Ein Cartoon-Kommissar mit Kopfhörern lauscht einem abgehörten Telefonat, während ein Ritter mit Laptop an einem Bahnsteig sitzt und ein Zug einfährt.
Security Case · Serie von Kai Brenner

KW 42, Kapitel 3: Ritter im Bahnhof, Briefmarke im BIOS

Mittwoch, 14. Oktober 2026. Kommissar Norbert Niesel hatte den gestrigen Croissant-Hunger hinter sich, aber dafür brannte ihm der Magen. Dr. Irmgard Küster wedelte mit einem neuen Formular. »Chef, für die Live-Überwachung von Backsteins Telefon brauche ich Formular 14-C. Ohne Unterschrift kein Lauschangriff.« Niesel unterschrieb, ohne hinzusehen, und brüllte: »Jetzt stellen Sie das Ding laut, Küster!« Über die abgehörte Leitung war Bruno Backstein zu hören, dann Malte Morgenrot. »Du, Bruno, ich hab Aurvendalis heute Morgen wieder aufgebohrt«, säuselte Morgenrot. »Die haben jetzt ein API-Gateway namens Kong Gateway im Hybrid-Modus laufen. Das ist wie zwei Köche, die sich über Zurufe Rezepte durchgeben. Ich habe in den Zuruf einen gefälschten Einkaufszettel geschmuggelt – Stichwort SQL-Injection, CVE-2026-16543. Schon hat mir das Gateway die Tür zum Datenraum geöffnet.« Küster runzelte die Stirn. »Das Ding läuft intern, Chef. Der Kerl muss von innen kommen.« Niesel nickte. »Die haben ja noch die Hintertür von gestern.«

Morgenrot legte nach. »Als Nächstes brauchte ich mehr Rechte. Aurvendalis nutzt SuiteCRM für die Kundenverwaltung. Da gibt es ein ganzes Bündel Schwachstellen, aber ich habe mir CVE-2026-33288 herausgepickt. Damit konnte ich mir selbst Administratorrechte geben – das ist wie ein Läufer, der nach dem Zieleinlauf einfach die Goldmedaille vom Tisch nimmt und sich selbst umhängt, ohne je im Rennen gewesen zu sein. Danach hatte ich auf dem Server genug Power, um lokal Code auszuführen. Und genau das habe ich für den Schluss gebraucht: Dell BIOS, CVE-2026-40639. Das Zeug steckt direkt auf der Hauptplatine von deren Servern. Ich habe Code im BIOS verankert. Das ist wie eine Briefmarke, die du in den Stempelapparat klebst – jeder künftige Brief trägt automatisch deine Adresse. Selbst wenn die das Betriebssystem neu aufsetzen, mein Zugang bleibt.« Adelheid von Senff trat mit einem Brötchen ein und sagte: »Der Mann hat eindeutig zu viel Freizeit und zu wenig Briefmarken.«

Plötzlich hörte Niesel im Hintergrund eine Lautsprecherdurchsage: »Am Gleis 3 fährt jetzt ein der Regionalexpress in Richtung Süden. Zurückbleiben, bitte.« Dann ein Glockenspiel. Niesel sprang auf. »Das ist der Nordbahnhof! Die sitzen am Nordbahnhof!« Er riss seine Jacke vom Haken und rannte los. Senff rief ihm hinterher: »Und dein Frühstück?« Niesel brüllte über die Schulter: »Das Frühstück kann warten, die Ritter nicht!« Mit Blaulicht rasten sie zum Nordbahnhof. Auf dem Bahnsteig entdeckten sie Bruno Backstein, das Handy noch am Ohr. Als er die Beamten sah, warf er das Telefon in einen Mülleimer und sprang in den abfahrbereiten Zug. Die Türen schlossen sich. Niesel rüttelte an der Scheibe und schrie: »Aufmachen! Polizei!« Doch der Zug fuhr an. Backstein winkte ihm durch das Fenster zu. Niesel stand da wie ein triefender Regenschirm.

Das Einsatzteam sicherte das Wegwerfhandy aus dem Mülleimer, aber die SIM-Karte war bereits herausgebrochen und das Gerät auf Werkseinstellungen zurückgesetzt. Küster zog dennoch eine erste Analyse aus dem Telefonat: »Chef, die CVEs sind echt. Vor allem die Dell-BIOS-Geschichte ist fies, weil die Hintertür Betriebssystem-Neuinstallationen übersteht. Ich setze Aurvendalis sofort in Kenntnis.« Niesel nickte finster. »Und ab sofort überwachen wir jeden Bahnhof dieser Stadt. Wenn Backstein mit dem Zug fährt, kriegen wir ihn. Ich will an jedem Gleis ein Foto von seinem Gesicht!« Senff kaute an ihrem Brötchen. »Immerhin haben wir jetzt einen Bahnhof. Vielleicht fährt er demnächst mit dem Bus, dann sehen wir alt aus.« Niesel bekam einen roten Kopf. »Dann sperren wir auch noch die Bushaltestellen! Und die Fahrradständer!«

Am Abend saß Niesel in der Einsatzzentrale, starrte auf die Bahnhofsüberwachung und aß eine trockene Brezel. Der Fall war weiter offen, aber das Netz zog sich zu: Sie kannten die Masche, die neuen Schwachstellen und den bevorzugten Fluchtweg. »Morgen, Senff«, knurrte er, »werden wir den Briefträger der Unterwelt stellen. Der klebt seine Briefmarken ab sofort im Briefkasten, nicht im BIOS.« Senff zuckte mit den Schultern. »Du verwechselst Metaphern, Chef. Aber ich habe dich verstanden: Wir bleiben dran.«

Die Kommentare sind geschlossen.