Ein gesprungener Smartphone-Bildschirm, aus dessen Rissen grün leuchtende Terminalzeilen wuchern, die sich um ein verbeultes Industriekühlgerät legen, dahinter eine pixelige Piratenflagge.
Security Case von Kai Brenner

KW 28, Kapitel 9: Die Omni-Pixel-U-Boot-Piraten

Dr. Irmgard Küster warf mir einen Blick zu, der so trocken war wie die Kekse, die sie seit drei Tagen als Frühstück zu sich nahm, und teilte mir mit, dass der neue Angriff auf MediKuriosum nicht einfach nur ein zweiter Streich der Pixel-Piraten sei, sondern eine technische Meisterleistung, die Svens Krakenhirn und Zos eiskalte Umsetzung in einer Art vereinte, die mich an ein Vogelspinnen-Paarungsritual erinnerte: faszinierend, aber absolut grausig. Sie hatte die E-Mail-Header der manipulierten Bilddatei, die an einen völlig ahnungslosen Vertriebler im Außendienst gegangen war, zusammen mit den Netzwerkprotokollen des Unternehmens so weit zersplissen, dass wir jetzt wussten, wo Zo den ersten Fuß in die Tür bekommen hatte: Ein Diensthandy vom Typ ApexPhone 5, das mit dem Betriebssystem ApexOS lief und eine firmeneigene Bildverarbeitungsbibliothek namens SnapCore verwendete – eine Software, die, wie Küster mit leiser Verzweiflung erklärte, „bei einem ganz bestimmten, eigentlich schon gepatchten, aber nie eingespielten Fehler im Exif-Parser einfach jeden Code ausführt, den man ihr unterjubelt, als würde man einem Hund einen Keks geben und gleichzeitig sein ganzes Haus ausrauben.“ Zo hatte also ein Foto einer harmlos aussehenden Röntgenaufnahme mit einem präparierten Metadaten-Brocken versehen und es an den Vertriebler geschickt, der davon ausging, es handele sich um einen Gerätebefund von einem Partnerkrankenhaus – ein simpler Doppelklick auf die Datei hatte genügt, um Zo die volle Kontrolle über das Telefon zu geben, inklusive des permanent geöffneten VPN-Tunnels in das Firmennetz von MediKuriosum, denn der Vertriebler, ein Mann mit dem kuriosen Namen Erwin Pflaume, hatte sein Passwort seit 2019 nicht mehr geändert und verriet mir am Telefon mit fast stolzer Stimme, dass „12345“ nun mal ein sehr sicheres Kennwort sei, weil es niemand errate. Während Pflaume also weiterhin davon ausging, seine Woche sei einfach nicht so gut gestartet, saß Zo auf dem virtuellen Sofa des Unternehmensnetzes und schaute sich nach dem nächsten Schritt um – und sie fand ihn in einem Gerät, das ich bisher nur aus Alpträumen von Kantinensabotage kannte: einem Temperaturüberwachungssystem für die Kühlkette, das unter der Haube mit dem Bootloader DENX U-Boot lief, und das, wie Zoe mit schlafwandlerischer Sicherheit herausfand, über eine ungeflickte Netzwerk-Schwachstelle verfügte, die es ihr erlaubte, direkt von dem gekaperten ApexPhone aus eigene Firmware in das Kühlsteuerungsmodul zu schieben, und zwar so, dass die Anzeige im Lager weiterhin minus 20 Grad zeigte, während die eigentlichen Sollwerte auf plus 15 Grad umsprangen – ein Trick, der binnen dreißig Stunden aus sämtlichen Impfstoff-Lieferungen für vier Krankenhäuser warme Anschauungsobjekte für Mikrobiologie-Seminare gemacht hätte.

