Ein Cartoon-Detektiv im Büro, hinter ihm ein Monitor mit einem gefälschten Update-Bildschirm und einem Totenkopf, Regen am Fenster.
Security Case von Kai Brenner

KW 28, Kapitel 1: Null und nichtig

Null und nichtig

Es war ein Montag, der so trüb war wie die Zukunftsaussichten des Faxgeräts, als mich Kriminalrätin Adelheid von Senff in ihr Büro rief. Sie stand an ihrem Fenster, starrte auf den Nieselregen – zufällig mein Namensvetter – und sagte mit dieser Stimme, die sie für imposant hielt: „Niesel, die Parcella AG meldet eine digitale Geiselnahme. Jemand hat alle Bildschirme in ihrer Zentrale mit einer Erpresserbotschaft lahmgelegt. Irgendwas mit einem Update. Sie brauchen Sie.“ Ich nickte, trank den letzten Schluck meines ungenießbaren Automatenkaffees und fragte mich, warum ich nie in der Mordkommission landete. Kein Kaffee war so bitter wie der Gedanke, schon wieder einem Haufen Nullen und Einsen hinterherjagen zu müssen.

Eine Stunde später stand ich im Foyer des Parcella-Towers, umgeben von fahlem Kunstlicht und verzweifelten IT’lern. Auf einem riesigen Monitor flimmerte die Nachricht: „Sehr geehrte Parcella-Geschäftsleitung, wir haben Ihre SyncSuite übernommen. Alle Ihre Lieferketten-Apps tanzen jetzt nach unserer Pfeife. Für 50 Millionen Euro in anonymen Kryptowerten geben wir die Kontrolle zurück. Andernfalls löschen wir jede Sendungsverfolgung und schicken falsche Zustellbestätigungen an Ihre Kunden. Hochachtungsvoll, Die Patch-Fritzen.“ Der leitende Entwickler erklärte mit zitternder Stimme, dass das Update-System eigentlich unknackbar sei, schließlich prüfe es jede Signatur penibel. Dass genau das der Witz bei der Sache war, dämmerte mir erst später.

Derweil, in einer versteckten Kellerwohnung, die nach Pizza und Selbstüberschätzung roch, hockten die Patch-Fritzen vor einem Tisch voller Kaffeebecher. Byte-Knut, der Hacker, ein junger Mann mit Drei-Tage-Bart und einer Tastatur, die er mehr streichelte als bediente, grinste in die Runde. „Leute, es war so lächerlich einfach. Die SyncSuite prüft Update-Signaturen, indem sie einen Hash-Wert aus der Paketdatei in eine 32-Bit-Zahl umwandelt und mit dem erwarteten Wert vergleicht. Aber der Umwandler stolpert über führende Nullen in der Hex-Zeichenkette. Wenn ich meiner Schadcode-Datei einfach ‘0x00…’ voranstelle, interpretiert das Ding die ganze Nummer als Null. Und der Programmierer hat tatsächlich definiert, dass Null gleichbedeutend mit ‘gültig’ ist – weil er dachte, das sei ein Initialwert. Tja, und mit einer gültigen Signatur konnte ich mein ‘Update’ mit Admin-Rechten installieren. Seitdem bin ich der heimliche Herrscher über alle Parcella-Server, ich kann lesen, löschen, fälschen und, wenn ich will, den ganzen Laden in ein Update-Loop schicken, der bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag lädt.“ Sein Kumpel Robby Rüpel klopfte ihm auf die Schulter. „Byte, du bist ein Genie. Aber erklär’s mir noch mal ohne die schlauen Wörter.“ Knut seufzte: „Ich hab’ ihnen einen Trojaner untergejubelt, der so tut, als wär’ er ein offizielles Patch-Päckchen, und ihr System hat’s gefressen, weil es Signaturen nicht von einem feuchten Furz unterscheiden kann.“

Ich sank in meinem Schreibtischstuhl und starrte auf die Erpresserbotschaft, während die Gräfin mir im Nacken saß. Natürlich hatten die Parcella-Leute schon fieberhaft versucht, das Update zurückzurollen, aber die Fritzen hatten das Wiederherstellungssystem gleich mitverschlüsselt. Jetzt ging es um das klassische Spiel: Zahlen oder alles verlieren. Ich dachte an die 50 Millionen und daran, dass mein Gehalt für so eine Summe etwa dreihundertsiebzehn Jahre Vorwärtsüberstunden bedeuten würde. Es gab nur einen winzigen Anhaltspunkt: Die Erpresserbotschaft enthielt ein winziges Wasserzeichen, eine Art Scherz-Pixelgrafik, die ein lachendes Pflastersteinchen zeigte. Ein Hinweis, so dezent wie ein Elefant im Porzellanladen, aber immerhin ein Anfang.

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