Ein düsterer Serverraum mit alten Fernmeldeverteilern. Ein Kommissar hält ein Tablet mit sichtbarem Chat-Verlauf und dem Wort „Klandrion“. Auf einem Rack ein Pizzakarton mit der Notiz „Kommissarchen“. Eine Lupe schwebt über einem TIFF-Dateisymbol.
Security Case von Kai Brenner

KW 32, Kapitel 4: FreeIPMI, TIFF und Ruby – der vierte Gang

Mittwoch, 9:45 Uhr. Das Fernmeldeamt roch nach kaltem Bakelit und vergilbten Schaltplänen, als wir mit einem Dutzend Einsatzkräfte die verstaubten Gänge stürmten. Der pedantische Hausmeister, ein Herr Willing mit Schirmmütze und Protokollblock, bestand darauf, dass jedes auszubauende Gerät vorher ordnungsgemäß über das vorgeschriebene „Außerbetriebnahmeformular C-12“ abgemeldet werden müsse, was mich dermaßen in Rage brachte, dass ich den Block aus seiner Hand riss und auf den nächsten Verteilerkasten klatschte, während ich brüllte: „Das ist der Durchsuchungsbeschluss, und der wiegt mehr als Ihr Formular!“ In diesem Augenblick knisterte mein Funkgerät, und Adelheid meldete aus der Druckerei Schönberger, dass sie im Lager einen weiteren Pizzakarton mit handschriftlicher Notiz gefunden habe – „Vierte Gänge brauchen frische Zutaten, Kommissarchen“. Wieder Ananas. Ich hätte schwören können, dass der Geruch der Hawaii-Pizza die Steige durchzog, obwohl weit und breit kein Lieferdienst zu sehen war.

Dr. Küster, die sich mit ihrem Laptop durch das Dickicht alter Glasfaserkabel kämpfte, rief mich in einen Nebenraum, wo auf einem wackeligen Tisch ein offenbar zurückgelassenes Tablet lag. Das Display zeigte einen Messenger-Chat, in dem eine unverschlüsselte Sprachnachricht mit dem Absender „Maître“ aufpoppte. „Die Verkostung präsentiert: FreeIPMI, die elektronische Notfallfernbedienung, die nie jemand gesperrt hat. Ein netter kleiner Dienst auf RHEL-Servern, der dem Administrator erlaubt, den Rechner auch dann zu bedienen, wenn das Betriebssystem schon im Koma liegt. Ich habe Klandrion angerufen – äh, angefragt –, und die Fernbedienung hat mir brav einen Befehlskanal geöffnet, als wäre ich der Servicetechniker im weißen Kittel. Zack, erstes Türchen auf.“ Klandrion, ein Server-Dienstleister mit Sitz im Rhein-Main-Gebiet, setzte diese RHEL-Maschinen ein, um Kundensysteme zu verwalten – Maître hatte sich dort eingenistet wie ein hungriger Gast in der Küche.

Die zweite Sprachnachricht folgte fast ohne Pause. „Dummerweise hatte ich erst ein normales Benutzerkonto, das ist wie ein Tellerwäscher, der nicht ins Goldbesteck darf. Aber Klandrion nutzt eine Bildverarbeitungskette, die fleißig TIFF-Dateien frisst – ein angestaubtes Paket namens libTIFF. Also habe ich ein Portrait gemalt: ein völlig harmlos aussehendes TIFF, in dem ein programmierter Springteufel steckt. Kaum hat die Bibliothek das Bild geöffnet, klaut der Springteufel dem Wachmann die Schlüsselkarte und drückt mir die Root-Rechte in die Hand. So einfach war die Rechteausweitung, dass es fast schon unanständig ist.“ Dr. Küster verdrehte die Augen – ein „Write-What-Where“-Fehler, bei dem ein präpariertes Bild den Speicher so beschrieb, dass eigener Code mit Administrationsrechten ausgeführt wurde.

Die dritte Nachricht klang geradezu vergnügt. „Und der Dessertgang: Klandrion verwaltet sämtliche Kundenstammdaten mit einer Ruby-on-Rails-App, die so viele Löcher hat wie ein edler Emmentaler. Ich habe eine harmlose Ruby-Anfrage mit einem kleinen Geschenk versehen, das die Deserialisierungssicherheit umging – im Grunde ein Rezept, bei dem die Zutat ‚Code‘ den Ofen in Brand setzt. Den Datenschatz habe ich mir auf meinen Lieblingsserver gesaugt, und als Zugabe eine hübsche Persistenz-Hintertür eingebaut. Während Bruno und Clara das letzte Material aus dem Fernmeldeamt abziehen, ist Klandrion bereits informiert, dass die Verkostung ein neues Menü erwartet.“ Ich hieb mit der Faust auf den Tisch, dass das Tablet hüpfte, und schrie: „Klandrion, verdammt! Die erpressen munter weiter, während ich hier mit Formularmuffel Willing diskutiere!“

Adelheid kam über den Flur, in der Hand eine Plastikfolie mit dem neuen Pizzakarton. Dr. Küster hatte inzwischen aus den Metadaten der Sprachnachricht eine externe IP-Adresse extrahiert, die zu einem angemieteten Server bei einem Hosting-Provider führte. Ich setzte die Warnung an Klandrion ab und gab die IP zur Eilanalyse weiter. Die Verkostung war noch nicht gegessen, und mein Wutanfall über den pedantischen Hausmeister wich kalter Entschlossenheit: Das Netz zog sich zu, und diesmal würden wir die Silbertabletts erwischen, bevor Maître den nächsten Gang servierte. Als ich das Fernmeldeamt verließ, klebte ein neuer gelber Zettel an der Tür: „Fünfter Gang steht bereit, Kommissarchen.“ Ich riss ihn ab und zerknüllte ihn, bevor ich in den Wagen stieg und aufs Gas trat.

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