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IT-Sicherheit von Christine Hoffmann

Exponierte Wind- und Solarparks: 8500 Systeme offen im Netz

Die Zahl steht seit dem 6. Oktober 2026 im Raum: 8.547 Verwaltungs- und Steuerungssysteme in europäischen Wind- und Solarparks sind aus dem offenen Internet erreichbar. Vorgestellt haben sie die Den Haager Internet-Intelligence-Firma Modat und Bouke van Laethem auf der Mainstage der The ONE Conference im World Forum in Den Haag. Exponierte Wind- und Solarparks wurden in 35 der 40 untersuchten Länder nachgewiesen – ein Raum, der EU, EFTA und EU-Beitrittsstaaten umfasst. Für Betreiber ist das kein klassischer Patch-Fall: Es geht nicht um eine Schwachstelle in einem Produkt, sondern um die Frage, wie Erzeugungsanlagen an das öffentliche Netz angebunden sind.

Exponierte Wind- und Solarparks: 8.547 Systeme sind eine Untergrenze

Die Forscher bezeichnen ihre Zahl ausdrücklich als Untergrenze. Gezählt wurde ein System nur dann, wenn es sich zuverlässig einem konkreten Wind- oder Solarpark zuordnen ließ; zahlreiche weitere Systeme mit denselben Merkmalen blieben unberücksichtigt. Gezählt wurden zudem Systeme, nicht Turbinen oder Module – einzelne Verwaltungsoberflächen steuern mehrere Turbinen oder einen ganzen Park. Ein einzelner offener Zugang kann damit eine erhebliche Erzeugungsleistung repräsentieren. Die vollständige Publikation fasst Modat in einem eigenen Beitrag zusammen.

Methodisch stützt sich die Kartierung auf maschinelles Lernen. Das Werkzeug "Modat Magnify" gruppiert ähnliche Systeme im Netz automatisch und deckt Gerätetypen auf, für die noch keine Erkennungsregeln existieren. Genau diese Skalierung ist der kritische Punkt. Soufian El Yadmani, Gründer und CEO von Modat, sagt: "What we can map in hours, an attacker can map in hours too. You can’t defend what you can’t see, and no one can see this whole landscape alone."

Wo die offenen Systeme stehen: Spanien führt bei Solar, Deutschland bei Wind

Das Solarsegment dominiert das Bild mit 7.942 exponierten Systemen in 34 Ländern. Spanien stellt davon allein 2.766 Systeme, also rund 35 Prozent. Zusammen mit Griechenland, Italien und Deutschland entfallen 76 Prozent auf die vier führenden Länder. Im Windsegment wurden 605 Systeme in 23 Ländern erfasst. Deutschland liegt hier mit 212 exponierten Systemen vorn, vor Italien mit 192 – die beiden Länder machen gemeinsam 67 Prozent aus. In den Niederlanden fanden die Forscher 132 Systeme im Solar- und 9 im Windbereich. Bestätigt wird die Größenordnung auch in der deutschsprachigen Branchenberichterstattung.

Der Befund trifft eine Erzeugungsstruktur, die gerade erst zur tragenden Säule wird. Erneuerbare Energien deckten laut Eurostat im zweiten Quartal 2026 bereits 54 Prozent des EU-Stroms; Solar und Wind hatten mit 42 beziehungsweise 28 Prozent den größten Anteil an der erneuerbaren Erzeugung. Je größer dieser Anteil, desto stärker hängt die Versorgungssicherheit an der Betriebsführung dieser Anlagen.

Was ein Angreifer auf den Login-Seiten sieht

Die Exposition ist konkret: Eine erreichbare Weboberfläche einer einzelnen Windturbine zeigt Live-Produktionsdaten, erlaubt Start-, Stop- und Reset-Steuerung und verortet die Turbine auf einer Karte. Login-Seiten benennen den Windpark, den sie schützen sollen – eine von ihnen enthielt den Hinweis, der Standard-Benutzername sei "root". Solche Zugänge liefern Angreifern gleichzeitig Betriebsdaten und Handlungsmöglichkeiten. Die Funde und der Konferenzkontext sind in einer weiteren Branchenmeldung dokumentiert.

