Mittwochfrüh, der Regen trommelte gegen die Windschutzscheibe meines Dienstwagens, während ich Monas Wohnung in der Kantstraße observierte. Adelheid hatte herausgefunden, dass sie jeden Mittwoch um Punkt acht Uhr ihren Dackel ausführte – ein albernes Tier mit einem noch alberneren karierten Regenmantel. Ich hatte seit gestern keinen Kaffee mehr intus, und meine Finger zitterten vor Entzug, als ich das Fernglas justierte. Mona trat aus der Tür, den Dackel unter dem Arm, und marschierte geradewegs zur Mülltonne, um einen zerknüllten Zettel hineinzustopfen. Kaum war sie außer Sichtweite, stürzte ich durch den Regen, fischte besagten Zettel aus dem Biomüll – es war die Quittung für eine Prepaid-Karte, gekauft gestern Abend in einem Kiosk drei Straßen weiter. Während ich triumphierend die klatschnasse Trophäe schwenkte, rutschte ich auf dem nassen Laub aus und landete rücklings in einer Pfütze, just als eine Schulklasse mit ihren Schirmen an mir vorbeizog und der Lehrer rief: „Kinder, seht ihr, das passiert, wenn man keine Warnweste trägt!“ Ich rappelte mich auf und brüllte ihnen hinterher: „Die Kriminalpolizei dankt für Ihre Verkehrserziehung!“, doch mein Zorn verpuffte im Prusten des Dackels, der plötzlich an meinem Hosenbein schnüffelte und offenbar Gefallen an Biomüll-Parfüm gefunden hatte.
Zurück im Präsidium, triefend und immer noch koffeinfrei, erwartete mich Dr. Küster mit einem Ausdruck aus dem Darknet. „Herr Niesel, die Taktgeber haben sich eine neue Bühne gesucht – kein IRC, kein Sparrow-Messenger. Unser Hacker Cipher prahlt jetzt in einem öffentlichen Forum, nennt sich dort ‘Cipherus Maximus’ und gibt kryptische Updates zu seinen Coups. Hören Sie selbst.“ Sie las vor: „’Karnovil, ihr habt gedacht, eure Kundendatenbank sei sicher hinter fünf Firewalls und einem Bet-Erst-Bevor-Du-Reinkommst-Gebet? Erster Akt: Thunderbird!’“ Cipher beschrieb, wie er eine getarnte E-Mail an den stellvertretenden Buchhalter von Karnovil geschickt hatte – getarnt als Rechnung eines tatsächlich existierenden Lieferanten, nur mit einem kleinen Extra im HTML-Anhang. „CVE-2026-12328, das ist wie ein Briefträger, der einen harmlosen Umschlag bringt, aber sobald du ihn öffnest, springt dir ein dressiertes Frettchen ins Gesicht und klaut deine Hausschlüssel. Der Buchhalter öffnete die Mail – und schon hatte ich meinen Code auf seinem Rechner. Aber der war ja nur ein einfacher Nutzer, das ist, als hätte ich das Wohnzimmer, aber nicht den Tresorraum. Zweiter Akt: Linux Kernel!“ Cipher hatte eine lokale Rechteausweitung genutzt, um sich Root zu holen – „CVE-2026-23111, den nennen sie ‘Dirty Frag’ im Underground. Das ist, als würdest du im Theater heimlich zum Lichtpult kriechen und plötzlich nicht nur den Vorhang, sondern die gesamte Bühnentechnik steuern. Von da an war ich der Intendant des gesamten Servers. Und wisst ihr, was ich fand? Eine ungepatchte PostgreSQL-Datenbank, in die die Entwickler ihre Abfragen schrieben wie Liebesbriefe an eine Wand aus Karteikarten. Mit CVE-2026-6473, einer SQL-Injection, hab ich mir den gesamten Inhalt in einem Rutsch herausgezogen – wie ein Zauberer, der ein Tischtuch unter kostbarem Porzellan wegreißt, nur dass ich das Porzellan mitgehen ließ und die Scherben Karnovil gehören.“ Die Zahlungsfrist, schloss Cipher, betrage 48 Stunden, andernfalls gehe der Datenbestand aller Kunden von Karnovil – einer mittelständischen Logistikfirma – an die Konkurrenz und an diverse Presseportale.
