Es ging um Bocce. Das wirkliche Bocce, nicht die Metapher, nicht die Chiffre. Als ich um Viertel vor zwölf den verwitterten Sportplatz am Bosporus-Ufer erreichte, von dem aus man die Lichter der asiatischen Seite flackern sah, hockte dort tatsächlich eine Handvoll ergrauter Männer auf weißen Plastikstühlen, rauchte filterlose Zigaretten und rollte mit unnachahmlicher Lässigkeit schwere Kugeln über den roten Lehm. Das Radio auf einer Holzbank schnarrte derweil die aktuellen WM-Ergebnisse: Argentinien hatte die Schweiz im Elfmeterschießen rausgeworfen, die U19-EM lief parallel und die deutsche Jugend trumpfte auf. Mich interessierte beides so wenig wie ein abgelaufener Presseausweis, denn neben dem Radio stand Juri, und neben Juri stand Brooklyn, die Kellnerin aus der VIP-Lounge, die sich als Betriebswirtin für internationale Energiemärkte entpuppte und in ihrer Freizeit mit einem alten Nokia-Telefon Wirtschaftsdaten an ein Nischentennis-Portal verkaufte, das nie jemand las, aber über dessen Server die gesamte Codex-Kommunikation gelaufen war.
Das Netzwerk, das ich seit Wochen jagte, war kein Netzwerk. Es war eine genossenschaftlich organisierte Kleinanzeigenplattform dreier gelangweilter Energieberater aus Winterthur, die nach Feierabend gefälschte Hologramme und Speicherchips fabrizierten, nicht aus Bosheit, sondern weil auf dem regulären Markt keiner ihre Expertise brauchte. Pavel in Budweis hatte einfach nur die beste Druckqualität geliefert, der Schweizer Trainer sein gefälschtes Jackett tatsächlich in bester Absicht gekauft – er hielt es für ein Unikat, das ihm ein Fan geschenkt hatte – und Salih Özcan hatte von Gelsenkirchen bis Istanbul keine Ahnung, dass seine Biomethan-Konferenz als Testballon für einen nie realisierten grünen Energie-Coup dienen sollte. Der Grünen-EEG-Entwurf im Radio, der mir vor Tagen so bedeutsam erschien, war reiner Zufall: Die Winterthurer hatten den Gesetzentwurf als thematischen Köder für ihre Chips-Verteilung benutzt, solide recherchiert, journalistisch fast vorbildlich, nur halt illegal, aber sie versicherten mir mit bebenden Stimmen, sie hätten „nur ein bisschen Infrastruktur-Meinungsmache“ betreiben wollen.
Und der Bocce-Platz? Brooklyn streckte die Hand aus, als wolle sie die gesamte Absurdität dieser Sommernacht umarmen. Auf diesem Platz hatte 1987 ihr Großvater Josie Crowley amerikanischen Touristen das Bocce-Spielen beigebracht, und als er starb, setzte sie ihm mit einem Blog ein Denkmal – einem derart nischigen, völlig erfolglosen Sportblog, dass ihn selbst die NSA übersah. Bis Codex ihn fand, als es zufällig nach unauffälligen Kommunikationsplattformen suchte. „Und was ist mit der Eintracht Frankfurt?“, fragte ich irgendwann, weil mir nichts Besseres einfiel. Brooklyn lachte. Die Riera-Attacke gegen den Klub-Boss, diese wüste Schlagzeile, die ich heute früh im Vorbeigehen aufgeschnappt hatte, war ein internes Vereinsdrama, das mit Codex so viel zu tun hatte wie das Kinoplakat von „Nachtschicht – Es lebe der Tod“ mit einem echten Todesfall – nämlich nichts, aber es passte wunderbar in meine wochenlange Paranoia. Ich hatte mir das alles zusammengereimt, hatte Pavels Druckerei, Emmerichs Datenleck, die gefälschten Wasserflaschen und einen harmlosen Gesetzentwurf zu einer monströsen Verschwörung verknüpft, weil die Wahrheit – drei gelangweilte Schweizer, ein Bocce-Platz und ein toter Amerikaner – einfach zu absurd war, um wahr zu sein.
Am Ende, als der Morgen über Istanbul heraufdämmerte und die Möwen über dem Bosporus kreischten, saß ich mit Juri und Brooklyn auf den weißen Plastikstühlen und trank Tee aus kleinen Gläsern. Das faltbare Samsung, das ich noch immer umklammert hielt, enthielt kein Staatsgeheimnis, sondern den Geschäftsplan einer gescheiterten Genossenschaft und einen unveröffentlichten Blogbeitrag über Josie Crowleys Bocce-Patio. Die elf Minuten Halbzeitshow, die FIFA, das ORF-Desaster – alles Zufälle, die sich in meinem Kopf zu einem Thriller verdichtet hatten. Bettina Karg würde mich feuern, wenn sie das erfuhr, oder sie würde mich befördern, weil kein anderer Kolumnist Deutschlands aus einem Rentnersport und drei Energieberatern eine internationale Datenaffäre stricken konnte. Ich tippte die letzte Zeile meiner Notizen ins Handy: Die Bocce-Kugel war nie eine Bombe, sondern nur eine Kugel, und mein Job war es jetzt, den Leuten zu erzählen, dass sie trotzdem gerollt hatte – und dass manchmal die absurdeste Geschichte diejenige ist, die einfach stimmt.