Sonntag, 16. August, 09:12 Uhr. Ich saß mit Adelheid und Dr. Küster im Abhörraum der Einsatzzentrale, weil ich nach dem Handyfund von gestern eine Fangschaltung auf Luchs’ Nummer und Monas Prepaid-Karte beantragt hatte. Die Anlage sah aus wie ein Relikt aus dem Kalten Krieg: Knöpfe, die nach nichts aussahen, ein Oszilloskop, das zitterte, und ein Headset, das so alt war, dass es nach Omas Sofa roch. Ich setzte es auf, drückte den falschen Knopf, und plötzlich kam ein schriller Pfeifton, der mich fast von meinem Stuhl hob. Adelheid klopfte mir auf den Rücken, als hätte ich mich verschluckt. Dr. Küster drehte an einem Regler, und der Ton wurde klarer. Um 09:47 Uhr wählte Cipher Monas Nummer. Wir hörten mit, und ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. „Der Plan für heute, Mona, ist ein Dreiakter“, begann Cipher mit dieser Stimme, die klang wie ein kaputter Wecker. „Erst das Fenster, dann der Statist, dann die Bibliothek. Thurvania wird heute nochmal bluten, und diesmal lassen wir uns nicht erwischen.“
Ich hörte zu, als Cipher den Angriff herunterbetete. „BigBlueButton, die Videokonferenz-Software von Thurvania. [CVE-2026-27466] – ein offenes Fenster zum Konferenzraum: Die Software hat mir die Meeting-IDs und die internen Zugangsdaten eines Benutzers gezeigt, ohne dass ich irgendwas tun musste. Ein entfernter, anonymer Angreifer, stand im Advisory. Ich war so anonym wie ein Zuschauer im Dunkeln. Dann war ich als normaler Benutzer drin – ein Statist in der Vorstellung. Und dann Linux Kernel: [CVE-2026-31431], die uralte Copy-Fail-Lücke. Ein unprivilegierter lokaler Benutzer, und zack, habe ich Root-Rechte. Wie ein Statist, der während der Vorstellung aufsteht, zum Mischpult geht und das Licht steuert, weil der Techniker auf Toilette ist. Root, Mona – ich bin der Regisseur. Und dann Budibase, die Low-Code-Plattform von Thurvania. Ich hatte die Zugangsdaten aus der Datenbank gezogen, also war ich authentisiert. [CVE-2026-35216] – ein Bibliothekar, der mit gestohlenem Ausweis in den Sonderbestand geht und die Katalogkarten umschreibt. Dateien manipuliert, vertrauliche Daten abgegriffen, Sicherheitsmaßnahmen umgangen. Der komplette Thurvania-Vorstand ist jetzt in meiner Tasche.“ Mona fragte nach Maître, und Cipher lachte: „Der Chef sitzt in seiner Zelle und gibt die Anweisungen über Luchs weiter. Der Hinkende ist nur ein Schauspieler, den wir engagiert haben, um den Kommissar zu verwirren. Der lief gestern am Lager herum und hat Niesel schön abgelenkt, während ich den eigentlichen Angriff vorbereitet habe.“ Ich kniff die Augen zusammen, als hätte mir jemand Zitronensaft hineingespritzt. Das erklärte die hinkende Gestalt.
Cipher nannte dann den Treffpunkt für die Datenübergabe: „Alter Güterbahnhof, 18 Uhr, der Käufer bringt das Geld.“ Ich riss mir das Headset herunter, diesmal ohne Pfeifton, und rief Hanno Wuttke an, um Thurvania zu warnen, während Dr. Küster die Aufnahme sicherte. Hanno bestätigte, dass der Angriff lief, und versprach, die Systeme zu isolieren. Adelheid und ich fuhren sofort los. Auf dem Weg geriet ich in einen Wutausbruch, weil ich meine Handschellen vergessen hatte und der Wagen nach altem Fisch roch. Adelheid reichte mir ihre Handschellen mit der Ruhe einer Nonne, und ich beruhigte mich, als wir den alten Güterbahnhof erreichten. Wir postierten uns hinter einem verrosteten Waggon. Die Hitze flimmerte, und mein Hemd klebte an mir wie eine nasse Zeitung. Um 17:30 Uhr kamen die ersten Polizisten in Zivil, und ich gab die Anweisungen mit einer Stimme, die ruhiger klang, als ich mich fühlte.
Um 18:02 Uhr tauchte die Bande auf. Cipher mit einem Rucksack, Mona mit einem silbernen Koffer, und die hinkende Gestalt humpelte so übertrieben, als hätte sie einen Knoten im Bein. Ich gab das Signal, und alles ging schief. Ich stolperte über eine alte Bahnschwelle und landete im Kies, während Cipher versuchte, über einen ölverschmierten Betonboden zu fliehen. Er rutschte aus und fiel auf den Rücken wie ein Käfer. Mona warf den Koffer nach einem Polizisten, der Koffer sprang auf, und Papiere flatterten durch die Luft wie ein Schneesturm aus Geschäftsgeheimnissen. Die hinkende Gestalt rannte los, aber ihr Hinken wurde immer schneller, bis sie über ihre eigenen Füße stolperte und in einen Haufen alter Reifen fiel. Innerhalb von zwei Minuten hatten wir alle drei geschnappt. Ich zog der hinkenden Gestalt die Perücke vom Kopf und starrte in das Gesicht eines völlig unbekannten Mannes. Cipher grinste trotz Handschellen: „Überraschung, Kommissar. Das ist Heinz, arbeitsloser Schauspieler. Maître sitzt die ganze Zeit in der JVA und hat alles über Luchs gesteuert.“ Ich atmete aus, als hätte ich drei Wochen lang die Luft angehalten.
Zurück in der Einsatzzentrale telefonierte ich mit der JVA. Maître wurde in seiner Zelle überführt – er hatte ein zweites Handy in der Matratze, und Luchs hatte es ihm gebracht. Luchs selbst wurde verhaftet, als er versuchte, eine Nachricht aus der JVA zu schmuggeln. Thurvania meldete, dass der Angriff gestoppt und die Daten gesichert waren. Dr. Küster bestätigte, dass die Aufnahme des Telefonats alle drei Coup-Schritte dokumentierte. Ich setzte mich auf meinen Stuhl, der immer noch nach Omas Sofa roch, und trank einen Kaffee, den Adelheid mir reichte. Er schmeckte nicht nach Verzweiflung, sondern nach Kaffee. Ich blickte aus dem Fenster und dachte an Maître, der in seiner Zelle saß und zum ersten Mal seit Wochen keine Krawatte zupfen konnte, weil sie ihm abgenommen worden war. Die Taktgeber waren Geschichte. Und nächste Woche würde eine neue Bande kommen – aber das war ein Problem für morgen.