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Digitalpolitik von Markus Berger

Celonis greift Palantir an: 100 Millionen für Polizei-Software

Celonis aus München will bis 2029 mehr als 100 Millionen Euro in ein Analysesystem investieren, das vorwiegend bei der Polizei zum Einsatz kommen soll. Das Projekt trägt den Arbeitsnamen „Metropolis" und soll Ende Oktober in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert werden. Damit tritt der bislang als Process-Mining-Anbieter bekannte Konzern in direkte Konkurrenz zu Palantir. Ob dieser Vorstoß trägt, entscheidet sich allerdings nicht auf einer Bühne, sondern in den Vergabestellen der Länder – und dort läuft die Zeit.

Celonis Metropolis: 100 Millionen Euro bis 2029

Das Investitionsvolumen von mehr als 100 Millionen Euro verteilt sich auf die Jahre bis 2029 und ist damit eine mehrjährige Ankündigung, keine bereits gebundene Summe. Wichtiger noch: Es handelt sich um geplanten Aufwand, nicht um Umsatz, und die Präsentation ist ein angekündigter, kein vollzogener Schritt. Für die politische Bewertung ist diese Unterscheidung zentral, weil sie den Abstand zwischen Ankündigung und belastbarem Produkt markiert.

Zum Zeitplan kommt ein zweiter offener Punkt: „Metropolis" soll Ende Oktober vorgestellt werden, nach Informationen aus dem Umfeld des Unternehmens in Berlin. Bis dahin liegen weder eine öffentliche Funktionsbeschreibung noch Angaben dazu vor, welche Daten das System in welcher Form verarbeitet. Genau diese Angaben wären aber die Voraussetzung für jede datenschutzrechtliche Bewertung.

Personell ist das Geschäftsfeld überschaubar aufgestellt: Rund 60 Mitarbeiter sollen nach verfügbaren Angaben in dem Bereich arbeiten, der bei Celonis unter Verteidigung und Sicherheit läuft und in Deutschland von Leander Hartenauer geleitet wird. Florian Schewior, Geschäftsführer Deutschland, wird mit der Erwartung hoher Zuwächse zitiert. Ob die Rechnung aufgeht, hängt am Zugang zu den Behörden – und der führt ausschließlich über förmliche Vergabeverfahren. Am Rande läuft zudem ein Patentstreit mit SAP vor dem Landgericht München I, über den am 24. September verhandelt wurde; für die politische Bewertung von „Metropolis" ist er nachrangig.

Wer betroffen ist: Polizeibehörden, Bürger und der Markt

Der praktische Referenzfall liegt in Nordrhein-Westfalen. Dort wurde der bestehende Palantir-Vertrag um ein Jahr verlängert; der Vertragswert wird mit 15 Millionen Euro angegeben – eine Zahl, die auf eine nicht namentlich genannte Quelle zurückgeht und nicht unabhängig bestätigt ist. In der Endrunde der Neuvergabe stehen Celonis und Sopra Steria, außerdem ist Chapsvision im Verfahren; Palantir selbst habe nicht erneut geboten. Für Celonis ist NRW damit weit mehr als ein Referenzprojekt: Es ist der erste belastbare Beleg dafür, ob ein europäischer Anbieter ein polizeiliches Analysesystem überhaupt gewinnen kann.

Weitere Beschaffungen laufen auf denselben Entscheidungspunkt zu. Die Palantir-Verträge in Hessen enden 2027, in Baden-Württemberg 2030; beim Bund existiert ein separates Vorhaben bei der Bundespolizei. Das bedeutet: Die Vergabeentscheidungen der kommenden Monate legen die technische Grundlage der Polizeiarbeit für Jahre fest – unabhängig davon, wie viele Anbieter danach noch am Markt bestehen.

