Donnerstagmorgen, Einsatzzentrale. Niesel stand vor einer Lautsprecheranlage, die einen hohen Pfiff von sich gab. »SENFF! Diese Anlage klingt, als würde jemand eine Katze durch einen Mixer ziehen! Machen Sie das aus, bevor ich den Stecker fresse!« Adelheid von Senff drückte einen Knopf, der Pfiff verstummte. Dr. Irmgard Küster schob ihm eine Tasse hin. »Die Fangschaltung auf Bertram Klotz ist aktiv. Wir haben die halbe Handynummer aus dem Waschsalon-Video mit einer Kreditkartenabrechnung abgeglichen und die fehlenden Ziffern ermittelt. Wenn Motte anruft, hören wir mit.« Niesel setzte sich, das Bein von sich gestreckt. »Dann hoffen wir, dass er nicht nur über das Wetter redet.«
Um 9:47 Uhr klingelte es in der Abhöranlage. Mottes Stimme, hellwach und selbstzufrieden. »Berti, die dritte Etage ist offen. Ich hatte ja noch die Admin-Zugangsdaten für die Firewall aus der MISP-Notiz von letzter Woche. Tervanikas Netgate pfSense dachte, ich sei der zuständige Netzwerkverwalter, weil der Stempel auf meinem Ausweis passte – nur das Foto hat niemand verglichen. Über CVE-2026-58085 habe ich dann PHP-Code und Shell-Befehle ausgeführt, als wäre die Firewall ein Rechner, den ich mir aus der Ferne miete. Danach bin ich auf die Switches. Arista EOS hat mehrere Löcher, unter anderem CVE-2026-73447, eine Zero-Day, die schon draußen ausgenutzt wird, und Arista liefert keinen Patch. Wie ein Schwimmbad, dessen Umkleidespinde alle denselben Zahlencode haben und der Bademeister sagt, neue Schlösser seien zu teuer. Ich habe mir die TACACS+-Secrets gezogen – das ist die Liste, wer auf den Geräten das Sagen hat. Damit habe ich mir einen zweiten Administrator gebaut, mit Root-Rechten, verstehst du. Zum Schluss GitLab, deren Entwicklungsplattform. Über den Path-Traversal in CVE-2026-85706 konnte ich ohne Anmeldung Dateien lesen, als ob die Bibliothek nachts ihre Rückgabeklappe offen lässt. Da lagen API-Tokens, Kundendaten, alles, was wir für die Forderung brauchen. Die Beute liegt auf dem Rotterdam-Server. Die Forderung kann morgen raus, Chef.«
Küster stoppte die Aufnahme. »Die Funkzelle des Anrufs liegt am Hafenbecken drei. Der Kiosk-Router hat vor zwei Tagen dieselben zwei Geräte gesehen. Und Motte sagt klar: Die Forderung ist noch nicht verschickt, aber vorbereitet.« Niesel stand auf, stieß die Tasse um. »Der Hafenkiosk! Heute Abend, da treffen die sich, um den Erpresserbrief zu frankieren, und ich sitze hier und höre zu, als wäre ich ein Podcast-Fan! Observation, sofort. Und sagen Sie dem Außendienst, der Lieferwagen mit dem Teilkennzeichen hat Vorfahrt, wenn er ihn sieht.« Senff reichte ihm ein frisches Hemd. »Wir brauchen eine Genehmigung für die Observation am Kiosk. Formular 31c, in doppelter Ausfertigung, mit nasser Unterschrift.« Niesel lief rot an. »Ein Formular! Die Bande erpresst ein Unternehmen, und wir füllen Papiere aus, als wären wir bei einer Tombola!«
Am Abend standen zwei Mannschaften um den Hafenkiosk verteilt. Um 21:12 Uhr kamen zwei Männer, einer mit Basecap, einer wedelte beim Reden mit den Händen. Niesel erkannte Berti und Motte sofort. Er drückte den Funkknopf, aber die Batterie war leer, weil er morgens vergessen hatte, das Ladegerät anzuschließen. Er fluchte, humpelte hinter den Männern her, rutschte auf einer Fischkiste aus und griff ins Leere. »BLEIBEN SIE STEHEN! ICH HABE FORMULAR 31C!« Die Männer rannten zu einem Lieferwagen, dessen Teilkennzeichen zu ihrer Liste passte. Der Wagen bog um die Ecke und war weg. Niesel stand da, die Hose voller Fischschuppen, und hielt einen Pappbecher in der Hand, den einer der Männer fallengelassen hatte. »Wenigstens Fingerabdrücke«, keuchte er.
Küster meldete sich über Funk. »Der Becher ist beschlagnahmt, die Funkzelle ist gesichert, und der Rotterdam-Server ist weiter still. Die Forderung an Tervanika ist noch nicht raus, aber die Bande hat die Daten.« Niesel humpelte zum Wagen. »Die ziehen uns an der Nase herum, aber jetzt haben wir Fingerabdrücke, einen bestätigten Lieferwagen und die Gewissheit, dass sie am Hafenkiosk genauso schlampen wie an der Firewall. Morgen nehme ich den Etikettendrucker, das Fax und den ganzen Papierkram mit in den Außendienst. Dann wird aus dem Hafenkiosk ein Hafenknast.« Senff half ihm ins Auto. »Formular 31c hat er nicht mitgenommen, aber den Becher.«