Ein überladenes Wohnzimmer im Sowjet-Stil mit Laptops und Karten, ein einzelnes Huhn auf einem Käfig, das eine vor dem Fenster schwebende Drohne fixiert, während kyrillischer Code über einen Bildschirm flackert und ein altes Logbuch aufgeschlagen liegt, düster mit absurden Akzenten
Keyword Chaos von Jakob Fabel

Gackernde Algorithmen und die Toten von Düsseldorf

Die Drohne über dem Hühnerstall schwebte jetzt so tief, dass man die Seriennummer unter dem Rotor hätte ablesen können, wenn man ein Fernglas gehabt hätte – was Unterhuber gehabt hatte, bevor er starb, und ich begann zu verstehen, dass Ferngläser in dieser Geschichte eine ähnliche Rolle spielten wie die Hühner: Sie waren keine Requisiten, sie waren Warnsignale. Juri starrte abwechselnd auf das Logbuch mit dem eingebrannten Wahrheits-Siegel und auf den Laptop, dessen Spektrogramm jetzt in einer Frequenz zuckte, die Marfa mit einem fünfmaligen Gackern quittierte – definitiv kein Friedensangebot, sondern etwas, das Juri mit einem Wort kommentierte, das ich hier nicht wiedergeben kann, weil es auf Russisch ungefähr das bedeutete, was eine Hündin zu einem Priester sagt, wenn er ihr den letzten Knochen wegnimmt. „Sie testen nicht nur unseren Empfang“, sagte er, während er hektisch Tasten drückte, „sie scannen das Logbuch. Das ist kein Zufall – das Buch hat eine passive RFID-Markierung, die jemand vor Jahrzehnten eingebaut hat, und jetzt sucht jemand anders danach. Mit einer Drohne, die mehr Sensoren hat als ein Krankenhauslabor.“ Ich dachte an den Anruf, die Stimme, die das Schließfach in Berlin erwähnt hatte, und daran, dass der Anrufer Marfa kannte – was bedeutete, dass er entweder Juris bester Freund war oder jemand, der diesen Hühnerstall seit Wochen observierte, und Juris beste Freunde waren alle tot oder untergetaucht, wie Pjotr Jankowski, der mit einem Toten-Hosen-T-Shirt und einem Merkur-Code im Gepäck verschwunden war.

„Du hast gesagt, Elle Fanning sei ein Köder“, sagte ich, während ich mein Handy so hielt, dass die Kamera die Drohne filmte, obwohl ich nicht wusste, ob das Filmen die Drohne ärgerte oder den, der sie steuerte. „Ein Köder für wen? Für mich? Für NeuralMind? Für den Geist von Fjodor Merkulow, der seit 1917 darauf wartet, dass jemand sein verdammtes Logbuch ins Internet stellt?“ Juri setzte sich wieder, und sein Gesicht nahm den Ausdruck eines Mannes an, der eine Geschichte erzählen will, aber nicht sicher ist, ob der Zuhörer genug Wodka intus hat, um sie zu verkraften. „Elle Fanning ist keine Spionin, sie ist eine Freundin von Pjotr – eine Schauspielerin, die ihm mal ein signiertes Foto geschickt hat, weil er ihr in einem Forum ein russisches Sprichwort erklärte, das in einem ihrer Drehbücher vorkam. Das Foto, das du bekommen hast, ist kein Zufallsprodukt: Jemand hat ihre Verbindung zu Pjotr entdeckt und benutzt sie jetzt als lebenden Hinweis, eine Art menschliche Breadcrumb, die zu dem führt, was Pjotr wusste. Und weil Pjotr paranoid war wie ein Eichhörnchen mit einem Geheimnis, hat er die Spur nicht in einer Datei versteckt, sondern in einem Fanartikel.“ Er machte eine Pause, die lang genug war, um das Sirren der Drohne draußen wie ein nervöses Insekt wirken zu lassen. „Ein handsigniertes Trikot von Lothar Matthäus, das er 1998 in Düsseldorf ersteigert hat, bei einem Benefizspiel von Fortuna Düsseldorf gegen eine Weltauswahl. Die Auktion fand nach dem Toten-Hosen-Konzert statt, auf dem Foto, das du gefunden hast, trägt Pjotr genau das Shirt mit der Aufschrift ‚Die Wahrheit liegt unter dem Merkur‘ – und wenn du das Trikot findest, findest du den Code, den NeuralMind sucht. Den vollständigen Merkulow-Code, nicht nur Fragmente. Die ganze Verschlüsselungsmaschine, verpackt in die Rückennummer eines Fußballers, der nie wusste, dass er ein toter Briefkasten war.“

