Ein surrealer Fernsehregieraum in einer alten Industriehalle, Hühner laufen zwischen Monitoren umher, die Tennismatches und Fußballspiele zeigen, während ein verwirrter Journalist ein Ei und ein Fußballtrikot unter flackernden Neonröhren hält
Keyword Chaos von Jakob Fabel

Kapitel 5: Die ORF-Verschwörung und das Galarza-Foul

Das NeuralMind-Rechenzentrum in Viersen war kein Rechenzentrum, sondern eine ehemalige Margarinefabrik, in der jemand mit einem budgetären Wahnwitz und einer Vorliebe für flackernde Neonröhren eine Fernsehregie eingerichtet hatte, die aussah wie das Bastelprojekt eines ORF-Praktikanten nach drei Tagen ohne Schlaf, und mittendrin saß ein Mann in einem zerknitterten Leinenanzug, der sich als David Schalko vorstellte, österreichischer Satiriker und, wie sich herausstellte, der Drahtzieher hinter sämtlichen Spionage-Aktivitäten, die mich in den letzten Wochen quer durch Europa gehetzt hatten, von Juris Hühnern über Unterhubers Fernglas bis zu diesem verdammten Ei, das ich immer noch in der Tasche trug wie einen talismanischen Joghurtbecher. „Wissen Sie“, sagte Schalko, während auf dreißig Monitoren gleichzeitig Alexander Zverevs Wimbledon-Match, das Emden-St. Pauli-Testspiel und eine Übertragung von Rayan Cherkis denkwürdigem Wortgefecht mit Didier Deschamps liefen, „ich wollte nur eine Doku-Satire drehen über die Absurdität moderner Datenströme – wie Sport-Liveticker, Drohnenfrequenzen und alte Telegrafencodes eigentlich dasselbe sind: bedeutungslose Signale, die wir mit Bedeutung aufladen, bis jemand denkt, es stecke eine Verschwörung dahinter.“ Er machte eine Pause, in der ein Huhn an seinem Schreibtisch vorbeistolzierte und nach einem Kabel pickte. „Dass Sie das alles für echt halten würden, hatte ich nicht eingeplant. Aber es war verdammt gutes Material. Die Einschaltquoten für meine ORF-Dokumentation werden phänomenal – vorausgesetzt, Sie unterschreiben hier die Einverständniserklärung, dass wir Sie als unfreiwilligen Hauptdarsteller verwenden dürfen.“

Die Puzzleteile fielen so schnell zusammen, dass ich mich auf einen Bürostuhl setzen musste, der unter meinem Gewicht protestierte wie ein sterbender Synthesizer. Pjotr Jankowski war nie Spion gewesen, sondern Requisiteur – er hatte die alten Wörterbücher gekauft, um eine glaubwürdige Bibliothek für Schalkos Set zu bauen, und die Tote-Hosen-Setlists waren seine private Obsession, die mit dem Drehbuch überhaupt nichts zu tun hatte, weshalb sie auch nie entschlüsselt wurden, weil sie schlicht keinen Sinn ergaben, was Juri übrigens von Anfang an gesagt hatte, aber ich hatte nicht zugehört, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, ein internationales Komplott zu vermuten. Unterhubers Fernglas war auf eine Drohne gerichtet gewesen, die Schalko für Luftaufnahmen gemietet hatte, und dass der Anwalt am Vorderstaufen abstürzte, war ein echter Unfall, ausgelöst durch einen Schwächeanfall, den die Obduktion längst bestätigt hatte – ich hatte nur vergessen, den Obduktionsbericht anzufordern, weil ich lieber einem toten Buchhändler glaubte, der für einen Satiriker arbeitete. Und die Hühner? Die Hühner reagierten nicht auf Spionagesignale, sondern auf die Testfrequenzen eines funkgesteuerten Requisiten-Huhns, das Schalko für eine Szene gebaut hatte, in der ein Huhn eine Drohne steuert – eine Metapher für die Absurdität künstlicher Intelligenz, die er mir in diesem Moment erklärte, während ich auf den Bildschirm starrte, der zeigte, wie Rayan Cherki wütend an Deschamps vorbeiging, und ich realisierte, dass das alles nie Teil eines Codes gewesen war, sondern nur die Echtzeit-Datenerfassung für eine Doku, die beweisen sollte, dass man aus beliebigen Daten jede beliebige Geschichte konstruieren kann.

