Dienstagmorgen, Einsatzzentrale. Kommissar Norbert Niesel kam mit verquollenen Augen herein, als hätte er nicht nur die Observation am Hafenkran 4 hinter sich, sondern gleich den gesamten Nachtdienst eines Containerschiffs. »Kaffee«, krächzte er. »Und keine Widerrede.« Adelheid von Senff hielt ihm eine Thermoskanne hin, die leer war. »Sie haben den letzten Schluck gestern Abend vor der Abfahrt genommen.« Niesel starrte die Kanne an, als wäre sie der eigentliche Täter. »LEER?«, brüllte er. »Eine leere Kanne! Ich habe eine Observation gemacht, ich habe ein Formular ausgefüllt, ich habe mir das Knie gestoßen – und jetzt stehe ich hier mit einer LEEREN KANNE!« Dr. Irmgard Küster unterbrach die aufziehende Eskalation mit einer Meldung: »Tervanika hat heute Nacht einen Angriff auf ihren selbst gehosteten GitLab-Server bemerkt. Das Unternehmen setzt Puppet Enterprise für die Infrastruktur ein und 7-Zip für Backups. Die Spuren deuten auf einen strukturierten Einbruch hin.« Niesel hörte auf zu schreien. »Sagen Sie nichts weiter. Das klingt nach unseren Lückenbüßern.«
Küster spielte die Aufzeichnung der Fangschaltung ab, die seit dem Trakumond-Angriff lief. Eine dünne Stimme füllte den Raum, Mottes Stimme, aufgezeichnet um kurz nach zwei Uhr nachts. »Berti, die Sache mit Tervanika ist durch. Zuerst bin ich über GitLab rein, CVE-2026-19478 – die haben da ein Webportal, das seine Besucherliste nicht richtig sortiert. Ich hab mich einfach dazugestellt und war drin. Dann hab ich die Zugangsdaten von einem ihrer Dienstkonten gefunden, die lagen offen wie ein Dienstausweis im Kopierraum. Damit war ich authentifiziert genug für Puppet Enterprise, CVE-2026-42766 – und weißt du, das ist wie ein Praktikant, der den Stempel des Chefs findet und plötzlich Verträge unterschreibt. Danach war ich Administrator auf einem Dutzend Servern. Zum Schluss hab ich die ganzen Baupläne und Kundenlisten mit 7-Zip verpackt, CVE-2026-14266 – das ist wie ein Paketbote, der die Zollplombe selbst nachbastelt, damit keiner merkt, dass das Paket unterwegs offen war. Jetzt sind die Daten draußen, und die Forderung geht heute Mittag raus.« Niesel hieb mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die leere Thermoskanne umfiel. »Fangschaltung funktioniert. Damit haben wir die Bande zum ersten Mal live.«
Adelheid hatte währenddessen mit dem Sicherheitsbeauftragten von Tervanika telefoniert. Die GitLab-Logs zeigten eine IP-Adresse, die keinem VPN, sondern einem öffentlichen WLAN-Hotspot gehörte: dem Hafen-Kiosk, keine dreihundert Meter vom gestrigen Observationspunkt entfernt. »Das ist unser Fehler der Bande«, sagte Niesel und zerrte bereits seinen Mantel von der Lehne. »Sie haben das offene Kiosk-WLAN benutzt, um den Angriff zu fahren. Wir sichern die Logs, befragen den Kioskbesitzer, und vielleicht haben die Idioten sogar ihre MAC-Adresse hinterlassen.« Zwanzig Minuten später stand Niesel vor dem Kiosk, einem windschiefen Häuschen, das aussah, als würde es bei der nächsten Böe mitsamt der Kaffeemaschine davonfliegen. Der Besitzer, ein Mann mit der Gelassenheit eines Rentners am Angelteich, erklärte, er habe keine Überwachungskamera, aber der Router speichere Verbindungsdaten. Niesel riss das Gerät fast aus der Halterung. »Das ist jetzt ein Beweisstück.« Adelheid notierte: »Zeuge sagt, zwei Männer kauften um kurz vor zwei ein belegtes Brötchen. Einer trug eine Basecap, der andere redete ununterbrochen über Puppenspieler und gestempelte Verträge.« Niesel stutzte. »Puppenspieler? Das ist Mottes Analogie. Wir sind dran.«
Zurück in der Zentrale wertete Dr. Küster die WLAN-Logs aus. Die MAC-Adresse, die sich um 1:58 Uhr eingeloggt hatte, stimmte exakt mit der des Netbooks überein, das die Bande im Schuppen 12 zurückgelassen hatte. »Das Netbook war also nicht nur für den Trakumond-Angriff da«, sagte Küster. »Dieselbe Kiste wurde jetzt für den GitLab-Erstzugriff benutzt. Die Lückenbüßer sind nachlässig geworden, weil wir ihnen zu nahe sind.« Niesel grinste breit, bis ihm einfiel, dass er seit dem Morgen nichts gegessen hatte. In seiner Jackentasche fand er ein altes Brötchen, steinhart, das er nicht einmal mehr ansehen konnte, ohne dass sein Kiefer schmerzte. »Das ist ein Running Gag, den ich nicht bestellt habe«, knurrte er und warf es in den Papierkorb, wo es klirrte. Adelheid sah ihn an. »Das war der Papierkorb, nicht der Mülleimer.« Niesel fuchtelte. »Dann ist der Papierkorb eben das Grab für versteinerte Backwaren!« Dr. Küster hob die Hand. »Der Kioskbesitzer hat außerdem das Teilkennzeichen eines Lieferwagens notiert, in den die beiden Männer gestiegen sind. Es passt zum Kennzeichen, das wir gestern Abend bei der Observation notiert haben.«
Niesel ließ sich auf seinen Stuhl fallen, der unter ihm ächzte wie ein Walross mit Rückenproblemen. »Das ist der Durchbruch. Wir haben eine MAC-Adresse, ein Teilkennzeichen, eine Zeugenbeschreibung und ein abgehörtes Geständnis. Die Lückenbüßer kommen nicht mehr davon.« Er griff zum Telefon, um eine Fahndung nach dem Lieferwagen auszulösen. Adelheid legte sachte ihre Hand auf seine. »Wir sollten die Fangschaltung weiterlaufen lassen, damit wir den nächsten Schritt der Bande mithören, bevor sie die Forderung an Tervanika verschickt. Vielleicht verrät Motte im nächsten Anruf den Aufenthaltsort.« Niesel zögerte, dann nickte er. »Sie haben ja recht, Senff. Aber wehe, es gibt heute Abend wieder keine frischen Brötchen. Dann fahnde ich nach Brötchen und nicht nach Berti.« Dr. Küster schloss die Logs. »Die Forderung ist noch nicht raus. Die Falle ist scharf.« Niesel starrte auf den Papierkorb. »Und der Papierkorb bleibt da, wo er ist. Als Mahnmal.« Draußen begann es zu regnen, und irgendwo am Hafen fuhr ein Lieferwagen mit zwei Männern davon, die noch nicht wussten, dass ihr WLAN-Streifzug sie verraten hatte.