Freitag, 16. Oktober 2026. Kommissar Norbert Niesel hatte den sichergestellten Laptop aus dem Café „Kleine Bohne“ gerade erst geöffnet, als Dr. Irmgard Küster mit einem Audiogerät hereinstürmte. „Auf dem Rechner war eine unverschlüsselte Sprachnachricht, Chef. Von Malte Morgenrot an Bruno Backstein.“ Niesel zuckte zurück. „Nicht schon wieder Darknet-Format, Küster. Diese Emoticons vertrage ich nicht.“ Küster schüttelte den Kopf. „Nein, Chef. Eine Sprachnachricht. Morgenrot klingt, als hätte er zu viel Kaffee und zu viele Sicherheitslücken intus.“
Die Stimme von Malte Morgenrot überschlug sich beinahe. „Bruno, hör zu. Aurvendalis, Runde fünf. Ich hatte ja noch diese halbe Zugangsmarke aus der FortiSIEM-Sache – ein Benutzerkonto mit Putzdienst-Rechten, mehr nicht. Reicht. Erst OPNsense, die Firewall am Werkeingang. Das Teil ist wie ein Schichtleiter, der deinen Ausweis kontrolliert und dich zur richtigen Werkzeugkiste schickt. Ich bin mit meiner Putzdienst-Marke reingegangen, habe über CVE-2026-57155 dem Schichtleiter erklärt, dass ich ab sofort der Betriebsleiter bin. Zack, alle Büros standen offen. Dann Rancher, die Container-Werkzeugkammer. Dieselbe Masche: Ich habe die Etiketten an den Kisten umgeklebt, CVE-2026-44945, und plötzlich hielt mich die Anlage für den Werkzeugwart. Sie hat mir sämtliche Pläne, Passwörter und Generalschlüssel ausgehändigt. Und OpenSSH, das ist der Wartungstunnel. Da habe ich mir eine eigene, nicht eingezeichnete Wartungsluke eingebaut, CVE-2026-35385. Jetzt komme ich immer rein, Bruno. Immer.“
Küster stoppte die Aufnahme. „Damit ist der fünfte Angriff auf Aurvendalis nicht mehr nur ein SIEM-Problem. Morgenrot hat sich an einer OPNsense-Firewall vom einfachen Benutzer zum Administrator hochgearbeitet, in Rancher die Identität des Werkzeugwarts angenommen und dort sämtliche Geheimnisse abgeräumt. Über OpenSSH hat er eine Hintertür, die er jederzeit wieder öffnen kann. Die Aufnahme stammt von heute Morgen, 7:12 Uhr.“ Niesel lief rot an. „Woher wissen Sie das?“ Küster legte einen Ausdruck auf den Tisch. „Im Hintergrund hört man eine Glocke. Das ist die Werksglocke des Alten Gaswerks. Dazu eine Straßenbahndurchsage: ‚Nächster Halt Botanischer Garten.‘ Ich habe die Fahrzeiten abgeglichen: Aufnahmeort ist die Linie 9 um 7:10 Richtung Altes Gaswerk.“ Niesel sprang auf. „Dann überwachen wir das Alte Gaswerk! Und den Botanischen Garten! Und sämtliche Straßenbahnen der Linie 9!“
Adelheid von Senff lehnte im Türrahmen und trank Kaffee. „Wenn du das Alte Gaswerk umstellst, kauf bitte Brötchen. Ich habe keine Lust auf stundenlange Observation mit deinem Magenknurren.“ Niesel fuchtelte mit einem Formular. „Das ist keine Picknickfahrt, Senff! Das ist ein Zugriff!“ Dabei stieß er die Kaffeekanne um, die auf einem Stapel unerledigter Abhöraufträge stand. Die Brühe lief über Küsters Tastatur. „Verdammte Kanne!“, brüllte Niesel und hüpfte auf einem Bein. Senff reichte ihm eine Serviette, an der eine Gabel klebte. „Immerhin hast du jetzt einen Grund, die Tastatur neu zu starten.“ Küster seufzte, wischte und rief bei Aurvendalis an. Der IT-Verantwortliche bestätigte: Ein OPNsense-Administrator namens „morgenrot“ hatte sich um 7:14 Uhr eingewählt, in Rancher waren die Passwörter abgeflossen, und auf zwei OpenSSH-Servern lagen neue Schlüssel. „Die Sprachnachricht ist keine Prahlerei“, sagte Küster. „Der Angriff läuft seit heute Morgen.“
Am Nachmittag bezogen Niesel und Senff einen Observationsposten hinter einer verwilderten Hecke am Alten Gaswerk. Niesel hatte ein Fernglas, einen Fotoapparat und drei belegte Brötchen dabei. Eine Straßenbahn der Linie 9 hielt, die Türen zischten. Niesel drückte das Fernglas gegen die Stirn und fluchte, weil es beschlagen war. Durch den Dunst sah er eine Gestalt aus der Bahn steigen. Für einen Augenblick wirkte sie wie Bruno Backstein. Die Gestalt ging zügig auf eine Backsteinmauer des alten Verwaltungsgebäudes zu, hielt ein Telefon ans Ohr und verschwand in einem Durchgang. Niesel wollte aufspringen, verhedderte sich aber mit dem Riemen des Fotoapparats im Gestrüpp. „Stehen bleiben!“, schrie er. Die Gestalt fuhr herum, sah ihn, lachte und stieg auf ein bereitgestelltes Fahrrad. Senff reichte Niesel ein Papiertaschentuch. „Der fährt schneller, als du aus der Hecke kommst.“ Niesel brüllte: „Dann klemmen wir das Alte Gaswerk ab! Der Kreis zieht sich zu!“ Der Fall blieb offen, doch die Restposten-Ritter spürten, dass die Polizei näher kam.