Illustration eines lauschenden Kommissars vor einem Bahnhofscafé, mit schwebenden Symbolen für Server, rote Mütze und Backup-Band.
Security Case · Serie von Kai Brenner

KW 40, Kapitel 2: Prahlerei am Gleis 3

Dienstagmorgen, 29. September 2026, und ich, Norbert Niesel, stand vor meinem Schreibtisch und starrte auf den leeren Teller. „Wo ist mein Frühstücksbrötchen?“, brüllte ich, und meine Stimme klang wie eine Sirene, die den Probealarm verschlafen hat. Adelheid von Senff, die gerade den Raum betrat, zuckte nicht einmal zusammen. „Ich habe es gestern Abend entsorgt, weil es von Montag war. Heute gibt es frische.“ Sie hielt mir eine Papiertüte entgegen, aus der es nach Salami roch. Bevor ich mich bedanken konnte, klingelte mein Telefon. Es war Dr. Irmgard Küster, und sie sagte den Satz, der alles veränderte: „Das Audio-Labor hat den Bahnhof identifiziert. Die Durchsage im Hintergrund der Erpresser-Sprachnachricht stammt vom Bahnhof Südkreuz, Gleis 3. Die automatische Ansage ist dort einzigartig, weil sie einen Tonfehler bei der Vokalaussprache hat.“ Ich riss ihr fast das Telefon aus der Hand. „Südkreuz! Da fahren die S-Bahnen durch. Und da gibt es ein Café mit Blick auf Gleis 3, in dem sich zwielichtige Gestalten treffen.“ Ich hatte plötzlich das Bild eines verdächtigen Kellners vor Augen, der immer einen Notizblock dabeihat. „Wir überwachen das Café. Und zwar sofort.“

Am späten Nachmittag saßen wir in einem unauffälligen Lieferwagen gegenüber dem Café „Gleis drei“, das tatsächlich so hieß wie die Durchsage. Adelheid kaute auf einem Lakritzstäbchen, während ich das Richtmikrofon auf den Fenstertisch justierte. Ein verdeckter Ermittler hatte in der Nacht zuvor eine Mini-Wanze unter dem Tisch angebracht – kein Richtmikrofon, sondern eine Wanze mit Übertragung direkt in den Lieferwagen. Ich hatte mein Brötchen aus der Papiertüte in der Hand, als plötzlich drei Gestalten auftauchten: eine Frau mit eiskaltem Blick, ein Mann mit einem abgewetzten Rucksack und ein dürrer Typ, der einen Laptop unter den Arm geklemmt hatte wie ein Baby. „Die Schatten-Syntax“, flüsterte Adelheid. Ich nickte und schob mir das Brötchen in den Mund, um nichts zu sagen. Über den Kopfhörer hörte ich, wie sich die drei setzten und Kaffee bestellten. Dann fing der dürre Typ an zu reden, und ich hörte zum ersten Mal die Stimme von Rainer Raster live.

„Also, pass auf, Vera“, sagte Raster, „Sigi hat mir wieder einen Weg gebahnt, diesmal über Citrix NetScaler. Die Lücke CVE-2026-101262 hat mir den Weg geebnet – nicht mit einem Schlüssel, sondern wie ein Briefkasten, dessen Klappe so locker sitzt, dass man ein Paket durchschieben kann, obwohl nur Briefumschläge vorgesehen sind. Damit konnte ich von außen eigenen Code auf dem Gateway ausführen, als wär ich der Postbote mit Sonderlieferung. Dann bin ich in die Benutzerverwaltung, FreeIPA auf Red Hat Enterprise Linux, und hab mir mit CVE-2026-11861 Adminrechte geholt. Das ist wie ein Küchenjunge, der den Dienstplan so umschreibt, dass er plötzlich die Sauce abschmeckt und der Chefkoch nur noch spült. Und zum Schluss hab ich Velero, das Backup-System für Kubernetes, mit CVE-2026-32637 manipuliert. Stell dir vor, das Notfallprotokoll wird so umgeschrieben, dass beim nächsten Brand alle zum falschen Ausgang rennen, und ich räume in Ruhe die Registrierkasse aus. Jetzt haben wir nicht nur die Daten, sondern auch die Backups. Wenn die nicht zahlen, gehen wir in die Geschichte ein als die Bande, die Zervanthira das Rückgrat gebrochen hat.“

Ich kaute schneller, während ich zuhörte. Das Brötchen schmeckte nach Adrenalin. Vera Vektor, die Frau am Tisch, schien zu lächeln, aber es wirkte wie ein Messer im Besteckkasten. „Halt den Ball flach, Raster. Wir brauchen noch den letzten Beweis, dass wir alles in der Hand haben. Danach erhöhen wir den Druck.“ Sigi Stack nickte stumm und schob sich eine Handvoll Zuckerpäckchen in die Jackentasche. Ich notierte fieberhaft die CVE-Nummern auf einem Zettel, den ich später Dr. Küster vorlegen würde.

In diesem Moment passierte etwas, das ich später als typisch für meine Einsätze bezeichnen würde: Ich wollte einen Schluck Kaffee aus dem Thermobecher trinken, verfehlte den Mund und goss mir die heiße Brühe über den Ärmel. Mein Aufschrei war so laut, dass Vera Vektor aufschaute und direkt in unsere Richtung blickte. „Da ist jemand im Lieferwagen“, sagte sie leise, aber ich hörte es durch die Wanze, als stünde sie neben mir. Die drei standen auf, ohne zu zahlen, und verschwanden durch den Hinterausgang. Ich riss die Tür auf und stürmte in den Bahnhof, aber die Drehsperre am Eingang weigerte sich, mich durchzulassen, weil ich meine BahnCard nicht fand. „Das ist eine Polizeimaßnahme!“, brüllte ich, während eine ältere Dame mich mit einem Ausdruck ansah, als hätte ich ihr in die Handtasche gepinkelt. Bis ich endlich durch war, hatte die S-Bahn nach Königswusterhausen bereits den Bahnhof verlassen. In einem Fenster sah ich drei Umrisse, und einer davon winkte. Ich winkte nicht zurück.

Zurück in der Einsatzzentrale warf ich die nassen Kleidungsstücke in die Ecke und rief Dr. Küster an. Sie hatte den Mitschnitt bereits ausgewertet und die genannten CVE-Nummern verifiziert: „CVE-2026-101262 in Citrix NetScaler ist ein Zero-Day, der aktiv ausgenutzt wird. CVE-2026-11861 in FreeIPA erlaubt Rechteausweitung bis zum Administrator. Und CVE-2026-32637 in Velero ermöglicht Codeausführung und Informationsabfluss. Die Bande hat jetzt nicht nur die Daten, sondern auch die Backups von Zervanthira. Wir müssen die Firma sofort warnen, ihre Wiederherstellungsprozesse neu aufzusetzen.“ Ich nickte, obwohl sie mich nicht sehen konnte. Dann griff ich nach dem zweiten Brötchen, das Adelheid mir wortlos hinhielt. Es war kalt, aber es schmeckte nach einem Sieg, der noch keiner war.

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