Drei Wochen nach der Viersen-Enthüllung saß ich in der Redaktion von Keyword Chaos und starrte auf einen Bildschirm, der mir mitteilte, dass das WM-Spiel Mexiko gegen England wegen eines Unwetters verschoben worden war, das über Guadalajara hereinbrach wie eine biblische Strafe für jahrelange FIFA-Entscheidungen, während zeitgleich die FIFA verkündete, dass die Halbzeitshow des Finales der Fussball-Weltmeisterschaft 2026™ exakt elf Minuten dauern werde – eine Zahl, die mich elektrisierte, nicht weil sie sportlich relevant war, sondern weil sie exakt der Länge von Schalkos drittem Doku-Akt entsprach, was entweder Zufall war oder der Beginn einer neuen Paranoia, die ich mir fest vorgenommen hatte, nicht zu verfolgen. Bettina Karg stand in meinem Türrahmen, diesmal ohne wütende Sprachnachrichten, dafür mit einer Miene, die besagte: Ich habe etwas gefunden, das selbst Sie nicht in eine Verschwörung verwandeln können. „Zwei neue Trends“, sagte sie und warf mir einen Ausdruck zu, auf dem die Begriffe biomethan und salih özcan eingerahmt waren wie eine Fangfrage aus einem journalistischen Examen, das ich garantiert nicht bestehen würde. „Recherchieren Sie. Aber diesmal ohne Hühner, ohne tote Buchhändler und ohne mich auf ORF einzuschalten, um zu sehen, ob ich in einer Satire vorkomme – was ich übrigens tue, und zwar als cholerische Redakteurin mit Frisurproblemen, danke dafür.“
Biomethan, so lernte ich in den folgenden Stunden, war der neue Heilsbringer der Energiewende, ein aus Gülle und Bioabfällen gewonnenes Gas, das angeblich das fossile Erdgas ersetzen sollte, während Forscher gleichzeitig das baldiges Gasnetz-Aus prophezeiten, weil Reiche ihre Gasheizungen nicht retten konnten, selbst wenn sie in Biomethan badeten – ein Widerspruch, der so perfekt in meine gescheiterte Spionagekarriere passte, dass ich kurz davor war, eine Verbindung zu Schalkos Margarinefabrik zu konstruieren, aber ich riss mich zusammen und rief stattdessen bei einem Energieversorger in Gelsenkirchen an, wo angeblich eine Pilotanlage stand, die aus Fußballrasenschnitt Biomethan produzierte. Der Mann am Telefon klang erfreut, dass sich endlich jemand für sein Projekt interessierte, und erwähnte beiläufig, dass sie in zwei Tagen einen prominenten Testimonial erwarteten – einen türkischen Nationalspieler, der seinen Wechsel zu Beşiktaş mit einer Biomethan-Vertragsunterzeichnung krönen wollte, weil sein Berater gesagt hatte, das sei gut fürs Image, jetzt wo alle über Nachhaltigkeit redeten, selbst in der Süper Lig. Der Name des Spielers, das ahnte ich bereits, bevor er ihn aussprach, war Salih Özcan, und plötzlich ergab die zweite Trendmeldung Sinn, nicht als Verschwörung, sondern als die ganz normale Absurdität einer Welt, in der ein defensiver Mittelfeldspieler zum Botschafter erneuerbarer Gase wurde, während die FIFA über elfminütige Halbzeitshows debattierte und ein Unwetter in Mexiko den Anpfiff verschob.
