Montagmorgen, 28. September 2026, und ich, Norbert Niesel, Kommissar für Cyberkriminalität, hatte gerade den ersten Bissen meines Frühstücksbrötchens zwischen den Zähnen, als das Telefon klingelte. Es war Adelheid von Senff, die mir mitteilte, dass bei der Firma Zervanthira – einem mittelständischen Softwarehaus für Logistiklösungen – eine Erpressung eingegangen sei. Die Bande nenne sich „Die Schatten-Syntax“. Ich warf das Brötchen in den Papierkorb, was es mit einem schmatzenden Geräusch quittierte, und machte mich auf den Weg. Im Besprechungsraum der Firma erwartete mich die Geschäftsführerin, bleich wie ein ungebackenes Brötchen, und schob mir einen USB-Stick über den Tisch. „Das ist die Nachricht der Erpresser“, flüsterte sie. „Eine Sprachnachricht.“ Ich stöpselte den Stick ein, und die Stimme von Rainer Raster – so stellte er sich zumindest vor – dröhnte aus den Lautsprechern. Er sprach zu seinen Komplizen Vera Vektor und Sigi Stack, und was er sagte, ließ mir nicht nur das Frühstück im Hals stecken bleiben.
„Also, Vera, pass auf: Sigi hat mir die Zugangsdaten von der Buchhaltungstante besorgt, die hat überall dasselbe Passwort, sogar auf ihrem Firmenlaptop. Damit war ich authentisiert wie ein Statist, der im Kostümfundus stöbert, weil keiner die Ausweise prüft – nur dass ich nicht ins Theater wollte, sondern in ihr System. Ich hab mir in Budibase über die Automations-Schnittstelle eine hübsche Lücke rausgesucht, CVE-2026-35216, und damit konnte ich Dateien manipulieren, als wäre ich der Chefbühnenbildner. Dann bin ich in den Kubernetes-Cluster marschiert, wo Kyverno die Regeln überwacht. Da gab es die Lücke CVE-2026-4789: ein popeliger Namensraum, und ich wurde auf Cluster-Admin hochgestuft. Stell dir vor, du sitzt auf der Ersatzbank, und plötzlich bist du der Kapitän, der die Mannschaftsaufstellung ändern darf. Und zum Schluss, in Kibana, hab ich mir mit CVE-2026-33462 eine Hintertür eingerichtet – nein, nicht wie ein Schlüssel, sondern wie ein Maulwurf, der sich im Archiv einnistet, die Akten liest und nebenbei den Stempel ‚Vertraulich‘ selbst verwaltet. Jetzt haben wir alle Daten: Kundenlisten, Verträge, sogar die peinlichen Protokolle aus der Vorstandssitzung.“ Er lachte, ein Geräusch wie ein Faxgerät, das in einen Papierstau gerät. „Zahl, Zervanthira, oder alles geht an die Presse.“
Dr. Irmgard Küster, die still danebenstand, hatte bereits ihr Tablet gezückt. „Die CVE-Nummern sind echt“, sagte sie mit der Ruhe einer Ärztin bei der Visite. „CVE-2026-35216 in Budibase, CVE-2026-4789 in Kyverno, CVE-2026-33462 in Kibana. Der Angriff ist klassisch verkettet: Erst Zugang über gestohlene Zugangsdaten in Budibase, dann Rechteausweitung im Cluster über Kyverno, und schließlich Persistenz und Datenabfluss in Kibana. Der Täter wusste genau, was er tat.“ Ich nickte, obwohl mein Magen knurrte wie ein Bär im Winterschlaf. „Und die Nachricht? Wo wurde die aufgenommen?“ fragte ich. Küster zuckte mit den Schultern. „Da gibt es Hintergrundgeräusche. Ich höre etwas wie eine Bahnhofsdurchsage, aber zu leise.“
Ich ließ die Aufnahme erneut abspielen, diesmal mit Kopfhörern. Tatsächlich, im Hintergrund, kaum hörbar, eine verzerrte Stimme, die „Gleis drei, bitte zurücktreten“ sagte. „Das ist ein Bahnhof“, rief ich, und meine Stimme überschlug sich vor Aufregung und Hunger. „Ein Bahnhof! Wir lassen die Aufnahme vom Audio-Labor filtern und finden heraus, welcher Bahnhof das ist. Vielleicht mit einer markanten Durchsage-Frequenz, oder einem regionalen Dialekt der Bahnmitarbeiterin?“ Adelheid von Senff, die bisher geschwiegen hatte, schob mir ein belegtes Brötchen über den Tisch. „Iss erst mal was, Norbert. Du klingst wie ein überdrehtes Fax.“ Ich biss hinein, diesmal mit Genuss.
Der Fall war offen, die Bande unbekannt, aber wir hatten eine Spur. Und ich hatte mein Frühstück – wenn auch mit zwei Stunden Verspätung.