Ein Hacker-Kobold hinterlässt digitale Krümel in einem Serverraum, während ein marmeladenverschmiertes Handy im Vordergrund leuchtet.
Security Case · Serie von Kai Brenner

KW 38, Kapitel 1: Die Krypto-Kobolde und das Marmeladen-Handy

Montagmorgen, Einsatzzentrale. Kommissar Norbert Niesel humpelte herein, als hätte er nicht nur gegen eine Bordsteinkante getreten, sondern gleich gegen das gesamte Straßenbauamt. Auf seinem Schreibtisch lag – wieder einmal – ein angebissenes Brötchen, steinhart und mit einer Schicht Marmelade, die aussah wie ein archäologisches Exponat. »Was soll das?«, brüllte er. »Bin ich hier das Fundbüro für versteinerte Backwaren?« Adelheid von Senff, die längst wusste, dass solche Ausbrüche so zuverlässig kamen wie der Montag, hielt ihm ein Plastiktütchen mit einem Smartphone hin. »Fundbüro, genau. Das wurde gestern Abend in der Innenstadt abgegeben. Es klebt vorne drauf: Marmelade. Und hinten: eine halbe Sprachnachricht eines gewissen Krümel.«

Dr. Irmgard Küster hatte das Gerät bereits an den Analyse-Rechner gehängt und spielte die Nachricht ab. Eine quietschige Stimme tönte aus den Lautsprechern: »Chef, hör zu! Qvandrelion ist offen wie ein Scheunentor. Über OpenSSL, CVE-2026-22795, bin ich in die Speisekammer – die haben da eine Tür, die nie richtig verschlossen wurde. Ich klopf einmal, schon steh ich drin. Dann hab ich mir über das Cisco Secure Firewall Management Center, CVE-2026-20316, die Küchenmesser geschnappt. Das ist wie ein Küchenchef, der seine Messer einfach liegen lässt – jeder, der in der Küche steht, kann sie nehmen. Und ich stand ja schon drin. Zum Schluss JFrog Artifactory, CVE-2026-82329 – der Vorratsraum, dessen Schloss die vergessen haben. Da hab ich die Rezepte mitgenommen. Alle Kundenlisten, alle Baupläne, alles. Und ein paar Passwörter als Bonus.«

Niesel starrte auf das Handy, als hätte es ihn persönlich beleidigt. »Drei Lücken, ein Handy, und die lachen uns aus!« Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, genau neben das versteinerte Brötchen, das daraufhin zu Staub zerfiel. Adelheid seufzte: »Das war mein Beweisstück.« Dr. Küster ließ sich nicht beirren. »Das Handy wurde vor drei Tagen bei ›Elektro Eck‹ gekauft. Die Seriennummer führt zu einer Ladung, die nur an diesen einen Händler ging. Außerdem hat der Besitzer – vermutlich das Bandenmitglied, das die Nachrichten empfangen hat – Fotos auf dem Gerät. Eins zeigt eine Baustelle in der Nähe des Fundortes. Das Handy wurde also nicht zufällig verloren, sondern nach einem Treffen in der Gegend. Vielleicht ein Übergabepunkt.«

Zwanzig Minuten später stand Niesel bei ›Elektro Eck‹ und fuchtelte mit den Armen, als wollte er einen unsichtbaren Schwarm vertreiben. Der Ladenbesitzer, ein Mann mit der Ruhe eines ausgeschlafenen Faultiers, erklärte, er habe die Überwachungsaufnahmen von gestern gelöscht, weil die Festplatte voll gewesen sei. »Voll?«, brüllte Niesel. »Die Festplatte war voll? Was haben Sie denn gespeichert? Die gesamte Wettervorhersage von 1998?« Der Ladenbesitzer zuckte mit den Schultern. »Backups?«, fragte Adelheid, bevor Niesel explodieren konnte. »Ja, ein privates, auf einem Stick. Aber nur bis vorgestern.« Niesel schnappte sich den Stick, als wäre er der Heilige Gral. Zurück in der Zentrale zeigte das Video den Käufer des Handys: von hinten, aber mit einem unverwechselbaren Tattoo am Hals – ein tanzender Kobold. Niesel grinste. »Jetzt haben wir dich, Krümel.«

Kaum zurück im Büro, piepste das Handy erneut. Eine neue Sprachnachricht, diesmal länger und noch prahlerischer. »Ach ja, Chef, sag den anderen Kobolden: Wenn Qvandrelion nicht bis Mittwoch zahlt, gehen die Rezepte an die Presse. Wir sind die Krypto-Kobolde, und wir hinterlassen Krümel, keine Spuren.« Adelheid notierte den Namen. Niesel ließ sich auf seinen Stuhl fallen, der daraufhin ächzte wie ein gequälter Wal. »Krypto-Kobolde. Klingt nach einer schlechten Kindersendung. Aber immerhin: Wir haben einen Namen, ein Tattoo und ein Handy voller Marmelade. Das ist mehr als gestern.« Dr. Küster nickte. »Und eine tote Spur weniger: Der Fundort des Handys ist ausgeleuchtet. Heute Abend beobachten wir den Parkplatz hinter der Bäckerei.« Niesel seufzte. »Hoffentlich gibt es da frische Brötchen.«

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