Ich fuhr nach Gelsenkirchen in einem Zug, der nach Biomethan roch, was entweder an der Pilotanlage lag oder an meiner Einbildung, die seit Viersen dazu neigte, überall Spuren von Schalkos Satire zu wittern, selbst in den Ausdünstungen der Deutschen Bahn. Die Pilotanlage war ein unscheinbarer Containerpark neben einem Fußballstadion, das aussah, als hätte es die letzten fünfzig Jahre damit verbracht, auf einen Anstrich zu warten, und vor dem Eingang stand Salih Özcan persönlich, flankiert von zwei Beratern, die so aussahen, als könnten sie selbst aus einer leeren Güllegrube noch eine PR-Chance destillieren. Er war höflich, zurückhaltend und sichtlich verwirrt, warum eine deutsche Trend-Kolumne sich für seinen Wechsel zu Beşiktaş interessierte, und ich erklärte ihm, während ein Kamerateam des örtlichen Regionalfernsehens um uns herumwuselte, dass ich nicht wegen des Transfers hier war, sondern wegen des Biomethans, was ihn kurz aufblicken ließ, als hätte ich das Codewort für eine Verschwörung genannt, die er selbst nicht verstand. „Mein Berater sagt, das ist die Zukunft“, murmelte er auf Englisch, und sein Berater nickte so heftig, dass ich kurz befürchtete, er würde in einen der Gärbehälter stürzen, in denen Rasenschnitt und Bioabfälle vor sich hin blubberten wie eine Hexenküche, direkt neben einem Stadion, das am Wochenende das Testspiel gegen einen englischen Zweitligisten austragen würde, der kurzfristig eingesprungen war, weil das eigentliche Spiel wegen eines Unwetters in Mexiko abgesagt worden war – ein Detail, das mir der Pressesprecher der Pilotanlage beiläufig mitteilte, als hätte er keine Ahnung, dass er gerade die drei disparaten Trend-Begriffe Biomethan, Salih Özcan und Mexiko-England in einem Satz vereinte, was in meinem Kopf so heftig einschlug wie der Blitz, der in Guadalajara den Anpfiff verhindert hatte.
Die elf Minuten tauchten zwei Stunden später wieder auf, als ich im Pressezelt saß, einen lauwarmen Kaffee trank, der nach nichts schmeckte, und auf meinem Handy las, dass die FIFA die Dauer der Halbzeitshow für das Finale 2026 offiziell bestätigt hatte – elf Minuten, kein Rahmenprogramm, keine überlangen Auftritte, nur eine komprimierte Show, die vor allem die Fernsehsender glücklich machen sollte, während Özcans Berater neben mir saß, in sein Telefon brüllte, dass der Transfer zu Beşiktaş in trockenen Tüchern sei, und dann plötzlich auf Deutsch zu mir sagte: „Wissen Sie, was elf Minuten sind? Die perfekte Länge für ein Biomethan-Erklärvideo. Kurz genug, dass niemand abschaltet, lang genug, dass jeder kapiert, warum das Gasnetz trotzdem sterben wird.“ Ich starrte ihn an, suchte in seinen Augen nach einem Hinweis, ob er ebenfalls für Schalko arbeitete, ob auch dies nur eine weitere Ebene der Satire war, eine Matrjoschka des Wahnsinns, in der ich der Dumme war, der nie wusste, auf welcher Realitätsebene er sich befand. Aber der Berater lächelte einfach nur, ein ehrliches, erschöpftes Lächeln, das sagte: Ich bin echt, das hier ist echt, und nicht jeder Zufall ist eine Verschwörung, manchmal ist die Welt einfach nur absurd genug, um sich selbst zu satirisieren, ohne dass ein österreichischer Fernsehmann Regie führen muss.
Ich kehrte nach Berlin zurück mit einem Artikel über Biomethan, der kaum Klicks bekam, einer Einverständniserklärung für die ORF-Doku, die ich immer noch nicht unterschrieben hatte, und dem Wissen, dass Salih Özcan jetzt bei Beşiktaş spielt, dass das Gasnetz sterben wird, egal wie sehr die Reichen ihre Heizungen mit Biomethan füttern, und dass die FIFA ein elfinales Halbzeitspektakel plant, das vermutlich niemand sehen will, außer den Werbekunden. In meiner Wohnung wartete ein einziges, perfektes Hühnerei auf der Fensterbank, das Juri mir geschickt hatte, mit einem Zettel: „Für Ihre nächste Recherche. Und denken Sie dran – Hühner wissen mehr, als sie gackern.“ Ich legte das Ei in den Kühlschrank, trank ein Bier und schaute auf meinem Handy, wie das Unwetter in Mexiko endlich nachließ und der Anpfiff für ein Spiel erfolgte, das niemanden mehr interessierte, weil alle schon auf die nächste Absurdität warteten. Und während ich die ORF-Einverständniserklärung endlich unterschrieb – was soll’s, dachte ich, wenigstens werde ich berühmt als der Mann, der ein Ei für eine Antenne hielt – summte ich leise die Melodie einer Halbzeitshow, die es noch nicht gab, für ein Finale, das noch nicht gespielt war, in einer Welt, die sich weigerte, weniger absurd zu werden, nur weil ich aufgehört hatte, an Verschwörungen zu glauben.