In einem schummrigen Spielecafé versinkt ein leuchtendes ISS-Modell in einer Kaffeetasse voller bunter Würfel, während ein namenloser Geburtstagskuchen auf einem Nebentisch steht und ein kleiner Fernseher ein unidentifizierbares Fußballspiel flimmert.
Keyword Chaos von Jakob Fabel

KW 29, Kapitel 1: Spiel des Jahres

Montagmorgen. Bettina Kargs Stimme im Hörer klang, als hätte jemand eine Zitrone in einen Mixer geworfen und auf „Pulsieren“ gestellt. „Sie haben den Codex-Fall mit einer Bocce-Kugel und drei pensionierten Schweizern aufgelöst. Die Kolumne hatte 47.000 Klicks, Leserbriefe aus Taiwan und eine Anfrage vom ZDF.“ Sie machte eine Pause, in der ich mein berufliches Schicksal in den Jahren 1998 bis 2026 vorbeiziehen sah. „Deshalb dachte ich, Sie könnten heute etwas … Ruhiges machen. Gehen Sie in diese neue Spielekneipe in der Rykestraße, schreiben Sie was über Gesellschaftsspiele, über dieses ›Dito!‹, das gerade Spiel des Jahres geworden ist. Harmlos. Unaufgeregt. Und bevor Sie fragen: Nein, niemand hat mir einen Tipp gegeben. Ich bin gestern beim Zahnarzt über eine Illustrierte gestolpert. Machen Sie Ihren Job.“ Klick. Kein Rauswurf, keine Beförderung, sondern: Gesellschaftsspiele. Ich starrte auf mein Telefon und fragte mich, ob das eine Degradierung war oder ein Sanatoriumsaufenthalt in Raten.

Die Kneipe hieß „Würfel & Klinge“ und roch nach altem Bier, Laserdruckerfarbe und den Restbeständen einer durchzechten Weltmeisterschaftsnacht. Auf einem Flachbildschirm über der Theke lief die Zusammenfassung des WM-Halbfinals: Argentinien hatte sich gegen die Schweiz durchgewühlt, nach 120 Minuten, mit einem Traumtor und einem bitteren Platzverweis – der Kommentator überschlug sich vor Pathos, während er gleichzeitig die letzten Vorbereitungen für den morgigen ISS-Absturz in den Pazifik erwähnte, weil SpaceX offenbar 400 Tonnen Weltraumschrott legal im Meer versenken durfte und das irgendwie eine Randnotiz zur Sportübertragung war. Ich bestellte ein Pils und beobachtete eine Fünfergruppe, die sich um einen Tisch drängte und mit verblüffender Ernsthaftigkeit Karten mit Sprüchen wie „Absolut genial!“ und „Nicht ganz mein Fall“ auf den Tisch klatschte. »Dito!« stand auf der Schachtel, und die Spieler lachten so hysterisch, als hätten sie gerade das Rezept für ewiges Leben gefunden.

Es war der Typ mit dem Geburtstagshut, der meine Aufmerksamkeit fing. Nicht weil der Hut schief saß – das taten Geburtstagshüte immer –, sondern weil er mit einem Kugelschreiber die Zahl 70 auf einen Pappteller gekritzelt hatte und dazu mit halblauter Stimme sagte: „Thomas hätte auch gratulieren können, aber nein, er musste den Schwur brechen.“ Ich setzte mich unauffällig an den Nebentisch, tat so, als studierte ich die Bierkarte, und hörte Bruchstücke eines Gesprächs über einen gewissen Günther, der heute siebzig wurde, über einen Thomas, der irgendein jahrzehntealtes Versprechen öffentlich widerrief, und über ein Gesellschaftsspiel, das offenbar der geheime Zahlencode für etwas Größeres war – ein Codewort, ein Startschuss, ein Signal. Mein journalistischer Instinkt, der nach der Bocce-Nummer eigentlich für mindestens eine Woche kaltgestellt sein sollte, meldete sich mit einem Hungergefühl zurück. Ich ließ das Pils stehen und rückte näher.

Was folgte, war eine Lektion in angewandter Paranoia, serviert in einem halb vollen Bierdeckel. Der Geburtstagshut-Typ hieß Malte und war Spieleentwickler im Ruhestand, der zwanzig Jahre zuvor ein Prototyp-Spiel namens „Dito!“ an einen Verlag verkauft hatte und nun, an seinem eigenen siebzigsten Geburtstag, fassungslos verfolgte, wie sein Werk ausgerechnet jetzt Spiel des Jahres wurde – zeitgleich mit der Geburtstagsgratulation von Thomas Gottschalk an Günther Jauch, die offenbar eine alte Wette aus gemeinsamen Fernsehtagen besiegelte. Die ISS-Versenkung? Malte hatte einen Neffen bei SpaceX, der für den kontrollierten Absturz zuständig war, und aus einer Schnapslaune heraus hatten sie vor Wochen beschlossen, dass Maltes Geburtstagsfeier exakt zum Moment des Eintauchens der Trümmer in den Pazifik stattfinden sollte – ein makabrer Scherz unter Ingenieuren. Und das WM-Halbfinale? Lief einfach, weil neben dem Fernseher kein anderer Kanal zu empfangen war. Ich saß da, notierte Maltes wirre, aber völlig harmlose Erklärung und dachte an den Bocce-Platz am Bosporus, an die Energieberater aus Winterthur, an meinen Hang, aus jeder Zeitschleife eine Weltverschwörung zu basteln.

Als ich um drei Uhr nachmittags ins Redaktionsbüro zurückkam, lagen zwölf Entwürfe für die Kolumne auf meinem Schreibtisch – alle verworfen, alle zu spektakulär, alle zu sehr „Keyword-Chaos-alarm-ich-habe-ein-Komplott-gewittert“. Bettina Karg kam mit einem Kaffee vorbei, der nach nichts schmeckte, und las den dreizehnten Entwurf: eine ruhige, fast zärtliche Reportage über eine Gesellschaftsspielrunde in Prenzlauer Berg, über Malte und seinen vergessenen Prototyp, über die seltsame Gleichzeitigkeit von Weltraumschrott und Geburtstagskuchen und Fußballfieber – ohne jede falsche Verschwörung. Sie nickte langsam, stellte die Tasse ab und sagte: „Willkommen zurück im Journalismus.“ Dann legte sie eine Hotelrechnung aus Winterthur auf den Tisch, adressiert an mich, und fügte hinzu: „Und jetzt erklären Sie mir, warum die Bocce-Genossenschaft Ihnen offenbar ein Wellness-Wochenende spendieren will.“ Ich griff nach der Rechnung und spürte, dass der nächste Fall bereits begonnen hatte.

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