Detektiv mit Headset hört einen Anruf ab, zwei Hacker fahren zu einem Bürogebäude mit Serverraum und einem Kalender, der Sonntag zeigt.
Security Case · Serie von Kai Brenner

KW 38, Kapitel 7: Die Lückenbüßer und der Marolinth-Coup

Sonntagmorgen in der Einsatzzentrale. Niesel hatte den Aktenvernichter mit einem Bleistift entstopft, jetzt rasselte der alte Kaffeeautomat wie ein Düsenjet. Senff füllte Thermoskannen, Küster prüfte die Überwachungskameras bei Bravanduris. Niesel blickte auf die Uhr: acht. Noch vier Stunden bis zwölf. »Die Bande wird kommen«, sagte er. »Wir haben ihnen eine Falle gestellt, die selbst der dümmste Hacker nicht übersieht.« Er lächelte schief. »Genau deshalb haben sie sie vermutlich übersehen.« Das Telefon mit der Fangschaltung auf Mottes Handy piepte. Niesel riss den Kopfhörer an sich.

Der Anruf war live. Motte sprach mit Berti, seine Stimme klang wie ein defekter Föhn. »Bravanduris ist verbrannt, Berti. Ich hab deren Observierung gefühlt. Wir wechseln das Ziel. Marolinth heißt der Fisch. Erstzugriff über Eclipse Jetty, CVE-2026-5795. Das ist wie ein Fahrgast im Bus, der die Notbremse löst, nur weil er seine Haltestelle verpasst hat – die Türen springen auf, und ich bin drin, ohne Ticket. Damit komm ich auf deren Webserver. Dann Rechteausweitung über AMD EPYC, CVE-2026-43603. Lokal auf der Kiste. Das ist wie ein Azubi in der Großküche, der die Mütze des Küchenchefs vom Haken nimmt und plötzlich die Soßenrezepte ändert. Ich bin Admin. Zum Schluss Persistenz und Exfiltration über IBM QRadar SIEM, CVE-2026-1276. Ich tausche die Bonrolle im Kassensystem, setze die Überwachungsmonitore auf Wackelkontakt und stecke die Tageseinnahmen in die Dessertkarte. Marolinth merkt nichts, Berti. Heute Nachmittag um drei.« Niesel hörte, wie Berti brummte. »Und die Bullen?« Motte lachte. »Die sitzen bei Bravanduris und warten auf ein Wunder.«

Niesel riss den Kopfhörer herunter. »Verdammte Bande!«, brüllte er und trat gegen den Kaffeeautomaten, der sofort aufhörte zu rasseln und stilles Wasser auf den Boden tropfte. Senff schob ihn beiseite. »Wir haben keine Zeit für Wutanfälle. Marolinth, nicht Bravanduris. Wie gut kennen wir deren Infrastruktur?« Küster tippte. »Marolinth nutzt Eclipse Jetty für ihr Kundenportal, AMD EPYC in den Servern und IBM QRadar als SIEM. Passt exakt zu Mottes Plan.« Niesel atmete aus. »Ich hab die Bande mit einer falschen Fährte von Bravanduris weggelockt – ich habe gestreut, dass wir dort eine Falle aufbauen. Dass sie dann auf Marolinth springen, war eine Option, die ich gehofft hatte. Ich hab Marolinth gestern Abend vorsorglich überwacht und die IT-Leitung informiert, dass heute etwas passieren könnte. Die haben die Überwachungskameras scharf geschaltet und ein stilles Alarmsystem aktiviert. Wir fahren jetzt hin.«

Um zwei Uhr nachmittags lagen sie in Marolinths Tiefgarage, zwischen einem E-Auto und einer Lüftungsanlage. Der Lieferwagen der Lückenbüßer bog um die Ecke. Motte stieg aus, Berti blieb am Steuer. Motte klappte sein Netbook auf, begann zu hacken. Über die versteckten Mikrofone hörte Niesel ihn leise fluchen, als die Verbindung zu Marolinths Server aufgebaut wurde. Dann ertönte ein Summen. »Jetzt«, sagte Niesel. Sie stürmten aus der Deckung. »Polizei! Hände hoch!« Motte warf das Netbook zu Boden, versuchte zu rennen, stolperte über das Ladekabel des Lieferwagens und landete in einem Farbeimer. Berti versuchte, den Rückwärtsgang einzulegen, aber Senff hatte bereits die Fahrertür aufgerissen. Handschellen klickten. Motte, mit grüner Farbe im Gesicht, schrie: »Das ist alles ein Missverständnis!« Niesel grinste. »Ja, Ihr habt die falsche Firma erwischt. Und den falschen Kommissar.«

Zurück in der Einsatzzentrale trank Niesel den kalten Kaffee aus dem Automaten, der jetzt wie ein toter Delfin in der Ecke stand. »Die Lückenbüßer sind Geschichte. Berti und Motte sitzen in U-Haft, der Banden-Hacker hat gestanden. Die Krypto-Kobolde sind übrigens schon letzte Woche hochgenommen worden – die Akte war nur noch nicht geschlossen.« Senff nickte. »Damit sind alle Fälle aus dieser Woche gelöst. Nächste Woche fangen wir von vorn an.« Niesel sah auf den Kaffeeautomaten. »Und ich kaufe einen neuen. Oder ich bleibe bei Tee.« Er seufzte. »Ein Mordfall wäre auch mal was Einfaches.«

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