Wichtig für die Einordnung: Es liegen keine Informationen darüber vor, dass die exponierten Systeme tatsächlich angegriffen oder kompromittiert wurden. Beschrieben werden ausschließlich Expositionen – erreichbare Oberflächen, nicht eingetretene Schäden.

Die offene Frage: Wie beteiligt war das NCSC-NL?

Ein Punkt bleibt strittig. Die Originalpublikation und eine Meldung aus dem Energiefach stellen die Untersuchung als gemeinsames Projekt von Modat und dem niederländischen NCSC dar – Letztere führt die Behörde sogar im Titel. Eine zweite Darstellung ordnet van Laethem dagegen als NCSC-Angestellten ein, der außerhalb dieser Funktion beigetragen habe; das NCSC sei nicht formell am Projekt beteiligt gewesen. Diese Formulierung ist bis zur Klärung mit Attribuierung zu behandeln – sie ändert nichts an den Zahlen, aber sehr wohl an der Frage, wie belastbar die behördliche Nähe der Studie ist. Auch der Report-Titel "To See the Wind and the Sun" stammt aus dieser Quelle.

Was Betreiber jetzt tun müssen

Ein Hersteller-Patch ist nicht Teil der Geschichte, weil es keine Produktschwachstelle gibt. Die Empfehlungen der Forscher setzen deshalb an der Architektur an: Administrationsoberflächen sofort aus dem Internet nehmen, sichere Konnektivität nach OT-Prinzipien aufbauen und vom Grundsatz "Assume Breach" ausgehen. Betriebsmodi sollten auch den manuellen OT-Betrieb einschließen, damit ein Ausfall der Fernsteuerung nicht zur Handlungsunfähigkeit führt. Standard Operating Procedures müssen sich an eine veränderte Bedrohungslage anpassen lassen.

Ebenso zentral ist Sichtbarkeit: Betreiber brauchen einen Überblick über Assets, Architektur und Zugriffe – einschließlich der Systeme von Lieferanten und Serviceprovidern. Der sektorübergreifende Informationsaustausch auf nationaler und EU-Ebene gehört ausdrücklich dazu. Die Forscher veröffentlichten bewusst nur aggregierte Zahlen pro Land; Namen von Parks, Betreibern, IP-Adressen und Standorten blieben geheim, betroffene Organisationen werden über ihre nationalen CERTs informiert.

Fazit: Sichtbarkeit vor Ausbautempo

Die 8.547 exponierten Systeme sind kein Beweis für einen Angriff, aber ein Beleg für eine Lücke im Betrieb. Wer Erneuerbare weiter ausbaut, muss deren Steuerungsebenen genauso ernst nehmen wie das Stromnetz selbst. Der Zeitpunkt ist heikel: Erst im September 2026 warnten die niederländischen Nachrichtendienste, das NCSC, die NCTV, der Government CIO, die Staatsanwaltschaft und die Polizei in einer gemeinsamen Erklärung davor, dass KI die Bedrohung beschleunigt. Wer seine OT nicht sieht, kann sie nicht verteidigen – und die Kartierung solcher Anlagen dauert heute Stunden, nicht Wochen.


Quellen

  1. Modat Blog — Modat Research Shows More Than 8,500 Exposed Systems in Europe’s Wind and Solar Parks
  2. Ocean News & Technology — Modat And The Dutch National Cyber Security Centre Identify Over 8,500 Exposed Online Systems
  3. Techerati — New research shows 8,500 exposed systems in Europe’s wind and solar parks
  4. Windkraft-Journal — 8.500 Systeme in europäischen Wind- und Solarparks sind über das Internet zugänglich
  5. Windfair — Over 8500 Internet-Exposed Control Systems in Europe’s Wind and Solar Parks

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