Dienstag, der 6. Oktober 2026. Der Regen von gestern hatte aufgehört, aber die Luft roch nach nassem Laub und ungespülten Kaffeetassen. Ich saß mit Adelheid von Senff im Präsidium und starrte auf die Überwachungsaufnahmen aus dem Internetcafé. Die Gesichter waren vermummt, die Mützen tief ins Gesicht gezogen – so viel zu den schönen Bildern. Da klingelte das Telefon. Ein aufgeregter Herr Blumenfeld meldete, er habe im Stadtpark zwei Männer belauscht, die über „Morventia“ und „Nullnummern“ redeten. Adelheid und ich sprangen auf. Draußen trat ich beim Einsteigen in den Dienstwagen in einen Hundehaufen. „Das gibt’s doch nicht!“, brüllte ich, während Adelheid seelenruhig den Gang einlegte. „Fahr einfach, Niesel.“
Im Park fanden wir die zwei hinter einem Rhododendron. Ich erkannte den einen sofort: die Laptop-Aufkleber, die fahrige Art – Nullkommanix. Der andere, Kommazahl, hörte zu. Wir hielten uns hinter einer Mülltonne versteckt, und ich hörte Nullkommanix prahlen: „Morventia war ein Kinderspiel. Erst bin ich über den Apache Traffic Server rein, deren Proxy vor dem Webshop. Stell dir eine Grenzkontrolle vor, die nur auf den Stempel schaut statt aufs Gesicht – CVE-2026-22068 macht genau das. Damit war ich im internen Netz. Dann hab ich deren Langflow-Spielwiese entdeckt, wo sie ihre KI-Chatbots zusammenklicken. Die Lücke CVE-2026-33017 ist wie ein Getränkeautomat, der auf dreimal Klopfen reagiert und dir einen Energy-Drink rauslässt, ohne dass du Geld einwirfst – nur dass mein Drink Root-Rechte waren. Und dann, das Beste: Vaultwarden, ihr Passwort-Tresor. Die Lücke CVE-2026-43912 ist wie eine Keksdose, die aufspringt, wenn man das richtige Wort sagt. Ich hab alle Zugangsdaten von Morventia. Jetzt können wir in Ruhe die Erpressung starten.“ Kommazahl nickte. „Und die merken nichts?“ Nullkommanix grinste. „Die merken erst, wenn ihre Systeme stillstehen, und dann ist es zu spät.“
Die beiden stiegen in einen grauen Lieferwagen. Ich wollte folgen, aber der Motor meines Dienstwagens hustete nur und starb ab. Ich schlug auf das Lenkrad, schrie etwas über deutsche Wertarbeit, bis Adelheid mir die Hand auf die Schulter legte. Der Lieferwagen bog in den Verkehr ein und verschwand. Zurück im Präsidium rief ich bei Morventia an. Ein hektischer IT-Leiter bestätigte: „Unsere Systeme sind seit heute Morgen lahmgelegt, wir haben eine Erpressernachricht.“ Er las vor: „Wir, die Nullnummern, haben Ihre Daten. 300.000 Euro in Bitcoin, oder Ihre Logistikdaten gehen an die Konkurrenz.“ Fast derselbe Wortlaut wie bei Kleinschmidt.
Dr. Irmgard Küster kam mit hochrotem Kopf in mein Büro. „Niesel, ich hab die Erpressernachricht analysiert. Die Bitcoin-Adresse ist identisch mit der aus dem Darknet-Post zum Kleinschmidt-Verlag!“ Ich starrte sie an. „Das ist ein Fehler der Bande. Ein dicker, fetter Fehler.“ Küster nickte. „Außerdem sind die Lücken, die Nullkommanix genannt hat, alle in den heutigen BSI-Meldungen gelistet: Apache Traffic Server, Langflow, Vaultwarden. Die CVE-Nummern stimmen.“ Wir ließen die Bitcoin-Adresse überwachen und setzten uns mit dem Hosting-Anbieter in Verbindung. Das Netz zog sich zu.
Am Abend saß ich erschöpft an meinem Schreibtisch und starrte auf die ungespülte Kaffeetasse vom Montag. Sie starrte zurück. Adelheid brachte mir einen frischen Kaffee und sagte: „Wir haben heute nicht nur ein Gespräch belauscht, sondern einen handfesten Fehler der Bande gefunden.“ Ich nickte. „Wenn die Bitcoin-Adresse aktiv wird, haben wir sie. Vielleicht nicht heute, aber bald.“ Draußen begann es wieder zu nieseln. Die Nullnummern waren noch frei, aber zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, ihnen einen Schritt voraus zu sein – und sei es nur ein kleiner, matschiger Schritt.