Ich starrte auf die Hotelrechnung, als wäre sie ein unentzifferbares Relikt aus der Zukunft. Bettina Karg stand noch immer in meinem Türrahmen, die Arme verschränkt, und musterte mich mit der unerbittlichen Geduld einer Chefredakteurin, die ganz genau wusste, dass sie mir gerade ein neues Rätsel serviert hatte. »Die Genossenschaft aus Winterthur will, dass Sie ein Wellness-Wochenende bezahlen, das Sie nie gebucht haben. Finden Sie raus, warum. Und kommen Sie mir nicht mit Bocce.« Ich wählte die Nummer des Hotels, das auf der Rechnung prangte.
Am anderen Ende meldete sich eine aufgeregte Stimme, die sich als Karola vorstellte, Rezeptionistin der ›Wellness-Oase Winterthur‹ – ein Name, der so viel Behaglichkeit ausstrahlte, dass mir augenblicklich unbehaglich wurde. »Oh, Sie sind der Herr von der Presse!« rief sie, bevor ich überhaupt meinen Namen sagen konnte. »Wegen der Modeschau von H&M, nicht wahr? Der berühmte Fotograf Nick Knight sollte die Kampagne shooten, aber dann kam Dolly Buster ins Krankenhaus – Intensivstation in Thailand, stellen Sie sich vor! – und der ganze Event ist geplatzt. Und dann noch diese Trennung von Tom Segura und dieser Christina P., die für das Rahmenprogramm eingeplant waren – ein einziges Durcheinander.« Ich notierte die Schlagwörter wie eine Einkaufsliste des Irrsinns.
Während Karola redete, hörte ich im Hintergrund das dröhnende Kampfgetöse eines Fernsehers. »Schauen Sie etwa ›The Tomorrow War‹?«, fragte ich, eher um Zeit zu gewinnen. »Mein Verlobter guckt den immer, wenn er gestresst ist«, seufzte sie. »Passt zur Lage – alles ein Krieg von morgen, den nie jemand bestellt hat. Jedenfalls: Ihre Hotelrechnung kam zustande, weil unsere PR-Agentur Rolkentrax Ihren Namen mit dem des Modejournalisten verwechselt hat, der eigentlich zur Pressevorführung eingeladen war. Wir dachten, Sie kämen.« Rolkentrax. Noch nie gehört. Eine Firma, die Journalistenprofile durcheinanderwirbelte und Hotelrechnungen an völlig Unbeteiligte schickte? Meine journalistischen Nackenhaare stellten sich auf.
Karola wurde immer redseliger. Rolkentrax, so erfuhr ich, war ein sogenannter »Datenaggregator für Medienakkreditierungen«, eine jener schillernden Firmen, die auf Knopfdruck Listen von Pressevertretern für jeden erdenklichen Event zusammenstellten. Ein Algorithmus, der eigentlich einen Kolumnisten mit dem Kürzel »P.« (vielleicht von einem Fachblatt für Gesellschaftsspiele?) hätte ausspucken sollen, hatte mich mit einem modeaffinen Schreiberling verwechselt, weil ich vor Jahren einen Beitrag über Haute-Couture-Bocce geschrieben hatte – eine Verirrung, die mir bis heute peinlich war. Die Trennung von Segura und P. hatte dann offenbar zusätzliche Turbulenzen in der Datenbank verursacht, und als Dolly Busters Zusammenbruch die Modenschau platzen ließ, war das Chaos perfekt. Meine Hotelrechnung war das letzte Überbleibsel einer großen Nicht-Veranstaltung, finanziert von einer Genossenschaft, die selbst nicht wusste, was sie da sponserte.
Ich legte auf und lauschte dem fernen Klang der Explosionen aus dem Nebenraum, wo ›The Tomorrow War‹ seinem Höhepunkt entgegensteuerte. Bettina Karg steckte den Kopf durch die Tür, ich winkte ab. »Es war ein Versehen. Ein Datenfehler einer Agentur namens Rolkentrax.« Sie schaute mich an, als hätte ich behauptet, der Kaffee in unserer Kantine sei trinkbar. »Rolkentrax? Das klingt nach einer Geschichte, die keine bleiben will. Recherchieren Sie das.« Sie verschwand so geräuschlos, wie sie gekommen war, und ich starrte auf meinen Notizblock, auf dem die Wörter H&M, Tom Segura, Dolly Buster und Rolkentrax in einer wilden Skizze miteinander verwoben waren. Der Krieg von morgen war offenbar schon heute ausgebrochen – und er trug keinen Raumanzug, sondern eine Akkreditierungssoftware.