Ein Schreibtisch mit zwei Pizzakartons, eine Lupe über einem USB-Stick, auf dem winzig eine Drucker-MAC-Adresse lesbar ist, daneben ein Computerbildschirm mit dem Chat-Log, im Hintergrund eine Karte mit einer Reißzwecke in der PLZ 21.
Security Case von Kai Brenner

KW 32, Kapitel 3: Zammad, Nifi, Lagespiegel – der dritte Gang

Dienstag, 16:42 Uhr. Der Durchsuchungsbeschluss für das Fernmeldeamt lag unterschrieben auf meinem Schreibtisch, aber der USB-Stick mit der Aufschrift »Dessertvorschau« brannte mir in der Westentasche. Adelheid hatte inzwischen drei Kilo Akten zum Druckereigewerbe in der PLZ 21 gewälzt, und Dr. Küsters Forensik-Rechner rotierte so laut, dass ich jeden Moment einen drohenden Bluescreen witterte. Wir saßen in der Einsatzzentrale, wo der Geruch von angebranntem Käse hartnäckig an der Tapete klebte und mich alle zehn Minuten zur Weißglut trieb, weil niemand den verdammten Müll rausbrachte. Ich schnappte den leeren Pizzakarton, zielte auf den Papierkorb und verfehlte ihn um einen Meter, was meinen Puls sofort in die Höhe trieb, bis Adelheid trocken sagte: »Chef, Sie sollten nicht mit Beweismitteln werfen.«

In diesem Moment knackste der abgehörte IRC-Kanal, und Maîtres Stimme tropfte wie ein zu schweres Dressing vom Salatblatt. »Meine Damen und Herren der Verkostung – ich präsentiere den dritten Gang: Zammad als Amuse-Bouche, Apache Nifi als Hauptspeise und als krönenden Abschluss unseren eigens gewürzten Lagespiegel.« Das Opfer diesmal war Lumantris, ein Logistikdienstleister, der seine gesamte Kundenkommunikation über das freundliche Helpdesksystem Zammad abwickelte. Maître lehnte sich hörbar zurück und dozierte: »Zammad hat mir die Tür geöffnet wie ein übereifriger Restaurantkritiker, der dem Ober behauptet, er sei vom Gesundheitsamt. Ein präparierter Request, eine falsche Rolle, und schon hatte ich sämtliche Agenten- und Adminkonten auf dem Silbertablett. So kam ich an die Rohrpost des Unternehmens – das gute alte Apache Nifi. Aber Nifi ist ein braves Datenfließband, es sei denn, man füttert es mit einer falschen Zieladresse, dann landen die vertraulichen Frachtpapiere nicht im internen Dashboard, sondern in meiner privaten Dropbox.« Dr. Küster übersetzte parallel, dass es sich um eine Schwachstelle in der Umgehung von Sicherheitsvorkehrungen handelte, die authentifizierten Benutzern die Ausführung beliebigen Codes erlaubte – sofern sie wussten, wie man das Prozessor-Plugin zu überreden hatte.

Maître war noch nicht fertig. »Und der Clou, liebe Gäste: das hauseigene Sicherheitsinformations- und Ereignismanagement von Lumantris, das sie ehrfürchtig ›Lagespiegel‹ nennen. Ein angeberisches System, das alle Alarme überwachen und jeglichen Unbefugten sofort melden soll – im Prinzip ein Inspizient im Theater, der jeden Schauspieler auf der Bühne verfolgt. Ich habe dem Inspizienten ein falsches Drehbuch zugespielt, eine speziell präparierte XML-Datei, und siehe da: Er spielte meine Inszenierung, in der nie ein Einbruch stattfand. Gleichzeitig fiel ihm ein altes Passwort in den Schoß, das Codeausführung mit Root-Rechten erlaubte – und schon war ich unsichtbar und allmächtig.« Dr. Küster nickte grimmig: XEE-Injection gepaart mit einer ungepatchten Authentifizierungslücke, die bereits bekannte Angriffspfade öffnete. Ich brüllte »Lumantris! Erpresst die Verkostung jetzt auch noch Logistiker?!« und haute mit der flachen Hand auf den Tisch, dass alle drei Monitore wackelten.

Adelheid schob mir ein Blatt Papier hin, während ich noch nach Luft schnappte. Sie hatte die Metadaten des USB-Sticks auseinandergenommen und in den Tiefen der PDF-Baupläne eine unscheinbare Zeichenkette gefunden – eine Drucker-MAC-Adresse, die zu einem bestimmten Netzwerkdrucker gehörte, und dieser Drucker war bei der regionalen Druckerei Schönberger in der Postleitzahl 21 registriert. Derselben Druckerei, die unsere berüchtigten Pizzakartons mit den feinen Metadaten produzierte. Meine Wut schlug um in eine Mischung aus Triumph und noch größerer Empörung: »Die drucken ihre Erpresserbriefe und unsere geklauten Baupläne auf der gleichen Maschine, direkt um die Ecke vom Fernmeldeamt!« Ich rannte einmal um den Schreibtisch, fuchtelte mit der Kaffeetasse und brüllte Anweisungen, die niemand verstehen konnte, weil ich gleichzeitig den Hörer ans Ohr presste, um den Durchsuchungsbeschluss erweitern zu lassen.

»Morgen knöpfen wir uns das Fernmeldeamt UND die Druckerei vor«, keuchte ich, als ich mich endlich wieder beruhigt hatte und den aufgespießten Zettel mit der Druckermarke triumphierend an die Pinnwand heftete. »Die Verkostung tischt auf, aber diesmal kommen wir zum Dessert, bevor Maître den Digestif bestellt.« Adelheid notierte sich die Adresse der Druckerei und warf mir einen skeptischen Blick zu: »Und die Ananas-Pizza?« Ich riss den nächsten Karton vom Stapel und entdeckte tatsächlich wieder eine Pizza Hawaii – diesmal mit einer handgeschriebenen Notiz: »Bis morgen, Kommissarchen.« Ich knüllte den Zettel zusammen, aber das Netz zog sich spürbar zu. Morgen würde ich nicht nur die Bande schnappen, sondern auch den Pizzaboten, der mich seit Tagen mit Ananas quälte.

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