Notruf.“ Dr. Küster zog den Kopf ein und hielt mir Pixels IRC-Prahlerei vom Nachmittag unter die Nase, um mich abzulenken, aber es half nichts. Es half erst etwas, als der Richter kurz vor Mitternacht zurückrief, zerknirscht und mit einem Abschlag, der ihm nicht geschmeckt hatte, und versprach, den Beschluss für Samstag sechs Uhr früh zu unterschreiben. Ich verbrachte den Rest der Nacht mit zwei Stunden Schlaf, Mate-Flaschen-Visionen und dem Echo mechanischer Tastaturen.

Samstag um fünf vor sechs stand ich vor dem Gerichtsgebäude, als wäre es ein Boxring, und um sechs Uhr drei drückte mir der Pförtner einen noch druckwarmen Beschluss in die Hand. Keine halbe Stunde später saßen Adelheid, Dr. Küster und ich im Einsatzwagen, die Blaulichtanlage summte leise, während unsere Verstärkung in zwei zivilen Transportern folgte. Das stillgelegte Fernmeldeamt lag am Ende einer schmalen Kopfsteinpflasterstraße, ein grauer Betonbau mit blinden Fenstern und einer Tür, die aussah, als hätte sie seit der Wiedervereinigung niemand mehr geölt. Dr. Küster balancierte den Laptop auf den Knien und hatte die IRC-Verbindung zu Pixel wiederhergestellt, die noch immer unverschlüsselt durchs Netz segelte. Und was wir hörten, war ein Hacker, der so in seine letzte Prahlerei vertieft war, dass er den Untergang nicht kommen sah. „Ziel heute: Telumandris. Erstzugriff über GIMP, dieses Open-Source-Bildbearbeitungsprogramm, das jeder benutzt, weil es nichts kostet und trotzdem alles kann – sogar beliebigen Code ausführen, wenn man eine manipulierte ICNS-Datei füttert. Ich habe der Grafikerin eine Einladung zu einer angeblichen Messe geschickt, das Bild der Einladungskarte enthielt einen Speicherfehler, der GIMP dazu brachte, meinen Code auszuführen. Das ist, als würde man eine falsche Telefonnummer in die alte Amt-Vermittlung einwerfen – der Wählkontakt klackert einmal falsch, und plötzlich telefoniert der Hausmeister mit dem Vorstand, ohne dass die Sekretärin es merkt. Ich war drin.“

Wir parkten hinter einer verwilderten Ligusterhecke und ich gab das Zeichen zum Aussteigen, während Pixel zum zweiten Akt überging – die Rechteausweitung. „Telumandris’ Server lief unter Linux, und der Linux-Kernel hatte eine ganze Reihe von lokalen Schwachstellen, die es einem angemeldeten Benutzer erlaubten, sich Root-Rechte zu verschaffen. Ich stolperte quasi von der Hausmeister-Konsole in die Oberverwaltung, nur weil ein paar Kernel-Funktionen nicht richtig absicherten, wer welche Systemaufrufe machen darf. Das ist, als würde man in der alten Telefonvermittlung den Hörer abheben und feststellen, dass die Sonderschaltung für das Abhören prioritärer Leitungen mit einer simplen Wählscheibenkombination erreichbar ist, die jeder Lehrling kennt – Chef hat vergessen, die Sperre einzubauen.“ Dann die finale Stufe – Cloudknoten, das Dateiaustauschsystem der Firma. „Cloudknoten hatte hartkodierte kryptografische Schlüssel und eine SQL-Injection-Lücke, mit der man beliebigen Code auf dem Zielserver ausführen konnte. Ich musste nicht einmal ein Passwort knacken, weil der Hersteller einen Generalschlüssel fest eingebaut hatte, den jeder im Handbuch hätte nachlesen können. Das ist, als wäre die Tür zum Archiv der Telefongesellschaft mit einem Standard-Werkzeug zu öffnen, das der Hausverwaltung aller Ämter beiliegt. Fünf Minuten nach dem Kernel-Exploit hatte ich die gesamte Kunden- und Rechnungsdatenbank von Telumandris auf meinem Server und überlegte noch, welches Schweigegeld angemessen wäre, als –“

Das war der Moment, in dem ich die Tür des Fernmeldeamts mit einem Tritt öffnete, der weniger elegant und mehr slapstick-artig ausfiel: Der Fuß blieb an einem losen Kabel hängen, das quer über den Boden lag, ich stolperte, ruderte mit den Armen und rettete mich gerade so an einem alten Klappenschrank, dass ich nicht auf das staubige Linoleum knallte. Adelheid, die hinter mir hereinkam, betrachtete die Situation mit ihrem Notizblock und sagte trocken: „Chef, das ist ein Kabel des Vermittlungsgestänges, nicht der Stolperdraht einer Alarmanlage – aber wenn Sie so weitermachen, werden Sie zur Legende der Fernmeldetechnik.“ Ich rappelte mich auf und stürmte den Gang hinunter, während Dr. Küster über Funk meldete, dass die IRC-Übertragung abgebrochen war und Pixel jetzt nur noch hektische Tastaturgeräusche von sich gab. Im hintersten Raum, umgeben von flackernden Routern und einem halben Dutzend brummender Server, saßen sie: Pixel, die Finger immer noch über der Tastatur, die Mate-Flasche umgekippt neben einer halbvollen Champagnerflasche; Svetlana, die gerade den Mund öffnete, um zu fluchen, aber kein Wort herausbekam; und Boris, dessen mechanische Tastatur nun für immer verstummte.

„Kulmination, Ende der Vorstellung“, sagte ich, und es klang fast ein bisschen zu theatralisch, aber in einem stillgelegten Fernmeldeamt mit analogen Klappenschränken, Glasfaser-Kabeln und einem Hacker, der jetzt fassungslos auf seine Vinyl-Schallplattensammlung starrte, die wir als Beweismittel sicherstellten, war für Understatement kein Platz mehr. Die Handschellen klickten, Adelheid summte die dritte Strophe des DHL-Jingles, und Dr. Küster zog triumphierend den Stecker des CyberPanel-Servers, auf dem sich die Beute aller Erpressungen befand. Die Erpressungen gegen Vlantorio, Klumovix, Dorventis, Fronaxor, Kroldenfex, Brestonix und wie sie alle hießen, waren beendet – nicht durch Lösegeld, sondern durch einen Fußtritt, ein Stolperkabel und drei Beamte, die eine Bande zur Strecke brachten, weil ein Richter endlich den Abschlag ins neunte Loch verpasst und dafür den richtigen Paragrafen griffbereit hatte.

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