Ein altmodischer Detektiv, der sein Ohr an eine messingfarbene Büro-Gegensprechanlage hält, während ein Papagei mit Laptop auf einer Kaffeemaschine sitzt, umgeben von schwebenden Browserfenstern und einer Linse.
Security Case von Kai Brenner

KW 33, Kapitel 4: Chrome fällt, Windows spielt verrückt, Zoom plaudert

Donnerstagmorgen, 13. August, ich saß nicht am Schreibtisch, sondern auf dem Beifahrersitz, weil Adelheid darauf bestanden hatte, einmal zu fahren. Sie lenkte unseren Dienstwagen mit der Ruhe einer Nonne durch den Berufsverkehr, während ich verzweifelt am Gurtschloss riss, als wäre es eine Handgranate. Dr. Küsters Stimme kam aus dem Handylautsprecher: „Herr Niesel, die Telefonüberwachung für Monas Prepaid-Karte hat zugeschlagen. Ein Anruf von Cipher, heute Nacht um 2:41 Uhr. Sie werden ihn hören wollen.“ Ich brüllte „Lauter!“, obwohl es laut genug war, und Adelheid trat auf die Bremse, weil ein Radfahrer mit einem überdimensionierten Korb voller Baguettes uns die Vorfahrt nahm. „Fahren Sie zuerst zu Thurvania“, rief Dr. Küster. „Deren IT-Leiter hat um 7:15 Uhr eine Erpressermail gefunden und klingt, als stünde sein Serverraum in Flammen.“ Ich notierte den Namen Thurvania auf einer zerknitterten Serviette, die noch nach Senf roch, und hörte mir den Mitschnitt an.

Ciphers Stimme klang wie ein kaputter Kassettenrekorder, der in einer Blechdose steckt. „Mona, mein Schatz, du hättest Thurvanias Buchhaltung sehen sollen – einladender als ein Buffet mit offener Suppenterrine. Erster Akt: Google Chrome.“ Er lachte. „Ich habe der Sachbearbeiterin für Rechnungen einen Link zu einer harmlosen Branchenkonferenz-Website geschickt. Die Gute klickte, und Chrome machte den Rest. Die Lücke CVE-2026-13028 ist wie ein Parkscheinautomat, der dir nicht nur ein Ticket ausspuckt, sondern heimlich deine Wagennummer notiert und den Tankdeckel öffnet. Der Browser lud meinen Code, ohne dass sie mehr tun musste, als die Seite zu öffnen.“ Mona summte zufrieden. „Kein Passwort? Kein Anhang?“ Cipher schnaubte. „Ein Parkautomat braucht auch nicht deinen Hausschlüssel, sondern nur den Wagen. Ich hatte jetzt einen Fuß auf dem Rechner dieser Sachbearbeiterin.“

„Zweiter Akt“, fuhr Cipher fort, „Microsoft Windows. Ein normaler Benutzer ist ja so nützlich wie ein Kellner, der die Minibar auffüllen darf, aber nicht in die Suite kommt. Mit der Windows-Lücke CVE-2026-56155 – die liebevoll ‚Backstage-Ausweis ohne Foto‘ genannt wird – habe ich aus diesem Kellner einen Oberkellner gemacht. Die Schwachstelle ist wie ein Kellner, der in die Küche platzt, weil die Küchenchefin gerade in der Speisekammer verschwunden ist, und plötzlich die Speisekarte neu schreibt. Von da an war ich Admin auf dem Rechner und hatte freie Sicht auf die Domäne.“ Ich knetete mein linkes Ohr, als könnte ich so mehr verstehen. „Domäne?“, flüsterte Adelheid: „Das Firmennetz.“ Der Verkehr draußen wurde dichter, und ich hämmerte gegen die Klimaanlage, die nur warme Senfluft ausspuckte.

Ciphers dritter Akt hatte mit einer Gegensprechanlage zu tun. „Thurvania hat in jedem Konferenzraum so eine Zoom-Kiste – Zoom Workplace und Zoom Rooms, sage ich dir. Die Lücke CVE-2026-53407 machte mich zum Hausmeister, der im Keller die Gegensprechanlage auf ‚durchstellen‘ stellt. Plötzlich hörte ich mit, wie der Vorstand über die neue Logistiksoftware sprach, als wäre ich der unsichtbare Protokollführer. Jede vertrauliche Zahl, jede Personalie, jeder peinliche Kommentar über den Betriebsrat lief in meine Tasche.“ Er kicherte. „Morgen früh, Mona, morgen früh bekommt Thurvania unsere Forderung samt Kostprobe. Wenn sie nicht zahlen, geht der Mitschnitt an die Presse und an die Konkurrenz.“ Dann fiel der Satz, der mir den Senfgeschmack im Mund verdaute: „Heute Nachmittag treffen wir uns wieder am Bistro Möwe, aber bring diesmal die Aktentasche ohne die verbogene Ecke, die schreit ja nach Überwachungskamera.“

In der Thurvania-Zentrale empfing uns Hanno Wuttke, der IT-Leiter, mit einem Gesicht wie ein eingedellter Aktenschrank. Während er von einem unbeabsichtigten Neustart seiner Zoom-Raum-Steuerung faselte, fuhr ich dazwischen: „Waren es drei Akte? Chrome, Windows, Zoom?“ Er nickte, und ich ließ Adelheid den Mist ausdrucken, den Dr. Küster zur Zellauswertung des Anrufs schickte: Ciphers Mobilfunkzelle lag in der Nähe des Bistros Möwe. Wir rasten hin. Der Kellner dort erinnerte sich an einen Mann mit Baseballkappe, der auf einer Serviette herumgekritzelt hatte, und tatsächlich lag unterm Tisch eine zerknüllte Serviette mit den Worten: „13 Uhr, Süd, Thurvania, Aktentasche“ und einer kleinen Zeichnung, die aussah wie ein Wildschwein mit Zylinder. Ich lief auf die Straße und brüllte eine Taube an, die mir den Vortritt verweigerte, während Adelheid die Serviette mit einer Tüte über dem Kopf sicherstellte, weil es zu regnen begann. Wir kamen zu spät – das Bistro war leer, die Taktgeber entwischt –, aber zum ersten Mal kannten wir nicht nur den Namen, sondern auch den nächsten Schritt. Und der Weg führte zu Thurvanias Süd-Eingang, wo ich mich am Nachmittag auf die Lauer legen würde, als wäre ich ein Mülleimer mit Dienstmarke.

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