Samstag, 14:52 Uhr. Gegenüber dem Wohnblock in der Sternwartstraße lag ich auf einer ungemütlichen Liege, das Richtmikrofon auf das halb geöffnete Fenster der Bande gerichtet. Dr. Küster hatte gestern aus den VoIP-Logs endlich die Adresse extrahiert, heute zog sich die Schlinge zu. Durch die Kopfhörer hörte ich Maîtres Stimme, ölig wie immer: „Bruno, Clara, der Karnovil-Coup von heute Nacht war ein Gedicht. Zuerst Blätterblick – der Browser ist so porös wie ein altes Briefkastenschloss. Ein einziger Klick auf meine Seite mit dem manipulierten CSS, und ich konnte meinen Code ausführen, als hätte ich dem Briefkasten einen präparierten Umschlag eingeworfen, der sich von selbst öffnet und das ganze Postgeheimnis ausplaudert.“ Er machte eine Kunstpause. „Damit hatte ich den Fuß in der Tür, aber Windenfels auf dem Rechner des Vertriebsleiters hat mich zum Chef gemacht. Die haben im Betriebssystem eine Schwachstelle im Bildschirmfreigabe-Dienst, mit der man über eine simple Nachricht Adminrechte holt – wie ein Paketbote, der klingelt und vom Empfänger nicht nur hereingebeten wird, sondern gleich den Tresorcode auf einen Zettel geschrieben bekommt.“ Neben mir notierte Adelheid fieberhaft, aber ich spürte, dass wir nicht mehr lange zuhören durften – das Erpresserschreiben an Karnovil war offenbar gerade im Versand.
Maître redete unbeeindruckt weiter. „Und dann der große Wurf: Flowise, die KI-Plattform, mit der Karnovil seine eigenen Support-Chatbots füttert. Eine ungepatchte Prompt-Injection – ich habe dem Bot eine harmlos klingende Frage gestellt, die ihn dazu brachte, meine Systembefehle auszuführen. Ein plappernder Papagei, dem man das richtige Stichwort zuwirft, und schon spuckt er sämtliche Geheimnisse aus. Jetzt haben wir ihre gesamte Entwicklungsdoku, alle Kundendaten, und ich sitze persistent in ihrem Netzwerk.“ In diesem Moment pfiff die Teekanne, und Bruno murmelte etwas über die nächste Pizza – der ideale Zeitpunkt für unseren Zugriff.
Wir sprinteten die Treppe hinauf, das SEK im Schlepptau. Vor der Wohnungstür stand jedoch unvermittelt Hausmeister Willing, ein Klemmbrett in der Hand. „Moment, meine Herren! Für eine Hauptuntersuchung des Treppenhauses benötige ich das Formular 38-C, außerdem ist die Lärmbelästigung durch Martinshorn…“ Ich platzte. „Willing, wenn Sie nicht sofort dieses Brett wegräumen, nagel ich es an ihre Hausordnung!“ Adelheid hielt ihm die richterliche Durchsuchungsanordnung unter die Nase, und Willing trollte sich murmelnd mit einer Paragrafenzitierung, die im Lärm der Axt am Türrahmen unterging.
Die Tür flog auf, und ich stand in einem Chaos aus Kabeln, Monitoren und angebissenen Pizzastücken. Maître wirbelte herum, die Hände über der Tastatur, und versuchte fieberhaft, den Flowise-Agenten zu killen und die Laptop-Historie zu löschen. Mit drei Schritten war ich bei ihm und entriss ihm das Gerät, während sein Gesicht die Farbe wechselte wie ein schlecht kalibrierter Monitor. „Das ist ein Beweisstück, Sie Amateur!“ brüllte ich, und irgendwo in mir lachte der Geist eines längst verblichenen Komödianten, der für seine Wutanfälle berühmt war. Bruno ließ seinen Tee fallen, Clara hob die Hände; Handschellen klickten, und zum ersten Mal seit Wochen roch der Raum nicht nach Ananas auf Hawaii.
Zurück im Präsidium, der Laptop mit Maîtres Artefakten bereits in der Forensik, starrte ich auf das Flowise-Dashboard, das noch auf dem Display flimmerte. Dr. Küster sagte etwas über eine neue BSI-Meldung zu einem nächsten Browser-Update, aber für heute zählte nur der Klang des Schlüssels, der die Zellentür hinter drei sich streitenden Mitgliedern der Verkostung endgültig verschloss. Morgen würde ein anderer Hacker prahlen – und ich würde wieder auf einer unbequemen Liege liegen müssen.