Der nächste Morgen begann mit einer Schlagzeile, die mich meinen Kaffee beinahe durch die Nase ausatmen ließ: „KI-Firmen kaufen Antiquariate leer – Buchhändler alarmiert“. Bettina hatte den Artikel mit einem Post-it an meinen Bildschirm geklebt, auf dem nur „Recherche!“ stand, mit drei Ausrufezeichen und einem Smiley, der einen Totenkopf darstellen sollte. Ich las die Zeilen und spürte, wie sich zwei lose Enden in meinem Kopf zu einem Knoten zusammenzogen, der noch nicht ganz fest war, aber schon ziemlich schmerzhaft spannte. Es ging um eine Firma namens NeuralMind, die in den letzten Monaten systematisch antiquarische Buchhandlungen auf der ganzen Welt aufgekauft hatte – nicht um die Läden selbst, sondern um die Bestände. Alte Bücher, vergilbte Manuskripte, handschriftliche Notizen aus längst vergangenen Jahrhunderten. Auf die Frage, was ein KI-Unternehmen mit verstaubten Folianten wolle, hatte der CEO geantwortet: „Wir füttern unsere Modelle mit dem gesamten menschlichen Wissen. Auch mit dem, das in Vergessenheit geraten ist.“ Ein Buchhändler aus Pasadena wurde zitiert mit den Worten: „Die kaufen nicht unsere Bücher. Die kaufen unsere Geheimnisse.“ Mein Telefon klingelte, noch bevor ich den Artikel zu Ende gelesen hatte. Es war Maier, der Polizist vom Vorderstaufen, und er klang, als hätte er die ganze Nacht Akten gewälzt. „Ich hab nochmal die Kamerabilder von Unterhubers Teleobjektiv ausgewertet. Die meisten sind unscharf, aber auf einem erkennt man einen Buchrücken. Es ist ein altes Wörterbuch, so ein russisch-deutsches Ding, handschriftlich annotiert. Und raten Sie mal, woher es stammt.“ Ich musste nicht raten. „Ein Antiquariat.“ – „Genau. Eins in Los Angeles. Das vor zwei Wochen von einer gewissen Firma namens NeuralMind aufgekauft wurde.“ Los Angeles. Elle Fanning. Das Foto. Die Drohne. Das Puzzle fügte sich zusammen wie ein böses Bild, bei dem man sich wünscht, man hätte die Einzelteile nie gesehen.
Ich buchte den nächstmöglichen Flug nach LA, ohne Bettina zu fragen, und verbrachte die zwölf Stunden in der Luft damit, mir vorzustellen, was ein Münchner Rechtsanwalt eigentlich mit einem russisch-deutschen Wörterbuch aus einem kalifornischen Antiquariat gewollt haben könnte. Die Stewardess bot mir Erdnüsse an, ich lehnte ab, ich war mit Denken beschäftigt, und Denken macht bekanntlich keinen Hunger, sondern nur Durst. In LA angekommen, empfingen mich 46 Grad und eine Stadt, die sich auf den Unabhängigkeitstag vorbereitete, als gäbe es keinen Hitzetod, der diesen Namen verdiente. Überall hingen sterbende Fahnen in der flirrenden Luft, die Feuerwerkskörper lagerten in Lagerhallen, die bei dieser Temperatur eigentlich selbst explodieren müssten, und die Nachrichten warnten davor, sich zwischen elf und vier Uhr draußen aufzuhalten, weil der Asphalt weich wurde und die Klimaanlagen streikten. Ich ignorierte die Warnungen, wie man als Journalist alle Warnungen ignoriert, die einem zwischen das Mittagessen und eine gute Story kommen, und machte mich auf den Weg zu dem Antiquariat, das in einem Vorort lag, dessen Name klang wie eine Zahnpasta aus den Fünfzigern.
Das Antiquariat war geschlossen. Nicht einfach nur geschlossen, sondern so geschlossen, wie ein Laden geschlossen ist, den es bald nicht mehr geben wird. Die Schaufenster waren mit braunem Packpapier verklebt, auf der Tür klebte ein Zettel: „Ausverkauf. Alles muss raus. Auch die Erinnerungen.“ Ich spähte durch einen Spalt und sah leere Regale, einen umgekippten Stuhl, eine einsame Karteikarte auf dem Boden, auf der jemand mit Bleistift eine Adresse in Sankt Petersburg notiert hatte. In diesem Moment vibrierte mein Handy mit einer News-Benachrichtigung, die mich für einen winzigen, unwirklichen Moment alles um mich herum vergessen ließ: „Bus stürzt in Pakistan 70 Meter in eine Schlucht – 40 Tote.“ Ich starrte auf die Meldung und dachte an Juri, meinen Hühnerzüchter in Russland, der keine Nachrichten mehr sah, sondern nur noch seinen Hühnern zuhörte, und fragte mich, ob irgendwo auf der Welt ein Huhn jetzt anders gackerte als sonst. Vielleicht war das ja die neue Angst der Menschheit: nicht mehr die großen Kriege, sondern die kleinen, unerklärlichen Signale, die Tiere und tote Buchhändler und Bergsteiger ohne Ausrüstung empfingen, kurz bevor das Chaos ausbrach.
Ich lehnte mich an die heiße Hauswand und rief die einzige Nummer an, die ich von Unterhubers Handy hatte rekonstruieren können. Es meldete sich niemand, aber die Mailbox sprach Deutsch mit einem leichten amerikanischen Akzent: „Sie rufen an bei Pjotr Jankowski, Inhaber des Antiquariats ‚Bücherwurm und Kosmos‘. Leider sind wir seit dem 2. Juli geschlossen. Falls Sie Fragen zu einem Kauf haben, wenden Sie sich bitte an NeuralMind Inc., Abteilung Wissensakquise.“ Ich legte auf und starrte auf den heißen Asphalt, der unter meinen Füßen tatsächlich weich zu werden schien. Pjotr Jankowski. Ein Name, der klang wie eine Mischung aus Dostojewski und einem schlechten Witz. Ich googelte ihn und fand genau einen Treffer: ein Konzertfoto, Düsseldorf 1998. Pjotr, damals noch mit Haaren, stand im Publikum eines Toten-Hosen-Konzerts und trug ein selbstgemaltes T-Shirt mit der Aufschrift: „Die Wahrheit liegt unter dem Merkur.“ Die Toten Hosen. Fortuna Düsseldorf. Trikot-Sensation. Die Verbindung war so absurd, dass sie wahr sein musste. Ich setzte mich auf die Bordsteinkante und lachte, mitten in der glühenden Hitze des amerikanischen Unabhängigkeitstags, während über mir eine Drohne kreiste, die vielleicht nur den Verkehr überwachte – oder vielleicht etwas ganz anderes.