Donnerstag, 23:14 Uhr. Das Hochfahren des erbeuteten Verkostung-Servers klang wie eine altersschwache Kaffeemaschine, und während Dr. Küster mit gerunzelter Stirn auf die verschlüsselten Logs starrte, hatte ich meinen dritten Becher Automatenkaffee intus und eine Laune, die einem durchgebrannten Toaster glich. Adelheid stand am Fenster und beobachtete das nächtliche Treiben vor dem Präsidium, als plötzlich ein leuchtend gelber Mofa-Kurier eine flache Schachtel vor der Wache abstellte und davonknatterte. Pizzakarton. Hawaii, das spürte ich, ohne den Deckel zu heben. „Kommissarchen, der fünfte Gang ist bestellt“, stand auf der Innenseite, und ich zerknüllte den Karton so hektisch, dass die Ananasscheibe auf der Tastatur landete. In diesem Moment entriegelte Dr. Küster den Chat-Mitschnitt des Servers, und Maîtres Stimme – diesmal nicht als Sprachnachricht, sondern als live mitgelesener Text – flimmerte über den Bildschirm wie ein schlecht gespielter Theatermonolog.
„Bruno, Clara, ich habe Klandrion gerade den Beweis serviert, dass die erste Runde nur der Aperitif war. Jetzt kommt der Hauptverdauungsschnaps: Ich habe ihre Tasktafel-Installation angezapft – das ist deren hausgemachte Projektpinwand, eine digitalisierte Ansammlung von Büroklammern und schlechtem Projektmanagement. Die Schwachstelle war ein Klassiker: ein ungefilterter Upload-Parameter, der mir erlaubte, ein eigenes Skript mit Servereinstiegsrechten abzulegen. Ich brauchte nicht mal ein Passwort, die Tasktafel hat mich freundlich hereingebeten wie ein übereifriger Kellner, der die falsche Tür aufhält. Zack, erstes Türchen auf einem komplett neuen Server der IT-Abteilung.“ Das Netz warf einen schummrigen grünen Schein auf meine Fäuste – die Bande spielte mit dem Opfer, als wäre es ein mehrgängiges Menü.
Der zweite Teil des Chats zeigte einen leicht genervten Maître, der sich über „Linux-Kernel-Fummelei“ ausließ. „Natürlich hatte ich erst nur ein popeliges Service-Konto. Aber der Kern von dem Ding lief noch mit einem uralten Linux, und da schlummerte ein Juwel: CVE-2022-0847, Dirty Pipe. Ein simpler Missgriff in der Pipe-Verwaltung – ich schreibe Daten in eine Seite, die eigentlich für den Kernel reserviert ist, und schon gehört die Krone mir. Stellt euch vor, ihr stopft einen Brief in eine Rohrpost und landet direkt im Safe des Vorstandszimmers. So wurde aus dem Tasktafel-Gast der Administrator mit Vollzugriff. Keine fünf Minuten.“ Dr. Küster nickte anerkennend und tippte ein paar Notizen in das Protokoll. Ich hatte inzwischen die Fernmeldestelle verständigt, aber Klandrions Sicherheitschef meldete sich nicht – wahrscheinlich kroch er gerade durch die eigene Serverhöhle und suchte nach dem Leck.
Zum Abschluss prahlte Maître mit dem Datenschatz: „Und der Dessertgang – bitte mit Sahne. Klandrions Geschäftsleitung nutzt eine firmeneigene Nextcloud-Instanz, um Protokolle und Finanzpläne auszutauschen. Nachdem ich mir mit Dirty Pipe die Systemrechte gekrallt hatte, habe ich die Authentifizierung der Nextcloud umgangen und die komplette Ablage wie einen leeren Teller abgeräumt. Kein großartiger Exploit, die Zugriffskontrollen haben geschlafen. Ein bisschen so, als ob man dem Kellner die Schlüssel zum Weinkeller gibt und er gleich den ganzen Jahrgang mitnimmt.“ Mein Wutanfall schoss hoch, als ich die nächste Zeile las: „Morgen Vormittag holen wir uns das Schweigegeld persönlich ab, Treffpunkt Bahnhofstoilette Gleis 7, Schließfach 42.“ Ich haute auf den Tisch, dass der Kaffeebecher in Adelheids Hand wackelte, und brüllte: „Adelheid, Observation Bahnhof, sofort! Diesmal erwische ich sie auf dem Silbertablett!“
Adelheid rannte los, um die Zugriffskräfte zu koordinieren, und ich blieb mit Dr. Küster am Server zurück. Die Analyse zeigte, dass Maître über einen verschleierten VPN-Knoten in das System eingestiegen war – eine Adresse in einem osteuropäischen Rechenzentrum, die keine direkte Zuordnung erlaubte. Trotzdem hatten wir den Treffpunkt. Die Verkostung wurde gierig, und Gier macht Fehler. In meiner Hosentasche knisterte der zerknüllte Pizzakarton, und während ich einen letzten Schluck bitterkalten Kaffee nahm, klebte mir ein weiterer Hauch Ananas am Gaumen. Ich war kurz davor, dem nächsten Lieferdienstfahrer Handschellen anzulegen, aber ich riss mich zusammen und rief den Einsatzleiter an. Der Fall war noch nicht durch, aber wir hatten endlich eine heiße Spur, und ich würde eher die gesamte Bahnhofstoilette mit Formularen verbarrikadieren, als den fünften Gang ungestraft passieren zu lassen.