Werbetech ist alles andere als harmloser Hintergrundlärm. Das Citizen Lab an der University of Toronto beschreibt in einer an einem Donnerstag veröffentlichten Untersuchung ein Verfahren namens AdFection, bei dem zielgerichtete Onlinewerbung eine Zero-Click-Infektion auslöst — ohne Klick, ohne Download, ohne sichtbare Spur. Nach eigener Darstellung der Forscher ist es die erste öffentlich dokumentierte Bestätigung, dass Söldner-Spyware über Werbung ausgeliefert wurde; als Ziel nennt das Labor Geräte bei Al Jazeera, infiziert mit Spyware des Anbieters Candiru.
AdFection: Was das Citizen Lab belegt — und was offen bleibt
Das Citizen Lab formuliert seine zentrale Aussage selbst als „first-ever public confirmation of zero-click mercenary spyware delivered via targeted ads" (Citizen Lab). AdFection sei demnach genutzt worden, um Geräte bei Al Jazeera mit Candirus Spyware zu infizieren. Zero-Click heißt: Die Infektion läuft ohne jede Interaktion des Opfers, bleibt für das Ziel unsichtbar und verschafft dem Angreifer Zugriff auf Daten, Kamera und Mikrofon.
Der Citizen-Lab-Forscher Wolfie Christl wird mit den Worten zitiert, die Studie dokumentiere „zum ersten Mal konkrete technische Belege für so einen Spyware-Angriff über Onlinewerbung" (tagesschau.de). Genau hier liegt die entscheidende Einschränkung: Belegt ist die Existenz und die Einordnung des Verfahrens — nicht eine technische Nachprüfung durch unbeteiligte Dritte. Die Untersuchung umfasst nach Angaben der beteiligten Berichterstattung 72 Seiten.
Zero-Day trifft Werbeauslieferung: der neue Lieferweg
Zero-Click-Angriffe sind kein neues Phänomen. Der Referenzfall FORCEDENTRY (CVE-2021-30860) nutzte eine Lücke in iMessage und kam ohne Interaktion des Opfers aus; Apple patchte sie am 13. September 2021 für iOS vor 14.8, macOS vor Big Sur 11.6 und watchOS vor 7.6.2 (Citizen Lab). Damals war der Angriffsvektor ein Nachrichtenprotokoll. AdFection verschiebt denselben Ansatz auf die Werbeauslieferung — eine Infrastruktur, die auf nahezu jeder redaktionellen Website als Fremdcode mitläuft.
Und genau darin liegt das eigentlich Neue: Nicht die Zero-Click-Technik ist neu, sondern der Transportweg. Werbeplätze werden programmatisch versteigert, die Auslieferung erfolgt in Millisekunden und ist für Redaktionen kaum nachvollziehbar. Ein Angreifer, der diesen Kanal kontrolliert, braucht keine Phishing-Mail und keinen Link mehr — er braucht nur genügend Budget für zielgerichtete Anzeigen.
Al Jazeera im Visier: eine Vorgeschichte seit 2020
Medienhäuser stehen seit Jahren im Fokus. Bereits 2020 dokumentierte das Citizen Lab, dass 36 Geräte von Mitarbeitern, Produzenten und Moderatoren bei Al Jazeera sowie ein Journalist von Al Araby TV mit Pegasus kompromittiert wurden — über den KISMET-Exploit, zugeordnet zu den Betreibern MONARCHY (Saudi-Arabien) und SNEAKY KESTREL (VAE) (Citizen Lab).
AdFection reiht sich in dieses Muster ein, taugt aber nicht als Beleg für einen flächendeckenden Angriff auf „die Medien". Konkret benannt sind im vorliegenden Material Al Jazeera und ein Al-Araby-TV-Journalist aus dem Jahr 2020. Opferzahlen für AdFection fehlen vollständig. Auffällig ist dennoch die Kontinuität: Das Citizen Lab hat in der Vergangenheit wiederholt komplette Spyware-Kampagnen offengelegt, zuletzt etwa die Ausbeutung von Telekommunikationsinfrastruktur durch verdeckte Überwachungsakteure. Die Zielrichtung gegen Medien zieht sich durch mehrere Fälle.
Discover-Tech und die offene Frage der Werbenetzwerke
Das Citizen Lab gibt an, im Zuge der Untersuchung auch das Unternehmen Discover-Tech aufgedeckt zu haben, das Surveillance-Anbieter beim Tracken und Hacken von Geräten unterstützen soll. Details fehlen: Sitz, Größe, Kunden und Funktionsweise sind nicht bekannt.
Ebenso unklar bleibt, welche Werbenetzwerke oder Ad-Exchanges betroffen waren, wie das Targeting konkret ablief und ob die Netzwerke wissentlich beteiligt waren. Für AdFection selbst ist bislang kein Patch, kein Workaround und keine Mitigation dokumentiert — die Frage nach Gegenmaßnahmen steht ausdrücklich auf der offenen Liste. Eine unabhängige technische Bestätigung außerhalb des Citizen Lab fehlt bislang ebenfalls.
Was das für redaktionelle Websites bedeutet
Werbeauslieferung ist ein blinder Fleck der IT-Sicherheit. Ad-Tech lädt Inhalte dynamisch nach, ist auf nahezu jeder Nachrichtenseite eingebunden und wird selten so streng geprüft wie eigener Code. Genau diese Dynamik macht sie als Einfallstor interessant — das ist die technische Implikation, die aus der Citizen-Lab-Darstellung folgt, auch wenn die Studie selbst die konkrete Angriffskette bislang nicht offenlegt.
Für Redaktionen bedeutet das ein Problem, das sich nicht per Patch lösen lässt: Die Schwachstelle liegt nicht allein in der eigenen Software, sondern in der Lieferkette der Werbung. Wie schwer das wiegt, zeigt der Blick auf die Vorgeschichte — die Zielrichtung gegen Medien ist keineswegs neu. Wer heute Werbefremdcode einbindet, betreibt damit auch eine Vertrauenskette, die er selbst nicht vollständig kontrolliert.
Fazit
AdFection ist ein ernster Befund für alle, die auf Werbeauslieferung angewiesen sind — vorausgesetzt, die 72-seitige Studie bestätigt sich im Volltext. Solange Wirkmechanik, beteiligte Netzwerke und Gegenmaßnahmen offen sind, bleibt ein nüchterner Rat: Die Abhängigkeit von externer Werbeauslieferung als Angriffsfläche ernst nehmen, Aussagen über Opferzahlen nicht verallgemeinern und die Publikation auswerten, sobald sie vollständig vorliegt.
Quellen
- Citizen Lab – Pegasus Spyware Infection of Serbian Pro-Democracy Student Activist (Teaser mit AdFection-Ankündigung)
- Citizen Lab – FORCEDENTRY: NSO Group iMessage Zero-Click Exploit Captured in the Wild
- Citizen Lab – The Great iPwn: Journalists Hacked with Suspected NSO Group iMessage ‘Zero-Click’ Exploit
- tagesschau.de / BR-Recherche – Spyware-Methode aufgedeckt: Spionagesoftware per Onlinewerbung
- The Globe and Mail – Zero-click ads used to infect journalists’ devices with spyware, investigation finds