Ein altmodischer Detektiv sitzt mit Richtmikrofon in einem Auto und belauscht eine schattenhafte Gestalt und einen Hacker vor einer Lagerhalle, während ein Smartphone auf dem Boden leuchtet.
Security Case von Kai Brenner

KW 33, Kapitel 6: Postverteiler, Kochmütze, Stadion: Der letzte Coup der Taktgeber

Samstag, 15. August, 6:41 Uhr. Ich saß mit Adelheid im Observationswagen gegenüber dem Lager in der Osthafenstraße und kämpfte mit der Thermoskanne, die inzwischen von einem Hausmeister mit Rohrzange, einem Bolzenschneider und einem Wutausbruch traktiert worden war. Sie gab endlich nach, und der Inhalt roch nach drei Wochen altem Kaffee und einem Hauch von Verzweiflung. Adelheid reichte mir ein Papiertaschentuch, das nach Waldmeister roch, und ich trank den Kaffee trotzdem, weil ich kein Weichei bin. Um 7:12 Uhr kam die hinkende Gestalt. Sie trug einen dunklen Mantel, der im Nieselregen aussah wie ein nasser Sack, und sie humpelte, als hätte sie ein zu kurzes Bein. Als sie den Kopf drehte, um die Straße zu prüfen, sah ich im Profil für einen Moment das Gesicht von Maître – dieselbe Nase, dieselbe Narbe über der Augenbraue, dieser Ausdruck, als hätte ihm jemand die Krawatte zu fest gebunden. Aber Maître saß in U-Haft, verdammt noch mal. Ich kniff die Augen zusammen und sagte zu Adelheid: „Das kann nicht sein. Das darf nicht sein.“ Adelheid zuckte mit den Schultern, als hätte sie gerade einen Geist gesehen.

Um 7:23 Uhr kam Cipher mit einem Rucksack, der so voll war, dass er wie ein Buckel aussah. Er schloss die Lagertür auf, und die hinkende Gestalt folgte ihm. Das Lager hatte ein gekipptes Oberlicht, und der Wind trug jedes Wort zu uns herüber. Cipher redete so laut, als stünde er auf einer Bühne. „Also, der Plan war wie ein Staffellauf“, begann er. „Erst der Startläufer, dann der Sprinter, dann der Schlussläufer. Über Apache Struts, diese uralte Webframework-Gurke, bin ich reingekommen. CVE-2026-58048 – ein offener Postverteiler: Man wirft sein eigenes Paket ein, und der Paketbote trägt es aus, ohne den Absender zu prüfen. Ein entfernter, anonymer Angreifer, stand im Advisory – ich war so anonym wie ein Paket ohne Absender. Zack, war ich drin, als wäre ich ein interner Kurier. Dann Red Hat Enterprise Linux, genauer die beiden Helfer yelp und dracut. Die haben mir Root-Rechte gegeben, wie ein Kellner, der plötzlich in die Küche marschiert, weil die Schwingtür keinen Riegel hat. CVE-2026-43503 – einmal auf den Tisch gehauen, schon hatte ich die Kochmütze. Und dann Elasticsearch, das große Stadionarchiv von Thurvania. Entfernter, authentisierter Angreifer, stand im Advisory. Authentisiert? Klar, ich hatte mir als Root die Akkreditierung selbst gedruckt, die Zugangsdaten aus der Konfiguration gezogen. Die Lücke CVE-2026-40970 – damit konnte ich nicht nur das Archiv einsehen, sondern gleich den kompletten Spielplan mitsamt den Spielerverträgen mitgehen lassen.“

Ich schrieb fieberhaft mit, während ich versuchte, mein Handy auf Flugmodus zu stellen, aber es war zu spät. Dr. Küster rief an. „Herr Niesel, bei Thurvania läuft gerade ein Angriff! Apache Struts, dann Rechteausweitung über RHEL, jetzt Elasticsearch!“ Ich fluchte so leise ich konnte, aber mein Fluchen ist wie ein Nebelhorn. Cipher hörte auf zu reden. Die hinkende Gestalt zupfte an ihrer Krawatte, obwohl sie keine trug – eine Geste, die ich von Maître kannte, wenn er ungeduldig wurde. Ich kniff die Augen zusammen, als hätte ich gerade einen Geist gesehen, der mir den Mittelfinger zeigt. Dann rief die Gestalt mit einer Stimme, die mich durchfuhr: „Chef, wir haben Gesellschaft.“ Cipher riss den Kopf hoch, sah unseren Wagen, und die beiden rannten los, als wäre die Kantine in Flammen. Ich trat gegen die Wagentür, die klemmte, fiel fast auf die Straße, schrie: „Verdammte Schwingtür!“ und rannte hinterher, aber sie waren schon über den Hinterhof verschwunden.

Im Lager fanden wir nur einen umgekippten Stuhl, ein Kabel, das ins Nichts führte, und auf dem Boden – ein Smartphone. Es lag neben einem leeren Kaffeebecher, als hätte jemand es im Lauf verloren. Ich hob es auf, als wäre es eine Bombe, und trug es mit ausgestreckten Armen zum Wagen. Adelheid zog Einweghandschuhe an, die nach Knoblauch rochen, und entsperrte das Gerät. Darauf prangte eine SMS von „Luchs“ an „Mona“: „Chef ist raus, Bulle vor Ort, haut ab. Morgen läuft alles wie geplant.“ Daneben ein Foto von Maître in JVA-Kleidung, das Gesicht halb verdeckt, aber die Narbe war nicht zu übersehen. Ich starrte auf das Display und spürte, wie sich das Netz zuzog. „Das ist es“, flüsterte ich. „Das ist das verdammte Puzzlestück.“ Adelheid nickte so heftig, dass ihre Ohrringe klimperten.

Zurück in der Einsatzzentrale analysierte Dr. Küster das Handy mit der Ruhe einer Pathologin. „Die SMS stammt von der Nummer, die wir Luchs zugeordnet haben. Der Absender ist derselbe, der zuvor Monas Prepaid-Karte kontaktiert hat. Und das Foto zeigt Maître in der JVA – aufgenommen vor drei Tagen, laut Metadaten.“ Sie blickte über ihre Brille. „Das heißt, Maître ist entweder entlassen worden, oder er hat die JVA von innen unterwandert. Luchs ist der Maulwurf.“ Ich ballte die Faust, bis meine Knöchel knackten. „Morgen“, sagte ich, „morgen werde ich nicht mehr nur observieren. Morgen werde ich Luchs in der JVA vernehmen, und danach schnappe ich die Taktgeber – alle auf einmal.“ Draußen fiel der Regen in dicken Tropfen, und ich dachte an die hinkende Gestalt, die an ihrer Krawatte zupfte. Morgen würde sich zeigen, ob es wirklich Maître war – oder nur ein Gespenst, das meinen Verstand fressen wollte.

Die Kommentare sind geschlossen.