Cartoon-Kommissar in einem Observationsfahrzeug hält einen leuchtenden Telefonhörer ans Ohr, während ein Hacker im Regiemantel Dateien von einer Theaterbühne stiehlt, im Hintergrund Server wie Scheinwerfer.
Security Case · Serie von Kai Brenner

KW 35, Kapitel 3: Der Statist im Regiemantel

Mittwoch, 26. August 2026, 15:42 Uhr. Norbert Niesel saß im Observationswagen am Hafenbecken 3 und starrte auf ein Café, das in der Sonne vor sich hin bröselte. Adelheid von Senff hielt ein Brötchen in der Hand und beobachtete den Eingang. Die Fangschaltung auf die halbe Handynummer lief. Dr. Küster war über Funk zugeschaltet. Niesel rückte an seinem Kragen. „Diese Sitzheizung brät mir die Oberschenkel. Wer hat die auf Stufe vier gestellt?“ Adelheid schaute nicht von der Tür weg. „Sie selbst, Kommissar. Vor zwanzig Minuten, weil Ihnen kalt war.“ Niesel wollte antworten, da klingelte es in seinem Ohr. Er riss den Kopfhörer hoch, verhedderte sich mit dem Kabel im Haar und fluchte leise, als die Stimme einsetzte: Motte.

Motte sprach schnell, die Verbindung rauschte. „Berti, hör zu. Der neue Zugang steht. Trakumond baut seine Kundenrechnungen mit einer JavaScript-Sandbox namens vm2. Die Lücke CVE-2026-22709 hat mich da reingelassen wie einen Statist, der beim Bühnenumbau einfach in die Garderobe des Hauptdarstellers marschiert, weil der Kontrolleur am Eingang nur die Eintrittskarten prüft und nicht den Kostümwagen. Ich war auf dem Server, aber nur als kleiner Prozess.“ Niesel zog das Kabel aus dem Haar und blaffte: „Was redet der von Garderobe? Küster, haben wir den Server?“ Küster meldete sich trocken: „Noch nicht, Kommissar. Aber weiter zuhören lohnt sich.“

Motte machte eine Kunstpause. „Dann hab ich mir den Regiemantel angezogen. Contao, das Content-Management-System von Trakumond, hatte die Lücke CVE-2026-55824. Das war wie ein Requisiteur, der den Mantel des Regisseurs anzieht und plötzlich die Kasse öffnen darf. Jetzt bin ich im System Administrator. Und zum Schluss Zammad, das Ticketsystem. CVE-2026-34723 – wie ein Souffleur, der nach der Vorstellung im Dunkeln die Noten mitnimmt. Ich konnte die Anmeldedaten und Kundendaten abgreifen und mir einen Hinterausgang einrichten, der auch nach einem Update offen bleibt.“ Niesel kniff die Augen zusammen. „Soll ich jetzt die Volksbühne stürmen? Adelheid, der Mann phantasiert.“ Adelheid schrieb eifrig mit. „Er nennt drei Produkte und drei CVE-Nummern. Das ist kein Phantom, das ist ein Plan.“ Im Hintergrund des Anrufs tönte eine blecherne Hafenlautsprecher-Durchsage: „Letzter Aufruf für die Werftfähre, Pier zwei.“ Küster sagte sofort: „Die Durchsage kommt aus dem Schuppen 12, direkt hinter dem Café. Der Anruf ist nicht älter als zwei Minuten.“

Niesel stieß die Wagentür auf, trat beim Aussteigen gegen die Bordsteinkante und humpelte los. Adelheid folgte mit dem Notizblock. Sie drangen in den Schuppen 12 ein, fanden aber nur leere Coladosen, ein glimmendes Kabel und auf einem Klapptisch ein billiges Netbook. Der Bildschirm zeigte noch eine offene Sitzung, die Küster später dem vm2-Prozess von Trakumond zuordnete. Neben dem Netbook lag ein Kassenbon von „Hafenblick Bäckerei“, auf dessen Rückseite jemand mit blauem Stift gekritzelt hatte: „Berti, 19 Uhr, Kran 4.“ Niesel hielt den Bon ins Licht. „Ein Treffpunkt. Heute Abend. Und ein Netbook mit warmer Sitzung – die haben es eilig gehabt.“ Adelheid fotografierte alles. „Und Sie haben sich den Knöchel verstaucht.“ Niesel wedelte ab. „Nebensache. Wir observieren den Kran. Aber zuerst zurück in die Zentrale, ich brauche Formular 19 D.“

Küster korrigierte über Funk: „Für Observationen an einem Mittwoch nach 15 Uhr ist Formular 18 C zuständig, 19 D gilt nur für Wochenendlagen.“ Niesel blieb mitten im Schuppen stehen und lief rot an. „Ich will jetzt kein Formular-Quiz, Küster! Ich will einen Kaffee, ein kaltes Brötchen und eine mobile Observationsstation am Hafenkran 4!“ Adelheid reichte ihm ein Brötchen. Er biss hinein, spuckte es aus und starrte es an. „Das ist von gestern.“ Adelheid zuckte mit den Schultern. „Sie haben es heute Morgen abgelehnt.“ Draußen heulte der Wind durch die Hafenstraße, und Niesel humpelte zum Wagen zurück, während die Fangschaltung still weiterlief. Der Fall war offen, aber das Netz zog sich enger.

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