Sonntag, 23. August, 9:41 Uhr. Ich ducke mich hinter einen Fischkutter und starre auf den Bootsschuppen 3 am alten Hafen. Gestern Mittag, nachdem wir den weißen Lieferwagen am Kiosk verpasst hatten, fand Adelheid auf dem Boden eine leere Chipstüte. Auf der Rückseite stand mit Edding: ›Schuppen 3, 10 Uhr, Rest holen.‹ Ein Fehler. Der erste echte Fehler der Datenkuriere, seit sie Lomestra in Geiselhaft halten. Die Adresse führte hierher, zu einem Schuppen, der nach Teer und toten Fischen riecht. Ein V-Mann aus der Kneipe gegenüber hat uns verraten, dass die Bande sich hier trifft. Wir haben die Tür im Blick. Küster hat eine Wanze am Fenster angebracht, die aussieht wie eine tote Möwe. Niemand hinterfragt eine tote Möwe.
Durch die Wanze höre ich die Stimme des Hackers. Sie klingt wie ein Akkuschrauber mit Schnupfen. ›Ich sag euch, der letzte Coup war mein Meisterstück. Ich hatte schon einen Domain-Admin-Zugang zu Lomestra – den hatte ich aus dem Vault-Vorfall übrig. Aber der reichte nicht an die Kundenliste. Also habe ich mir die neue Lücke in Apache CloudStack geschnappt. CVE-2026-25077. Das ist wie ein Bühnenmeister, der die Schauspieler einteilt, und ich habe mir das Kostüm des Bühnenmeisters angezogen. Damit war ich in der VM, die für das Abrechnungssystem zuständig ist.‹ Er macht eine Pause, als ob er auf Applaus wartet. ›Aber die VM war nur ein Statist. Ich musste auf den Host, wo die eigentlichen Daten liegen. Und da kam libvirt ins Spiel. CVE-2026-18917. Das ist wie der Inspizient, der die Türen zwischen Bühne und Regieraum kontrolliert. Ich habe meine Rolle vom Statisten zum Inspizienten gewechselt, und plötzlich hatte ich Zugriff auf alles.‹ Ein anderes Bandenmitglied hustet. ›Und die Daten?‹ ›Sind hier, auf dem Stick. Wenn die bis zehn nicht zahlen, geht alles raus.‹
Küster flüstert: ›Für die Festnahme brauchen wir Formular 17 B. Ausgefüllt in dreifacher Ausfertigung. Ohne das ist die Verhaftung anfechtbar.‹ Ich explodiere. ›Formular 17 B? Wir stehen vor einem Bootsschuppen, in dem ein Hacker die Kundenliste von Lomestra als Geisel hält, und Sie reden von Formularen?‹ Mein Herz rast. Ich will aufstehen, stoße mir den Kopf an der Reling des Kutters, verliere das Gleichgewicht und trete in einen Eimer mit Köderfischen. Der Eimer kippt um. Köderfische rutschen über die Kaimauer. Adelheid hält mich fest, Küster reicht mir ein Klemmbrett. ›Ich habe es vorausgefüllt, Chef. Sie müssen nur unterschreiben.‹ Ich unterschreibe auf der Motorhaube des Dienstwagens, während ich mit der anderen Hand versuche, einen Fisch aus meinem Ärmel zu schütteln. Es ist 9:52 Uhr.
Um 9:58 Uhr geben wir das Zeichen. Wir stürmen den Bootsschuppen. Die Tür fliegt auf. Der Hacker steht an einem Tapeziertisch, auf dem ein Laptop, drei Monitore und eine Packung Fischstäbchen liegen. Er redet immer noch. ›…und dann habe ich dem System gesagt, ich wäre der Inspektor, und es hat mir den Generalschlüssel gegeben –‹ Er bemerkt uns erst, als Adelheid ihm die Handschellen anlegt. Er blinzelt. ›Oh, Kommissar. Wollen Sie auch die Daten? Ich kann Ihnen eine Kopie machen, wenn Sie das Formular 17 B ausfüllen.‹ Der Kurier, ein Mann mit Sprachfehler, der aussieht wie ein trauriger Fischreiher, versucht noch, den Stick zu schlucken. Küster hält ihm die Hand hin. ›Schlucken ist Beweisvereitelung, das kostet extra.‹ Er spuckt den Stick aus. Der dritte Mann, der Anführer – ein bulliger Typ, der ständig ›Prozessoptimierung‹ sagt – erhebt sich, stolpert über einen Anker und landet in einem Netz. Es ist vorbei. Die Datenkuriere sind geschnappt. Die Uhr zeigt 9:59 Uhr.
Wir führen sie ab. Der Hacker beschwert sich, dass wir seine Rechte nicht ordnungsgemäß verlesen haben, und verlangt einen Anwalt, der sich mit CloudStack auskennt. Draußen wartet die Sonntagsruhe. Lomestra muss nicht zahlen. Die Daten sind gesichert. Adelheid sagt: ›Chef, der Stick enthält die Kundenliste und die letzte Ladung. Alles da.‹ Küster nickt und legt Formular 17 B in die Asservatentüte. ›Für die Akte.‹ Ich atme aus. Zum ersten Mal seit Tagen riecht der Hafen nicht nach Niederlage. Nächste Woche fangen wir eine neue Bande. Aber heute zählt nur eins: Die Datenkuriere sind Geschichte. Und ich habe keinen einzigen Fisch gefrühstückt.