Ich erfuhr diese haarsträubende Konstruktion nicht etwa durch eine ruhige Laboranalyse, sondern durch einen überstürzten Anruf aus der JVA, in der Schwenk-Sven darauf bestand, dringend mit mir zu sprechen, weil er – und ich zitiere wörtlich – „nicht schuld sein will, wenn meine ehemalige Kollegin die gesamte Gesundheitsversorgung des Landkreises grillt, nur weil sie mit meinem genialen Plan durchbrennt und nicht weiß, wann man aufhört“. Man hatte Sven für einen überwachten Anruf zu einer kleinen Besucherzelle geführt, in der er, mit dem schmierigen Stolz eines Erfinders, der seine eigene Höllenmaschine bewundert, in einem Telefonat mit Zo versuchte, sie zu bremsen – ein Telefonat, das wir mithörten und bei dem Zo völlig ungeniert und mit der fröhlichen Stimme einer Frau, die gerade einen besonders kniffligen Ikea-Schrank zusammengebaut hat, erklärte, wie sie erst die ApexPhone-Lücke („Weißt du noch, Sven, die alte SnapCore-Geschichte, die seit einem halben Jahr einen öffentlichen Exploit im Netz hat und die kein Mensch patcht, weil alle denken, das Gerät sei längst tot? Also bei Pflaume war es quicklebendig, und Schwupps, war ich drin!“) und dann die U-Boot-Sache ins Spiel brachte: „Das Kühlmodul, Sven, das Kühlmodul! Die haben da so einen billigen Industrie-PC mit einem U-Boot von 2017, das keine Signatur-Prüfung für Netzwerk-Updates macht – ich hab dem Ding einfach gesagt: Hallo, hier ist eine neue Firmware, und es hat artig Danke gesagt und sie installiert. Jetzt denkt die Kühlkette, der Sommer sei ausgebrochen, und das Lager pfeift auf die letzte Temperaturkurve – ich brauche nur noch eine Überweisung, dann drehe ich den Hahn wieder zu.“ Svens Stimme wurde dünn wie altes Faxpapier: „Zo, du spinnst, das ist kein Spiel mehr, die Dinger sind nicht versichert, da sitzt du schneller im Bau als ich – lass die Finger von den Impfstoffen!“, aber Zo lachte nur, und dann knackte es in der Leitung, und wir hörten, wie sie auflegte – nicht ohne vorher noch hinzuzufügen, dass sie die kleine Mahnwelle des Copyshop-Besitzers für „süß“ halte und vielleicht mal jemandem das Geld vorbeibringen sollte, der sich mit einem sogenannten Kronzeugen-Spielzeug auskennt.

Die Gräfin von Senff, die das Telefonat mit mir über einen laut gestellten Konferenzapparat verfolgt hatte, während sie vorgeblich einen ganz normalen, vollkommen emotionslosen Arbeitstag absolvierte, explodierte pünktlich fünf Sekunden, nachdem Zos Lachen verklungen war, in einem Wutausbruch, der den Besprechungstisch zum Wackeln brachte: „DIESER COPyshop-Heini! Ich will alle offenen Mahnungen ab morgen früh auf meinem Schreibtisch sehen – nicht ausgelöst, nicht digitalisiert, ORIGINALE, mit Lochern und Eselsohren! Und ich will, dass der Mann morgen persönlich hier erscheint und uns erklärt, wie eine polizeilich observierte Fax-Historien-Verfolgungskette in seinem Laden zu einem Honorar von Null Euro und ertrunkenen Mahngebühren führt! Und dann will ich Sie, Niesel, und die gute Dr. Küster um einen Plan gebeten haben, der es uns erlaubt, dieses ApexPhone-Dingsbums mit der U-Boot-Gurke in den Griff zu kriegen, bevor das halbe Land ohne Tetanusspritzen dasteht – und zwar, ohne dass uns die Frau noch einmal mit einer handgeschriebenen Erpresser-Postkarte grüßt!“ Sie sackte in ihren Stuhl und atmete tief durch, während Blohm ihr ein Glas Wasser reichte und ich leise notierte, dass es in diesem Landkreis offenbar gerade einen akuten Mangel an Menschen gab, die verstanden, dass ein einfaches Passwort nicht aus fünf aufeinanderfolgenden Zahlen bestehen sollte.

Dr. Küster hatte unterdessen die Netzwerk-Protokolle so weit aufgedröselt, dass wir wussten, wo das gekaperte Kühlmodul physisch stand: in einem kleinen, firmeneigenen Lagercontainer am Rande eines Logistikparks, der so abgelegen war, dass ihn selbst die Müllabfuhr dreimal im Jahr übersah, und in dem, wie sich herausstellte, ein einziger Wartungstechniker namens Horst die gesamte Temperatur-IT am Laufen hielt – ein Mensch, der, wie mir MediKuriosums Geschäftsführer mit einem Seufzen gestand, „den Unterschied zwischen einem Router und einer Kaffeemaschine erst letztes Jahr gelernt“ habe, und der deshalb das U-Boot-Update-Verfahren nie angerührt hatte. Wenn Zo wirklich wollte, konnte sie von ihrem ApexPhone aus, das sie Gott weiß wo versteckt hielt, per VPN und einem kleinen Skript zwischen zwei Herzschlägen die gesamte Kühlung abschalten – und genau das würden wir verhindern, indem wir noch heute Nacht den Container stürmten, das Kühlmodul vom Netz nahmen und Horst in Schutzhaft brachten, bevor er aus purem Unwissen den nächsten Fehler machte. Auf dem Flur begegnete mir Blohm mit einem frisch eingetroffenen Einschreiben des Copyshop-Besitzers, der inzwischen juristische Schritte gegen die Polizei ankündigte, wenn wir seine 64 Faxseiten nicht binnen drei Werktagen bezahlten – ich nahm ihm den Umschlag aus der Hand und steckte ihn in die Innentasche meines Jacketts, denn wenn ich eines wusste, dann dass die Gräfin heute bereits ihren Wutanfall für diesen Monat verbraucht hatte und ich den ihren nicht riskieren wollte, ehe wir nicht wenigstens einen Schritt voraus waren, den Zo nicht schon im Voraus belacht hatte.

Die Kommentare sind geschlossen.