Sonntag, 18. Oktober 2026. Um 17:30 Uhr saß Kommissar Norbert Niesel in einem unauffälligen Lieferwagen gegenüber dem Nordbahnhof und starrte durch ein Loch im Vorhang. Adelheid von Senff daneben justierte das Richtmikrofon. „Die Wanze in der Kneipe sitzt, Küster hat die Aufnahmesoftware laufen. Du musst nur noch den Mund halten und zuhören.“ Niesel riss an seinem Kragen. „Ich halte nie den Mund! Ich bin Ermittler!“ Er griff nach der Thermoskanne, verschüttete Kaffee über das Mischpult. Senff seufzte. „Das war die zweite Kanne heute. Wenn du so weitermachst, können wir die Beweise gleich als Kaffeesatz sichern.“ Kurz vor 18 Uhr bog ein Taxi ein. Bruno Backstein stieg aus, dann Malte Morgenrot mit Laptoptasche, und ein dritter Mann, den Niesel nicht kannte. Senff tippte in ihr Handy. „Kuno Kies, Hehler aus der Hafengegend. Akte liegt bei Küster.“ Niesel ballte die Faust. „Restposten-Ritter, vollzählig. Falle schließt sich.“
In der Kneipe nahmen die drei den reservierten Tisch. Niesel hörte über die Wanze, wie Morgenrot sich räusperte. „Bruno, Kuno, aufgepasst. Aurvendalis denkt, sie hätten Runde sechs überlebt. Aber das war nur der Vorgeschmack. Der eigentliche Coup läuft gerade.“ Er klappte den Laptop auf. „Zuerst der Erstzugriff: Sonatype Nexus Repository Manager. Stellt euch das als die Paketannahme im Büro vor. Normalerweise prüft der Pförtner jedes Paket. Ich habe ein Paket abgegeben, das aussah wie eine Lieferung vom Lieblingslieferanten. Der Pförtner hat es angenommen, ohne den Absender zu kontrollieren. Beim Auspacken ist dann ein kleines Programm losgelaufen – ganz ohne Ausweis, ganz ohne Unterschrift. CVE-2026-3199. Damit hatte ich Codeausführung und konnte mir die Administratorrechte greifen. Ich war der Hausverwalter.“ Er grinste. „Dann Red Hat OpenShift Container Platform mit gRPC-Go. Das ist der Lastenaufzug, der die Container zwischen den Etagen transportiert. Normalerweise braucht man einen Dienstausweis. Aber mit den Adminrechten aus der Paketannahme hatte ich einen. Als authentisierter Techniker konnte ich eine Sicherheitsverriegelung umgehen – CVE-2026-104037. Der Aufzug fuhr ohne Prüfung in die Chefetage. Und zum Schluss GnuTLS: Das ist der gepanzerte Kurierwagen, der die vertraulichen Akten zum Backup-Server bringt. Normalerweise sind die Türen verschlossen. Ich habe mit CVE-2026-33846 das Schloss so manipuliert, dass es sich mit einem Trick öffnen lässt. Die ganzen Verträge, die Kundendaten, die Passwörter – ich habe sie während der Fahrt gelesen, als wären es offene Postkarten.“ Er lehnte sich zurück. „Jetzt können sie zahlen, Jungs. Oder wir veröffentlichen die halbe Firma.“
Niesel gab über Funk das Einsatzzeichen. „Zugriff!“ Vor der Kneipe sprangen Einsatzkräfte aus zwei Transportern. Gleichzeitig stürmten Beamte durch den Hinterausgang. In der Kneipe schrie Morgenrot auf, riss seinen Laptop an sich, stolperte über Kuno Kies’ Bein und ließ das Gerät in einen Teller mit Bratensoße fallen. Ein Funkenregen stob aus der Tastatur. Bruno Backstein versuchte, durchs Fenster zu klettern, blieb aber mit dem Gürtel am Fenstergriff hängen. Niesel stürmte herein, rutschte auf einer Serviette aus und landete mit dem Gesicht auf dem Tresen, genau neben dem erschrockenen Wirt. „Niemand bewegt sich! Das ist ein Zugriff!“ rief er, während Senff seelenruhig die Handschellen klicken ließ. Kuno Kies hob die Hände, Morgenrot starrte auf seinen dampfenden Laptop. „Das war ein Firmengerät!“ heulte er. „Aber nicht Ihre Firma“, sagte Senff und zog ihm die Hände auf den Rücken.
Im Präsidium bestätigte Dr. Irmgard Küster die Beweiskette: Die Wanze hatte das Geständnis aufgezeichnet, der sichergestellte – wenn auch mit Bratensoße getränkte – Laptop enthielt die Zugangsdaten, die Chatverläufe und die gestohlenen Daten von Aurvendalis. „Die drei Lücken sind real, die Produkte sind echt, die CVEs sind zugeordnet. Der Fall ist wasserdicht.“ Niesel nickte, während er versuchte, die Soße von seiner Jacke zu wischen. Morgenrot, Backstein und Kies wurden abgeführt. Der Fall Aurvendalis war zu Ende. Niesel ging zum Fenster und sah auf den Parkplatz. „Weißt du, Senff, nächste Woche kommt eine neue Bande. Und wir werden wieder da sein, mit Kaffee und Faxgerät.“ Senff reichte ihm einen Becher. „Faxgerät? Du hast heute schon zwei Tastaturen mit Bratensoße zerstört.“ Niesel brüllte: „Das war eine!“ Aber er trank den Kaffee. Der Sonntag endete, wie er begonnen hatte: mit einem Kommissar, der den Fall gelöst hatte, und einer Kollegin, die wusste, wann man besser schweigt.