Cartoon-Illustration eines Kommissars, der nahe eines alten Wasserturms ein Telefonat abhört; im Hintergrund zwei Handschellen tragende Verdächtige und leuchtende Serverschränke.
Security Case · Serie von Kai Brenner

KW 39, Kapitel 7: Security Case: Der Boss am Wasserturm

Sonntagmorgen, 9.47 Uhr. Niesel hockte im Observationsfahrzeug gegenüber dem alten Wasserturm und kaute auf einem trockenen Brötchen, das er als Frühstück deklariert hatte. Neben ihm Adelheid von Senff, die durch ein Fernglas starrte. In einem zweiten Fahrzeug saß Küster vor einem Laptop, auf dem die Fangschaltung für Magnus Mangels Handy lief. „Wenn der Kerl nicht bald anruft“, knurrte Niesel, „beiße ich in das Lenkrad.“ Das Telefon klingelte, Küster schaltete laut. Magnus’ heisere Stimme erfüllte den Wagen.

„Boss, hör zu. Nuvarellis hat eine ganze Serverfarm auf Linux-Basis. Erstzugriff über den Linux Kernel, die Lücke CVE-2026-31431. Das ist wie ein offener Gullydeckel auf der Autobahn – ich steige in den Wartungstunnel, ohne dass jemand das Hinweisschild kontrolliert. Dann Rechteausweitung mit CVE-2026-64026. Stell dir einen Bühnenarbeiter vor, der sich am Kostümfundus bedient und plötzlich als Intendant auftritt, weil niemand den Dienstausweis prüft. Und zum Schluss Persistenz und Exfiltration über CVE-2026-64102. Wie eine zweite Geige, die heimlich die Noten des Solisten kopiert und die Partitur umschreibt, während der Dirigent den Takt vorgibt. Die Daten sind abgegriffen, die Hintertür steht.“ Niesel spuckte Brötchenkrümel aus. „Der macht gerade Witze über Autobahn und Orchester, während er in Echtzeit eine Firma ausnimmt.“

Punkt elf Uhr, wie angekündigt, schlenderte Magnus Mangel über den Platz. Niesel wollte zugreifen, aber von Senff hielt ihn zurück. Kurz darauf bog ein zweiter Mann um die Ecke: Günter Griesgram, der Rentner aus dem Birkenweg. Niesel riss die Autotür auf und brüllte: „Der Boss ist der mit dem Formularwahn!“ Griesgram blieb stehen, zog ein Papier aus der Tasche und rief: „Ich verlange eine schriftliche Bestätigung, dass ich verhaftet werde!“ Magnus stolperte rückwärts über einen Eimer, Niesel stürzte sich auf Griesgram, der sich in einer Astgabel verfing. Von Senff legte Magnus Handschellen an, zwei Kollegen halfen beim Boss. Innerhalb von drei Minuten war die gesamte Bande festgesetzt.

Im Verhör gestand Magnus alles: die präparierte PDF an Jonas Jammer, das Versteck in der alten Druckerei, den grünen Parka, die Angriffe auf Xarventila und Veltragoran. Griesgram, der Boss, hatte die Plausibilitätslücken gegründet, weil ihm im Ruhestand langweilig war. „Und warum der Firlefanz mit der schriftlichen Bestätigung?“, fragte Niesel. Griesgram zuckte mit den Schultern. „Wenn man eine Bande führt, will man wenigstens ordentliche Unterlagen.“ Küster bestätigte, dass Nuvarellis gewarnt und die Linux-Kernel-Schwachstellen gepatcht werden mussten. Niesel starrte auf sein angebissenes Brötchen. „Ich hätte heute frühstücken können.“

Am Nachmittag fuhr Niesel ins Café am alten Postamt und bestellte ein spätes Frühstück. Die Bedienung fragte, ob er den Hacker gefasst habe. Niesel nickte. „Ja, und der Boss war ein Rentner mit Formularwahn.“ Sie reichte ihm den Kaffee. „Dann ist der Fall ja abgeschlossen.“ Niesel blickte auf den Teller. „Bis nächste Woche.“ Draußen fuhr die Bahn der Linie 7 quietschend vorbei, als ob sie sich verabschiedete.

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