Montag, der 5. Oktober 2026. Es regnete in Strömen, als ich das Präsidium betrat. Auf meinem Schreibtisch thronte eine Kaffeetasse, die seit Freitag darauf wartete, gespült zu werden. Ich betrachtete sie misstrauisch, als das Telefon klingelte. Adelheid von Senff, meine Kollegin mit der Ruhe eines Presslufthammers, schrie: „Niesel! Cyberangriff auf den Kleinschmidt Verlags- und Druckservice! Erpressung! Die ganze Druckvorstufe liegt am Boden!“ Ich seufzte, griff nach meiner Jacke und ließ die Tasse ihrem Schicksal. „Klingt nach einem typischen Montag.“
Im Verlag roch es nach Druckerschwärze und kalter Angst. Der IT-Leiter, ein Herr Hauser, führte uns in den Serverraum, wo ein Bildschirm eine Nachricht zeigte: „Wir, die Nullnummern, haben Ihre Dateien. 250.000 Euro in Bitcoin, oder Ihre Manuskripte erscheinen morgen als Sonderausgabe in der Boulevardpresse.“ Dr. Irmgard Küster war schon da, tippte wie wild auf ihrem Laptop. „Niesel, ich habe im Darknet einen Post gefunden. Der Hacker prahlt mit dem Angriff.“ Sie drehte den Bildschirm zu mir. Benutzername: Nullkommanix. Ich las.
„Leute, ihr glaubt nicht, was ich mit dem Kleinschmidt Verlag angestellt habe. Erst habe ich mir das E-Mail-Gateway Fortinet FortiMail vorgenommen. Die Schwachstelle CVE-2026-104286 ist wie ein offenes Postfach am Haupttor: Man kann nicht nur die Post rausziehen, sondern auch eigene Briefe reinstecken. Also hab ich eine kleine Datei hinterlegt, die mir beim nächsten Abruf die Zugangsdaten für den Schwachstellenscanner Tenable Security Nessus ausgespuckt hat. Mit den Daten bin ich in Nessus rein, und die Lücke CVE-2026-15265 hat mir erlaubt, beliebigen Code auszuführen und meine Rechte auszuweiten – so als würde man den Sicherheitsinspektor bestechen, damit er einem den Generalschlüssel gibt. Und zum Schluss habe ich eine präparierte PDF-Datei in den Druckworkflow geschoben. Ghostscript, der Übersetzer, hat die Schwachstelle CVE-2026-19547 – das ist wie ein Buch, das den Leser hypnotisiert. Beim Öffnen führt es meinen Code aus, und schon flossen die Manuskripte wie Honig aus einem undichten Fass.“ Dr. Küster schnaubte. „Er hat auch einen Screenshot gepostet. Die Metadaten verraten GPS-Koordinaten.“
Die Koordinaten führten zu einem Internetcafé namens „Netzwerk-Café“ in der Innenstadt. Adelheid und ich stürmten los. Der Regen hatte aufgehört, aber die Luft war feucht wie ein nasser Schwamm. Im Café empfing uns ein Wirt mit fettigen Haaren und einer Schürze, die aussah, als wäre sie älter als ich. „Drei Typen waren da“, sagte er. „So gegen elf. Einer hatte einen Laptop voller Aufkleber, der andere hat ständig ‚Nullnummern‘ gesagt. Vor einer Stunde sind sie gegangen.“ Ich blickte auf den leeren Tisch, auf dem noch eine dampfende Kaffeetasse stand. Zu spät.
Wir sicherten die Überwachungsaufnahmen. Die Bande war uns durch die Lappen gegangen, aber jetzt wussten wir: Sie agieren nicht nur aus dem Darknet, sondern physisch in unserer Stadt. Ein Zeuge, ein Praktikant, hatte gesehen, wie einer der Männer einen USB-Stick in einen Drucker steckte – aber das war eine Sackgasse. Ich starrte auf die Kaffeetasse im Café, die noch warm war. „Wir kriegen sie, Adelheid. Nur nicht heute.“ Draußen begann es wieder zu regnen. Der Fall war offen, aber das Netz zog sich zu.