Ich starrte ihn an, während draußen die Drohne wegschwirrte, als hätte sie genug Daten gesammelt oder als hätte jemand am anderen Ende der Steuerung beschlossen, dass ein überhitzter Journalist und ein Hühnerzüchter mit PTSD keine unmittelbare Bedrohung darstellten. Lothar Matthäus. Ein handsigniertes Trikot. Ein Benefizspiel. Das klang so absurd, dass es genau die Art von Wahrheit war, die man nur in einer Welt fand, in der tote Anwälte auf bayerischen Bergen standen und Wörterbücher aus LA plötzlich in Sankt Petersburg auftauchten. „Und wo ist dieses Trikot jetzt?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon ahnte. „In Berlin“, sagte Juri, „in einem Schließfach, zusammen mit der Schwester dieses Logbuchs, dem persönlichen Tagebuch von Merkulows Frau, das sie 1918 nach Deutschland schmuggelte, bevor sie verhaftet wurde. Sie war Deutsche, eine Übersetzerin, die für den zaristischen Geheimdienst arbeitete und gleichzeitig für die Kaiserliche Marine spionierte – eine Doppelagentin, deren Notizen den Code erklären, aber nur, wenn man beide Teile hat. Das Logbuch mit den Zeichen, das Tagebuch mit den Übersetzungen. NeuralMind hat die Wörterbücher, aber ohne die Tagebücher können sie den Algorithmus nicht rekonstruieren, den Merkulow in die kyrillischen Zeichen eingewoben hat, als eine Art Prüfsumme für Nachrichten, die unknackbar sein sollten. Und das Trikot, Genosse, das Trikot enthält die fehlende Ziffernfolge, die alles entschlüsselt – weil Pjotr sie in die Fasern des Stoffs sticken ließ, unsichtbar für das bloße Auge, lesbar nur mit einem Spektralfilter, den er in Juris Hühnerstall versteckt hat, in einem Ei, das nie ausgebrütet wurde.“

In diesem Moment klingelte mein Handy erneut, und diesmal war es nicht die rauchige Stimme von vorhin, sondern Bettina, die klang, als hätte sie meinen Kontoauszug und meine Kreditkarte gleichzeitig überprüft. „Wo zum Teufel bist du?“, fragte sie, ohne eine Antwort abzuwarten. „Die Trends spielen verrückt, seit du in LA warst. Irgendein Fußballtrainer wurde entlassen, weil er den falschen Code benutzt hat – Petković oder so, ich verstehe nichts von Sport. Aber die Klickzahlen auf dem Artikel über das Antiquariat explodieren, weil jemand in den Kommentaren fragt, was Lothar Matthäus mit toten Buchhändlern zu tun hat. Hast du eine Theorie, oder soll ich die Praktikantin eine erfinden lassen?“ Ich sagte ihr, sie solle die Praktikantin nichts erfinden lassen, weil die Wahrheit bereits erfunden genug sei, und legte auf, bevor sie nach Einzelheiten fragen konnte. Juri war während meines Telefonats aufgestanden, hatte ein unscheinbares Ei aus einem Karton unter dem Tisch genommen und hielt es gegen das Licht der Schreibtischlampe. Es sah aus wie ein ganz normales Ei, vielleicht ein bisschen größer, mit einer Schale, die im Lampenlicht schimmerte wie altes Porzellan. „Es ist das letzte Ei, das Marfa gelegt hat, bevor sie aufhörte, normale Eier zu legen und anfing, Morsezeichen zu gackern“, sagte er, und seine Stimme klang fast zärtlich. „Pjotr hat den Spektralfilter in die Kalkschicht eingearbeitet, als das Ei noch in Bildung war – eine Technik, die er aus einem alten zaristischen Handbuch über unsichtbare Tinten hatte, das er in seinem eigenen Antiquariat fand, bevor NeuralMind es kaufte. Wenn du das Ei gegen das Logbuch hältst, erscheinen die fehlenden Zeichen auf den Seiten wie eine unsichtbare Schrift, die nur sichtbar wird, wenn man weiß, wonach man sucht. Und wenn du dann das Trikot in Berlin hast, kannst du die Ziffernfolge abgleichen und den Code vollständig entschlüsseln – vorausgesetzt, du findest das Schließfach, bevor NeuralMind es tut, und vorausgesetzt, du überlebst den Flug nach Berlin, was nach allem, was ich über Drohnen und tote Anwälte weiß, keine Selbstverständlichkeit ist.“

Draußen war die Drohne verschwunden, aber das Sirren war geblieben, ein hoher Ton, der sich in meine Ohren gefressen hatte wie ein Ohrwurm, der in einer Frequenz sang, die nur Hühner und paranoide Journalisten hörten. Ich dachte an Unterhuber, der auf dem Vorderstaufen gestanden hatte, mit einem Fernglas und einer Kamera und einem Wörterbuch im Kopf, und der vielleicht genau dasselbe Sirren gehört hatte, bevor er fiel – oder gestoßen wurde. Ich dachte an Pjotr, der 1998 in Düsseldorf ein Trikot ersteigert hatte, ohne zu ahnen, dass es zwanzig Jahre später den Schlüssel zu einem Code enthalten würde, den ein toter Telegrafist erfunden hatte, um die zaristische Geheimpolizei zu täuschen. Und ich dachte an Marfa, das Huhn, das jetzt auf ihrem Käfig saß und mich mit dem uralten Blick eines Wesens ansah, das mehr wusste als alle Algorithmen dieser Welt zusammen – und das mir, da war ich sicher, niemals ein gewöhnliches Frühstücksei liefern würde. Juri drückte mir das Ei in die Hand, vorsichtig, als wäre es eine Handgranate, und sagte: „Flieg nach Berlin, Genosse. Das Schließfach ist am Bahnhof Zoo, Nummer siebzehn, Code Wort ist der Name von Pjotrs erstem Hund, den er nie hatte. Und wenn du das Trikot findest, zieh es nicht an – es sei denn, du willst, dass NeuralMind deine biometrischen Daten liest wie eine Speisekarte.“ Ich steckte das Ei in meine Jackentasche, wo es sich anfühlte wie ein Herzschlag, der nicht mein eigener war, und während ich nach einem Flug suchte, der mich von Sankt Petersburg nach Berlin brachte, ohne dass eine Drohne mir folgte, fragte ich mich, ob Marfa wohl ein Gackern für „Viel Glück, du Idiot“ hatte – und ob sie es für mich reserviert hätte.

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