Forensiklabor mit Laptop und Geisterwellen, Serverregal wie Briefsortieranlage.
Security Case · Serie von Kai Brenner

KW 38, Kapitel 3: Die Lückenbüßer und der wiederbelebte Anruf

Mittwochmorgen, Forensiklabor. Niesel humpelte an einem Tisch vorbei, auf dem ein Etikettendrucker mit leerem Display blinkte. »KEIN ETIKETT«, schrie Niesel. »Der Drucker hat kein Etikett! Ich jage eine Bande, die durch E-Mail-Schleusen spaziert, und die Technik scheitert an einer Klebepappe!« Adelheid von Senff reichte ihm einen Becher Wasser. Dr. Irmgard Küster drehte ihren Laptop um. Auf dem Bildschirm lag eine wiederhergestellte Audiodatei aus dem Speicher des Netbooks. »Motte hat sie gelöscht, aber nicht gut genug. Die Sektoren waren noch da, wie ein Radiergummi, der nur bis zur Hälfte radiert.« Niesel hörte sofort auf zu schreien. »Abspielen. Aber wenn das wieder eine Fangschaltung aus dem Weltall ist, kündige ich.«

Die Stimme von Motte füllte den Raum, dünn und selbstzufrieden. »Berti, Tervanika ist jetzt zweistöckig offen. Zuerst bin ich über die E-Mail-Schleuse rein, Cisco Secure Email Gateway, CVE-2026-76461. Das Ding denkt, ich bin der zuständige Klangtechniker, und lässt mich am Mischpult sämtliche Kanäle aufziehen – mit Root-Rechten auf dem Betriebssystem, ohne dass ein Security-Mensch im Foyer meinen Dienstausweis sehen will. Wie ein Radiosender, der jedem Anrufer das Sendestudio samt Ansagetaste öffnet. Danach hatte ich nur einen mickrigen Testbenutzer auf einem Linux-Rechner in der Buchhaltung. Aber ich wusste, der Linux Kernel hat ein Loch, CVE-2026-74642, das ist wie ein Fahrscheinautomat, der nach Einwurf eines abgelaufenen Zettels eine Monatskarte für die erste Klasse ausspuckt. Damit war ich auf dem Datenbankserver ganz oben. Zum Schluss bin ich in MISP rein, deren Plattform für Bedrohungshinweise, und hab über CVE-2026-39962 die Einträge umgeschrieben. Stell dir vor, die Sicherheitsleute schauen ins Fahndungsalbum und finden statt Verbrecherfotos nur noch französische Bulldoggen. Jetzt liegen die Protokolle auf unserem Mietserver in Rotterdam, und niemand sortiert sie wieder zurück.«

Küster stoppte die Wiedergabe. »Das ist keine Fangschaltung. Das ist eine gelöschte Sprachnotiz, aufgenommen in der Nacht zum Mittwoch um 2:41 Uhr. Im Hintergrund hört man die Bahnhofsansage: ›Zurücktreten von Bahnsteigkante eins‹ und das Klacken einer Schließfachklappe.« Niesel stützte sich auf den Tisch. »Dann waren die zwei Idioten nach dem Kiosk am Bahnhof. Das passt zu dem Teilkennzeichen des Lieferwagens, das wir gestern notiert haben. Wir sichern sofort die Bahnhofsvideos, die Schließfachkameras und die Parkscheinautomaten in der Nähe. So langsam füllen wir das Album mit Bulldoggen und den echten Gesichtern.« Adelheid rief bereits die Bahnhofsaufsicht an. Küster tippte dazu die Teil-IP-Adresse aus der Notiz in ihre Analyse.

»Die Teil-IP aus der Sprachnotiz kreuzt sich mit den WLAN-Logs des Kiosks«, sagte Küster. »Gleiche Verbindungsrichtung, gleiche krumme Uhrzeit, gleiche zwei Geräte. Der Mietserver ist bei einem Hoster in Rotterdam. Ich habe eine Rechtshilfe-Anfrage vorbereitet, aber der Hoster verlangt ein Formular 17b/2 und weigert sich, die Platten zu bewegen, bis ein Fax mit nasser Unterschrift da ist. Faxgerät haben wir keins.« Niesel lief rot an. »Ein Fax! Die Welt wird erpresst, und wir scheitern an einem Formular, das in den Achtzigern erfunden wurde! Dann besorgt mir ein Fax, Senff, und eine Rolle Papier, die nicht leer ist!« Er schnappte sich seinen Mantel. »Wir fahren jetzt zum Bahnhof und schauen uns die Kameras an, bevor die Bande ihre lila Mützen umdreht und die nächste Station abräumt.«

Am Bahnhof zog sich das Netz spürbar zu. Eine Kamera an Gleis eins zeigte um 2:43 Uhr zwei Männer mit Basecap und einem Rollkoffer, die in Richtung Kurzzeitparkplatz gingen. Der eine wedelte beim Reden mit den Händen, als dirigiere er ein Orchester aus E-Mail-Servern. Der andere sah zurück, als hätte er den WLAN-Router nie vergessen. Niesel forderte die Aufnahmen an. »Das ist Berti, und der Wedler ist Motte. Wir haben jetzt Gesichter, einen Rollkoffer und eine Uhrzeit. Wir sperren die Datenausgänge des Rotterdam-Servers nicht sofort – wir lassen die Bande den Server weiter benutzen und hängen uns an die Leitung, sobald sie das nächste Mal von dort Nachrichten abholen.« Adelheid nickte. »Eine Falle, aber wir müssen langsam machen, sonst wechseln sie den Festplattenstandort wie ein Hase das Loch.« Niesel sah sie an. »Dann bin ich halt der Fuchs, der geduldig wartet. Aber eines sage ich Ihnen, Senff: Wenn die Bande noch einmal mit einer toten Mail-Schleuse prahlt, nehme ich den Etikettendrucker als Waffe.« Dr. Küster meldete sich über Funk. »Die zweite Forderung an Tervanika ist noch nicht raus. Die Falle ist scharf.« Niesel humpelte zurück zum Wagen, während am Gleis drei eine Bahn durchfuhr und einen Luftzug mit sich zog, der Mottes Bahnhofsspur fast wegwehte.

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