Der Prepaid-Karten-Zettel führte uns zu einem kleinen Kiosk am Mehringdamm, dessen Besitzer mir bereitwillig die Überwachungsaufnahmen von gestern Abend zeigte – gegen eine großzügige Spende in seine „Kaffeekasse für in Not geratene Kommissare“, die praktischerweise direkt neben der Registrierkasse in seinen Hosentaschen endete. Auf dem Video war deutlich zu sehen, wie Mona zwei Straßen weiter, unter einer defekten Laterne, eine zweite Person traf, die eine auffallend verbeulte Aktentasche trug und ihr etwas zusteckte. Ich zoomte heran und verschluckte mich fast an der lauwarmen Limonade, die mir der Kioskbesitzer als „Hausspezialität“ angeboten hatte: Die Gestalt bewegte sich mit einer leicht hinkenden Eleganz, die mir von den Observierungsfotos von Maîtres einstigem Prozess nur allzu bekannt war. Aber Maître saß in U-Haft, und doch zeigte das Video einen Mann, der seine Statur hatte und sich mit Mona traf, während Maîtres Verbindungsmann in der JVA – Luchs – uns weiterhin Informationen zuspielte. War der Maître auf dem Video ein Doppelgänger, ein Bruder, oder bluffte die JVA uns mit einem falschen Häftling? Meine Gedanken rotierten, und ich schleuderte die Limonadendose gegen den nächsten Mülleimer, was eine Kette von scheppernden Deckeln auslöste und eine vorbeifahrende Straßenbahn zum Quietschen brachte – der Fahrer zeigte mir einen Vogel, den ich mit hoch erhobener Dienstmarke quittierte.
Adelheid hatte unterdessen herausgefunden, dass die Prepaid-Karte exakt um 20:17 Uhr aktiviert worden war – drei Minuten nachdem eine SMS von Luchs’ Server in der JVA an genau diese Nummer gegangen war. „Die Kommunikation ist ein Dreieck“, flüsterte ich, während ich meine pitschnassen Socken auf der Heizung trocknete und Dr. Küster angewidert das Fenster öffnete. „Maître sitzt in der Zelle, Luchs schickt Nachrichten raus, und Mona empfängt sie mit einer frisch gekauften Wegwerf-Nummer. Aber wer ist die hinkende Gestalt, die sich mit ihr trifft? Das ist weder Cipher – zu groß – noch der IT-ler, den wir bisher beschattet haben. Die Taktgeber haben ein neues Mitglied, oder sie haben Maîtres Aussehen kopiert, um uns zu verwirren. Wir müssen Karnovil warnen und gleichzeitig herausfinden, ob in der JVA alles mit rechten Dingen zugeht oder ob wir einen Maître-Imitator durch die Gegend scheuchen, während der echte ein aufgeschlagenes Zellenfenster und eine Beinprothese aus Stricknadeln hat!“ Adelheid notierte alles, während Dr. Küster bereits die Telefonnummer der JVA-Direktion wählte und ich mir endlich, endlich einen Kaffee aus dem Automaten zog – der allerdings so heiß war, dass ich ihn auf meinem Schoß verschüttete und mit einem Aufschrei hochsprang, der die halbe Etage zusammenfahren ließ. Die Taktgeber hatten einen weiteren Coup gelandet, aber sie hatten in ihrer Überheblichkeit einen Fehler gemacht: Sie trafen sich unter einer kaputten Laterne, und sie hatten nicht mit einem triefnassen, koffeinsüchtigen Kommissar gerechnet, der bereit war, zur Not barfuß weiterzuermitteln.