Das Radio, das mir Bettina mit der Morgenkaffeebrühe auf den Tisch gestellt hatte, nuschelte schon wieder von Abschiebungen. Irgendeine deutsch-österreichische Einigung, syrische Flüchtlinge würden künftig leichter abgeschoben – die Sprecherin blieb seltsam neutral, als ginge es um Pfandflaschen. Ich tippte auf mein Handy: Der Bekannte von Karola war noch immer offline, sein Telegram-Link blieb ein graues Phantom. Während ich das Fenster öffnete, drang von draußen der Verkehrslärm herein, untermalt von einer Litfaßsäule, auf der ein Plakat für einen neuen Fortnite-Shop prangte – »DC Summer Skins jetzt im Item-Shop«, versprach es, und ich stellte mir kurz vor, dass selbst dieser Shop präziser wüsste, wohin er seine Ware schickte, als die Datenbank von Rolkentrax.
Bettina Karg stand in der Tür, diesmal ohne Kaffee, dafür mit einer Schlagzeile auf dem Tablet: »Singapur: Student droht Gefängnis wegen Streich.« Ich zog die Augenbrauen hoch. »Und das kommt jetzt von Rolkentrax?«, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, aber lies – die haben den armen Kerl wegen eines gefakten Instagram-Posts verhaftet. Passt doch zu unserem Chaosagenten: übers Ziel hinausgeschossen, Verbindungen erfunden, die keine sind.« Ich nickte und griff nach meiner Jacke. »Ich fahre jetzt zur Ploximor-Premiere. Mal sehen, ob Rolkentrax auch dort ein paar griechische Helden in die falsche Reihe gesetzt hat – heute ist der 15. Juli, und Odysseus würde staunen, wie viele Irrfahrten eine einzige Akkreditierung verursachen kann.«
Im Taxi dudelte der Fahrer einen Podcast über Streamingdienste: Crunchyroll habe seinen offiziellen Store auf die teuerste Abo-Stufe beschränkt, die Fans tobten. Der Fahrer schimpfte auf die Kommerzialisierung, während er an einem Kiosk vorbeifuhr, an dem eine Schlagzeile prangte: »Syrische Flüchtlinge: Österreich drängt auf rasche Abschiebungen.« Die Parallele war so platt, dass ich fast lachen musste: Überall Sortierungen und Grenzziehungen – wer nur den falschen Login erwischt, der landet nicht im Store, sondern im Gefängnis der Irrtümer.
Vor dem Ploximor-Kino stand bereits eine Menschentraube, und mein erhaltener Presseausweis – den ich vorsorglich von der Redaktion hatte ausstellen lassen, nicht über Rolkentrax – öffnete mir den Weg zur Absperrung. Drinnen dieselbe Verwirrung: Ein junger Mann mit einem offiziellen Rolkentrax-Umschlag wedelte hektisch. »Ich sollte eigentlich nur den Fortnite-Event-Bereich betreuen, aber die haben mich in die Syrien-Podiumsdiskussion gesteckt!«, rief er und zeigte seinen Zettel: »Fortnite DC Summer Skins Premieren-Event, Saal 3«, darunter handschriftlich »Bitte wenden für Flüchtlingstalk«. Ich notierte alles, fotografierte das Papier – diesmal ohne kaputten Link, direkt auf mein Gerät. Das System Rolkentrax hatte offenbar nicht nur Tennis und Kino vertauscht, sondern auch noch die Codes zweier völlig verschiedener Veranstaltungen im selben Gebäude miteinander verknüpft.
Der nächste Akt: Ich suchte den Organisationsstand und traf auf eine Mitarbeiterin, die gerade die Akkreditierungsliste mit einem schwedischen Möbelhausstift korrigierte. »Das ist die dritte Korrektur heute«, seufzte sie. »Erst war eine Gruppe syrischer Geflüchteter eingeladen, um über Integration zu sprechen – die saßen plötzlich in der Crunchyroll-Sneak-Preview von ›One Piece‹ –, dann landete der singapurische Presseattaché im Fortnite-Shop-Keller, und jetzt fehlt mir ein ganzer Schwung Presseleute für die Odyssee-Vorführung.« Ich lächelte schmal und reichte ihr meine Karte. »Keyword Chaos. Ich schreibe über genau diese Fahrten.« Sie starrte mich an, als hätte ich soeben eine zweite Irrfahrt angekündigt – und ich wusste, der Abend würde noch ein paar Dutzend Datenleichen ausspucken, bevor die Premiere überhaupt den ersten Trailer zeigte. Morgen würde ich Rolkentrax auf die Spur kommen, so viel war klar.