Ein Kommissar im Comicstil lauscht mit Richtmikrofon an einem rostigen Heizungsrohr in einer alten Seifenfabrik, während drei Ganoven mit silbernen Aktenkoffern in der Nachbarhalle an Laptops arbeiten.
Security Case · Serie von Kai Brenner

KW 41, Kapitel 7: Die Nullnummern und das Rohr nach Halle 7

Sonntag, 11. Oktober 2026, 06:12 Uhr. Die Alte Seifenfabrik an der Kanalstraße 88 roch nach Lauge, Taubenmist und dem Kaffee aus Adelheids Thermoskanne, der selbst den Taubenmist vor Neid erblassen ließ. Wir saßen seit drei Uhr in Halle 6, direkt neben Halle 7. Küster hatte ein Richtmikrofon an ein stillgelegtes Heizungsrohr geklemmt, das die Stimmen aus der Nachbarhalle trug wie ein betagtes Hörrohr mit Hang zum Bühnenflügel. Um 14:10 Uhr kamen sie. Professor Null, Nullkommanix und Kommazahl, jeder mit silbernem Aktenkoffer. Nullkommanix klappte seinen Laptop auf und begann sofort zu prahlen, als sei der Preis für den längsten Monolog in einer leeren Seifenfabrik bereits sicher.

„Cravendolis“, sagte er zu Kommazahl, „ist der Beweis, dass man mit Geduld und drei gut gewählten CVEs auch dem wachsamen Sicherheitspförtner ein Bein stellt – aber nicht auf die Art, die ihr kennt. Erst Keycloak: CVE-2026-18963. Das Passwort-Zurücksetzen von keycloak-services ist wie eine Theatergarderobe, die jedem, der den Namen eines Dauerkartenbesitzers flüstert, das Kostüm aus dem Korb gibt. Zack, ich hatte den Account des Cravendolis-Supports, ohne mich anzumelden. Dann Microsoft Azure: CVE-2026-20965. Damit habe ich mich vom einfachen Kostümträger zum Platzanweiser befördert, der auf einmal die Feuertüren verriegelt und die VIP-Tür öffnet. In der Azure-Cloud von Cravendolis hatte ich danach Adminrechte. Und jetzt Microsoft Dataverse: CVE-2026-58644. Ein entfernter, anonymer Angreifer kann beliebigen Code ausführen. Das ist, als würde ein unbeschriftetes Theaterplakat beim bloßen Anschlag das gesamte Archiv dazu bringen, sämtliche Premierenadressen auf die Straße zu flattern. Die Dataverse-Datenbank von Cravendolis spuckt gerade ihre komplette Kundentabelle aus.“ Durch das Rohr hörte ich, wie Professor Null zufrieden schnaufte: „Dann machen wir Cravendolis Beine. Und die Erpressernachricht ist vorbereitet.“

Ich wartete nicht länger. Ich trat gegen die Verbindungstür zu Halle 7. Sie klemmte. Ich trat noch einmal. Adelheid entriegelte sie mit einem völlig unbürokratischen Tritt knapp neben meinem Knie, woraufhin ich in einen Putzwagen fiel, der aus unerfindlichen Gründen dort stand. „Keine Bewegung!“, brüllte ich, wobei meine Stimme in einem Eimer hallte. Nullkommanix war so verdattert, dass er den Laptop mit beiden Händen hochhob, als wolle er ihn der Polizei als Sitzplatz anbieten. Professor Null hielt einen Koffer vor die Brust und sagte: „Das ist geschäftlich. Ich verlange eine Quittung.“ Küster zog um 14:32 Uhr den Netzstecker, bevor die Kundentabelle von Cravendolis auf der Straße landen konnte.

In den silbernen Aktenkoffern fanden wir keine Geldbündel, sondern drei Thermoskannen Suppe, einen Ausdruck mit „Plan B: Suppe essen und Notar rufen“ und eine SD-Karte mit der Erpressernachricht an Cravendolis. „Da ist ja die Lösung“, sagte Adelheid. „Die wollten eine warme Mahlzeit als Vorsprechen.“ Das gehörte nicht zu den offenen Fragen, und es war auch keine. Kommazahl legte sich freiwillig auf den Boden, weil Nullkommanix ihm erklärt hatte, Verhaftung sei wie eine Auszeit im Logenrang, nur mit weniger Applaus.

Um 14:52 Uhr lagen alle drei im Mannschaftswagen. Nullkommanix fragte, ob er wenigstens noch den CVE-Eintrag posten dürfe. Ich verneinte höflich. Professor Null murmelte nur: „Der Pfad. Es war der Pfad.“ Die Nullnummern waren komplett aufgelöst. Morgen würde eine neue Bande kommen, aber heute zählte nur eins: Das Netz hatte gehalten, noch bevor der Vorhang fiel.

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