„Und der Merkulow-Code? Die kyrillischen Prüfsummen? Das Logbuch der Übersetzerin?“, stammelte ich, während das Huhn auf meinem Schoß Platz nahm und mich mit einem Blick fixierte, der besagte: Ich hab’s dir ja gesagt, aber du wolltest ja nicht auf mich hören. Schalko lächelte das Lächeln eines Mannes, der gerade Liam Neesons neuesten Action-Thriller gestreamt und darin die Bestätigung gefunden hatte, dass alle guten Geschichten auf Missverständnissen beruhen. „Das Logbuch war ein Requisit aus einer früheren Produktion über zaristische Telegrafie, die nie ausgestrahlt wurde. Die kyrillischen Prüfsummen stammen aus einem alten russischen Kochbuch, das unser Praktikant Galarza Fonda bei einem Flohmarkt in Buenos Aires gefunden hat – ja, derselbe Galarza, der letzte Woche mit River Plate aus der Copa Mundial geflogen ist, was übrigens auch nur erfunden war, weil wir testen wollten, ob Sportnachrichten wirklich jeder glaubt, solange sie nur spanisch genug klingen.“ Er nahm mir das Ei aus der Tasche, öffnete es mit einem gezielten Schlag gegen die Tischkante – es enthielt keine Spektralfilter, keine Antenne, keine Spionagetechnik, sondern ein handelsübliches Überraschungsei-Spielzeug, einen winzigen Plastikdinosaurier, den Schalko liebevoll zwischen Daumen und Zeigefinger hielt. „Die ganze Geschichte, von Merkulow über Viersen bis zum FIFA-Präsidenten, war ein Testfeld für die Frage, wie viel Absurdität eine Öffentlichkeit erträgt, bevor sie anfängt, eine Verschwörung zu wittern. Sie, mein Lieber, haben den Rekord gebrochen – Sie haben sogar ein Hühnerei für einen Spionagesatelliten gehalten. Das ist großes Fernsehen, das muss ich Ihnen lassen.“

In diesem Moment platzte Bettina Karg durch die Tür, die aussah, als hätte sie den gesamten Weg von Berlin nach Viersen damit verbracht, wütende Sprachnachrichten auf mein Handy zu sprechen, während sie parallel die Klickzahlen von Keyword Chaos checkte und feststellte, dass die Kolumne noch nie so viele Leser hatte wie in den letzten Wochen, was ihren Zorn in etwas verwandelte, das verdächtig nach Genugtuung aussah. „Sie Idiot“, zischte sie, aber es klang fast liebevoll, „Sie haben eine Satire für einen Spionagefall gehalten, und jetzt sitzen wir hier in einer Margarinefabrik, während die halbe Redaktion denkt, ich hätte Sie nach Moskau geschickt. Die Klicks sind grandios. Aber wenn Sie jemals wieder ein Hühnerei für eine Antenne halten, feuere ich Sie, und zwar so gründlich, dass nicht mal ein Satiriker aus Österreich eine Geschichte daraus machen kann.“ Schalko nickte anerkennend, als hätte er genau diesen Satz für die Schlussszene seiner Doku gebraucht, und ich wusste, dass ich in spätestens sechs Monaten als Hauptfigur in einer ORF-Satire auftauchen würde, die niemand verstehen würde, außer vielleicht einem verwirrten Journalisten, der zufällig darüber stolperte und das nächste große Komplott witterte – der Kreislauf des Wahnsinns, jetzt im Abspann mit Musik unterlegt und einem Huhn, das zufrieden gackerte, als hätte es von Anfang an gewusst, dass die Welt nicht an einer Verschwörung zugrunde gehen würde, sondern an dem unstillbaren menschlichen Bedürfnis, in jedem bedeutungslosen Signal eine Geschichte zu sehen.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte – in meinem eigenen Bett, in meiner eigenen Wohnung, ohne Ei, ohne Trikot, aber mit einer ORF-Einverständniserklärung auf dem Nachttisch – las ich auf meinem Handy, dass der galarza-fonda-skandal in Paraguay tatsächlich Wellen schlug, dass Rayan Cherki sich öffentlich bei Deschamps entschuldigt hatte, und dass Liam Neesons Streaming-Erfolg neue Rekorde brach, während irgendwo in Viersen eine Margarinefabrik abgerissen wurde, um Platz zu machen für ein echtes Rechenzentrum, das diesmal wirklich nur Daten verarbeitete und keine Satiren produzierte. Juris Hühner gackerten friedlich in ihrem Stall bei Sankt Petersburg, ungestört von Drohnen, und die Hitze in LA ließ endlich nach, als hätte jemand den großen, kosmischen Ventilator eingeschaltet. Ich schrieb eine letzte Kolumne für Keyword Chaos, in der ich erklärte, dass die größte Verschwörung unserer Zeit nicht aus Spionen und Codes besteht, sondern aus unserer Bereitschaft, sie zu glauben – und dass ich ab sofort jeden Trend-Begriff, den Bettina mir vorlegte, viermal überprüfen würde, bevor ich daraus eine internationale Agentengeschichte spann. Was ich natürlich nicht tat, denn zwei Tage später schickte sie mir die neuen Suchbegriffe für die nächste Woche, und einer davon war, ausgerechnet, das Wort, das Schalko in seinem Drehbuch als Codename für den Praktikanten verwendet hatte, der nie existierte, aber jetzt, da ich darüber nachdachte, vielleicht doch – aber das ist eine andere Geschichte, und diese hier ist zu Ende, mit einem Huhn, das im Sonnenlicht sitzt und darauf wartet, dass die nächste Drohne aufsteigt, ob real oder nur fürs Fernsehen, das wird sich zeigen, spätestens nächsten Sonntag.

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