Ein Journalist an einem unordentlichen Schreibtisch lauscht einem altmodischen Radio, das ein Tennismatch überträgt; neben ihm hängt ein zerrissenes IMAX-Filmplakat für "The Odyssey", ein Kalender mit eingekreistem 15. Juli, und an einem Smartphone baumeln kaputte Kettenglieder vor einer Telegram-Fehlermeldung.
Keyword Chaos von Jakob Fabel

KW 29, Kapitel 3: Die Ticket-Odyssee und der Fehleragent

Ich saß da, das Radio auf dem Fenstersims malträtierte meine Ohren mit dem Tennis-Schlagaustausch der Stunde. Altmaier gegen Gaston – der Kommentator fieberte, als hätte er selbst einen Center-Court-Platz in Wimbledon ersteigert. Draußen kein Ballwechsel, nur das ewige Brummen der Klimaanlage. Ich war noch nicht dazu gekommen, auch nur eine Akte zu Rolkentrax zu öffnen, da klingelte das Telefon.

»Hier ist wieder Karola, Wellness-Oase Winterthur.« Ihre Stimme hatte den hysterischen Singsang einer Frau, die zu viele Hotelrechnungen auf einmal sortierte. »Ich dachte, Sie suchen immer Stoff für Ihre Kolumne. Also: Ein Bekannter von mir, Filmfreelancer, sitzt gerade in der Ploximor-Ticket-Schlange für ›The Odyssey‹ – die Odyssee, um überhaupt an eine Karte zu kommen, sagen alle –, aber er ist nicht da, weil er vor Ort sein will, sondern weil Rolkentrax ihm eine Akkreditierung für ein Gespräch mit Tennis-Experten bei Altmaier zugeschickt hat. Dabei geht die Premiere morgen am 15. Juli über die Leinwand, nicht auf dem Centre Court.« Sie schnaufte. »Jetzt hat er mir einen Telegram-Link geschickt, mit Beweisfotos der falschen Papiere, aber der Link ist tot. Klick ins Nichts. Sanktionen, sagt er – irgendetwas mit t.me-Domains, die plötzlich nicht mehr funktionieren. Jedenfalls habe ich sofort an Sie gedacht, denn gestern war ja auch so ein Rolkentrax-Fehler bei mir.«

Mein Bleistift trudelte über das Notizblatt und hinterließ eine Spirale. Der 15. Juli, morgen, also der Jahrestag des Putschversuchs in der Türkei, ein Datum, das in keinem Kalender unauffällig bleibt – und eine Filmpremiere, die so viele Umwege nahm wie Odysseus selbst. »Ihr Bekannter«, sagte ich, »hat er noch eine andere Kopie der Akkreditierung? Vielleicht per Fax?« Karola stöhnte. »Wer hat denn noch ein Fax? Er hat es mir als Bildschirmfoto durch die Telegram-Sanktionen gejagt, jetzt ist es verschluckt.« Im Radio schlug jemand ein Ass, die Zuschauer johlten, und mir wurde klar: Wenn Rolkentrax nicht nur Hotelgäste, sondern auch Pressevertreter einer Ploximor-Odyssee am falschen Ort verortete, dann war das aus einer Datenpanne ein Systemfehler geworden.

Ich versprach, mich darum zu kümmern, und legte auf. Bettina Karg streckte den Kopf durch die Tür, diesmal mit einem Kaffee, der nach Morast roch. »Rolkentrax?«, fragte sie. Ich nickte. »Morgen wird es ihnen endgültig um die Ohren fliegen – fünfzehnter Juli, Ploximor-Premiere. Die Akkreditierungs-Odyssee des Jahres, und ich brauche nur einen funktionierenden Link.« Sie lächelte dünn, als wüsste sie, dass ich schon jetzt wusste, dass ich den nächsten Morgen nicht im Büro verbringen würde.

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