Betroffen sind aber nicht nur Beschaffer und Bieter. In den Systemen werden Daten von Menschen verarbeitet, die von polizeilichen Maßnahmen berührt sind, ohne selbst Beschuldigte zu sein. Die einschlägigen Polizeigesetze der Länder und die Datenschutz-Grundverordnung verlangen Zweckbindung, Erforderlichkeit und Löschfristen. Eine unabhängige technische oder datenschutzrechtliche Bewertung von „Metropolis" liegt bislang nicht vor; Stellungnahmen von Datenschutzbeauftragten oder zivilgesellschaftlichen Organisationen sind im verfügbaren Material ebenfalls nicht enthalten.

Für den Markt schließlich verschiebt sich die Wettbewerbsposition: Palantir verliert in NRW den Status des gesetzten Anbieters, Sopra Steria und Chapsvision treten als weitere europäische Bieter auf. Für Celonis wiederum geht es um einen Referenzkunden, an dem sich alle folgenden Ausschreibungen messen lassen müssen.

Einordnung: Souveränität als Beschaffungsargument

Politisch wird der Vorstoß als Beitrag zur digitalen Souveränität gerahmt. Celonis gilt in dieser Debatte manchen als „europäische Alternative zu Palantir" – allerdings mit der ausdrücklichen Einschränkung, dass es „so einfach nicht ist". Diese Relativierung ist ernst zu nehmen, denn sie benennt den Unterschied zwischen Firmensitz und Systemeigenschaft.

Process Mining optimiert Geschäftsabläufe, indem es Ereignisprotokolle auswertet. Ob dieselbe Engine polizeiliche Ermittlungs- und Lagebilddaten verarbeiten darf, ist eine andere Frage – sie berührt Zweckbindung, Datenminimierung und die Nachvollziehbarkeit automatisiert erzeugter Hinweise. Souveränität wäre deshalb nicht schon dadurch belegt, dass der Anbieter in München sitzt, sondern erst durch Offenlegung der Datenflüsse, unabhängige Prüfung, klare Aufsicht und eine realistische Wechselmöglichkeit zu einem anderen Anbieter.

An dieser Stelle klafft die größte Lücke. Es gibt keine öffentlich verfügbare Evaluation, keine Zertifizierung und keine Auskunft darüber, welche Rolle Verfahren der künstlichen Intelligenz im System spielen und wie Ergebnisse gegenüber Gerichten und Betroffenen begründet werden. Auch eine Experteneinschätzung, die in der Berichterstattung zum Thema angeführt wird, ist inhaltlich nicht dokumentiert und taugt damit nicht als Beleg – weder für noch gegen das Vorhaben.

Politisch bleibt zudem eine Zuständigkeitsfrage: Beschafft wird auf Landes- und Bundesebene, das Souveränitätsargument wird aber europäisch geführt. Ob Vergabekriterien künftig Aspekte wie Datenhaltung, Auditierbarkeit oder Betreiberwechsel überhaupt abbilden dürfen, ist rechtlich nicht abschließend geklärt und wird in den laufenden Verfahren praktisch ausgetestet.

Fazit

Der nächste belastbare Datenpunkt ist die Vorstellung von „Metropolis" Ende Oktober. Erst danach lässt sich beurteilen, ob dem Souveränitätsversprechen eine prüfbare Architektur folgt oder ob es bei der Ankündigung bleibt. Den größeren Ausschlag gibt jedoch die Vergabe in Nordrhein-Westfalen: Fällt sie an Celonis, wäre das der Nachweis, dass ein europäischer Anbieter Palantir verdrängen kann; fällt sie an Sopra Steria oder Chapsvision, bliebe Celonis auf die Rolle des Herausforderers beschränkt. Mit den Auslaufdaten 2027 in Hessen und 2030 in Baden-Württemberg wiederholt sich dieselbe Entscheidung anschließend unter veränderten Vorzeichen.


Quellen

  1. Datenanalyse für die Polizei: Celonis nimmt Palantir mit Metropolis ins Visier
  2. „Metropolis" soll Palantir Konkurrenz machen
  3. Tyska Celonis satsar en miljard för att utmana omstridda Palantir
  4. Celonis: Dieser Münchner Tech-Riese verspricht digitale Unabhängigkeit von US-Konzernen
  5. Celonis Aktie: Metropolis soll Polizei ins Visier nehmen

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