Freitagmorgen, Einsatzzentrale. Niesel kämpfte mit dem Etikettendrucker, der einen Papierstau hatte, als hätte jemand ein Faxgerät mit einem Kaugummi gefüttert. »Dieses Ding druckt Aufkleber für Beweise, aber es kann nicht mal einen Stau melden, ohne zu leuchten wie ein Christbaum!« Adelheid von Senff zog ein Blatt aus dem Schlitz. Dr. Irmgard Küster schob eine Maus über den Tisch. »Ein V-Mann hat uns eine Sprachnachricht zugespielt. Motte, an Berti. Sie ist über einen Messenger gelaufen, aber der V-Mann hatte das falsche Gerät in der Hand. Wir dürfen sie nicht als abgehörten Anruf werten, sondern als freiwillige Überlassung.« Niesel ließ den Drucker los. »Freiwillige Überlassung, so nennen wir das also. Spielen Sie ab.«
Die Aufnahme begann. Mottes Stimme, hellwach, als hätte er drei Espresso mit Löschpapier getrunken. »Berti, Dromantira ist offen. Der Einstieg lief über Chrome. Ich habe dem Buchhalter einen Link geschickt, der aussah wie die Einladung zum Betriebsausflug. Ein Klick, und CVE-2026-11645 hat in Google Chrome zugeschlagen – wie ein Losverkäufer auf dem Jahrmarkt, der dir ein Freilos andreht, während sein Kollege die Brieftasche leert. Der Browser dachte, ich wäre nur eine harmlose Webseite, und hat mir erlaubt, auf dem Rechner des Buchhalters eigenen Kram auszuführen. Dann bin ich weiter zu Tanium Endpoint Management, das Werkzeug, mit dem die IT-Abteilung alle Firmenrechner steuert. Da habe ich mir über CVE-2026-11391 eine SQL-Injection gegönnt – stell dir vor, ich bin in der Restaurantküche und sortiere die Rezeptkarten so um, dass ich plötzlich bestimmen darf, was auf die Speisekarte kommt. Damit hatte ich Adminrechte auf allen Endgeräten. Zum Schluss Cisco Nexus Dashboard, die Schaltzentrale fürs Netzwerk. Über CVE-2026-20322 habe ich Persistenz eingerichtet – wie ein Platzanweiser im Stadion, der einmal durchs Drehkreuz geht und dann in jeder Kabine das Licht anknipst. Jetzt bin ich überall drin, Berti. Die Daten fließen auf unseren Server. Die Forderung kann morgen raus, Chef.«
Senff spielte die Nachricht noch einmal ab. Niesel stopfte ein Papier in den Drucker. »Dromantira? Das ist neu. Und der soll mit dem Etikettendrucker-Problem leben, während ich hier stehe?« Küster stoppte die Aufnahme. »Die Nachricht hat Metadaten. Der Aufnahmeort ist ein Supermarktparkplatz am alten Posthof. Außerdem hat Dromantira verdächtige Anmeldungen bestätigt: ein Rechner hat sich heute Nacht um 03:12 Uhr am Tanium-Server angemeldet, und das Cisco Nexus Dashboard zeigt ungewöhnliche API-Aufrufe aus einer fremden IP. Die IP gehört zu einem Server, der nicht Rotterdam ist, aber er hat dieselbe Anmietfirma wie der Rotterdam-Server. Der Hafenkiosk-Router hat vor drei Tagen zwei Geräte gesehen, die zu den selben MAC-Adressen passen wie der neue Server.« Niesel zog den Stecker des Druckers. »Das ist keine Spur, das ist ein Leuchtfeuer. Wir fahren zum Supermarkt. Und nehmen Sie den Etikettendrucker mit, wir werden Beweise haben.« Senff reichte ihm eine Weste. »Der V-Mann hat gesagt, die Bande wollte sich am Mittag am Posthof treffen.«
Am Supermarktparkplatz standen zwei Männer an einem Kleinwagen. Niesel erkannte Berti an der Basecap und Motte an den fuchtelnden Händen. Er drückte den Funkknopf – die Batterie war geladen, diesmal hatte er das Ladegerät dabei. »Senff, links, Küster, rechts. Ich nehme den mit dem Laptop.« Er humpelte los, stolperte über einen Pfandbon, fing sich an einem Einkaufswagen und schrie: »BLEIBEN SIE STEHEN! ICH HABE EINEN ETIKETTENDRUCKER UND EINE TÜTE BEWEISMITTEL!« Die Männer sprangen in den Wagen, Motte ließ einen Laptop fallen. Der Kleinwagen machte einen Satz nach vorn und bog um die Ecke. Niesel stand da, hielt den Laptop wie ein Paket, das keiner bestellt hatte. »Wenigstens kein Becher diesmal«, keuchte er. Senff kam angerannt. »Der Laptop ist warm. Und er hat einen Aufkleber vom Posthof-Café.«
Zurück in der Einsatzzentrale. Küster schloss den Laptop an. »Er enthält Zugangsdaten für Dromantira, Logs von Chrome, Tanium und Cisco Nexus Dashboard. Und eine Verbindung zum Rotterdam-Server, die heute Nacht um 03:15 Uhr aufgebaut wurde. Die Falle am Server hat nicht ausgelöst, weil die Bande vorher abgebrochen hat. Aber jetzt haben wir den Laptop, die IP, und Dromantira liefert uns alle Logs. Die Forderung an Dromantira ist noch nicht raus, aber die Daten sind unterwegs.« Niesel klebte ein Etikett auf den Laptop. »Morgen knipsen wir in deren Kabinen das Licht aus. Und dem Drucker gebe ich noch eine zweite Chance, aber nur wenn er den Stau selber meldet, bevor ich ihn durchs Fenster werfe.« Senff schob ihm eine Tasse hin. »Das Fenster ist abgeschlossen, Kommissar.«