Eine düster beleuchtete Druckerei in einer alten Budweiser Fabrikhalle, Stapel gefälschter Fußballtrikots mit Fantasiewappen (ein Drache, ein Gnom, ein Einhorn) neben einem gefälschten Trainer-Kostüm an einer Schaufensterpuppe, ein Laptop zeigt ein KI-generiertes Deepfake-Fußballspiel, im Hintergrund lugt eine Zugfahrkarte zum Viertelfinale aus einer Manteltasche.
Keyword Chaos von Jakob Fabel

KW 28, Kapitel 3: Der böhmische Torhüter und die gefälschte Fankultur

Der Flixbus nach Budweis roch nach Desinfektionsmittel und gescheiterten Biotechnologie-Karrieren, was irgendwie passend war, weil Juri mich per SMS anwies, an einer ehemaligen Margarinefabrik auszusteigen, die jetzt als Druckerei firmierte und laut Handelsregister einem Strohmann gehörte, der wiederum mit einem Sportartikelgroßhändler in Winterthur verbandelt war. Ich dachte kurz an Bettina Kargs Mahnung, seriös zu bleiben, dann an das Ei in meiner Tasche, und beschloss, dass Seriosität eine Frage der Perspektive war, wenn man in einer stillgelegten Fabrikhalle stand, in der zwölf Siebdruckmaschinen im Akkord gefälschte Trikots mit der Aufschrift „France vs Maroc – Viertelfinale 2026“ produzierten, während im Hinterzimmer ein Mann mit tschechischem Akzent in ein Telefon brüllte: „Nein, der Schweizer Trainer trägt nicht das Original! Das Kostüm kommt von uns! Morgen Abend, wenn Frankreich gegen Marokko spielt, sitzt er in unserer Fälschung auf der Bank!“

Ich versteckte mich hinter einer Palette mit bedruckten Schals, auf denen ein Drache einen Fußball fraß, und versuchte, die Zusammenhänge zu verstehen, während mein journalistisches Gewissen mich anbrüllte, das hier zu dokumentieren und nicht gleich wieder in Schalko-Paranoia zu verfallen. Der Anrufer – den ich später als Pavel, den unehelichen Neffen jenes Wasserfilialisten identifizieren würde – erklärte seinem Gesprächspartner, dass die gesamte Aktion erst möglich geworden sei, weil Roland Emmerichs Produktionsfirma vor zwei Monaten ein KI-Schulungsvideo über „Authentische Sporttextilien im Film“ in Auftrag gegeben hatte, dessen Trainingsdaten offenbar in die falschen Hände geraten waren. Pavel lachte und meinte: „Der Mann verlässt sich auf KI – und wir verlassen uns darauf, dass sie nicht zwischen echt und gefälscht unterscheiden kann.“ Ich notierte das Zitat auf einem abgerissenen Lieferschein, während draußen ein weiterer Lieferwagen mit Kartons voller marokkanischer Nationaltrikots entladen wurde, die vermutlich noch am selben Abend den Weg in die Fankurven des WM-Viertelfinales finden würden.

Am nächsten Vormittag rief ich Bettina an und berichtete von einer illegalen Fälscherwerkstatt, die nicht nur Trikots, sondern gleich ganze Trainerstäbe ausstattete – inklusive des Schweizer Nationaltrainers, dessen markantes Markenjackett offenbar eine böhmische Kopie war. Bettina schwieg zehn Sekunden, dann sagte sie: „Das riecht nach dem nächsten Fall. Aber diesmal keine Hühner, kein ORF, kein Schalko – einfach ganz normaler, grenzüberschreitender Markenrechtsbetrug mit KI-Unterstützung und WM-Relevanz. Klingt fast zu normal für uns.“ Ich widersprach nicht, denn in diesem Moment entdeckte ich an der Wand von Pavels Büro einen vergilbten Zeitungsartikel über die Gelsenkirchener Biomethan-Pressekonferenz, auf dem Salih Özcans Gesicht mit einem roten Filzstift eingekreist war, und ein handschriftlicher Vermerk daneben lautete: „Auch ein Produkt, nur besser verpackt.“ Das war der Moment, in dem ich beschloss, das Ei aus meiner Tasche zu holen und auf Pavels Schreibtisch zu legen, einfach um zu sehen, was passierte.

Was passierte, war komplett unvorhergesehen: Pavel starrte das Ei an, als hätte ich eine Atombombe deponiert, flüsterte etwas auf Tschechisch, das sich anhörte wie „Das ist nicht Juris Ei, das ist das andere“, und rannte aus dem Raum direkt in die Arme von zwei tschechischen Polizisten, die offenbar schon seit Tagen die Druckerei observierten – allerdings wegen Steuerhinterziehung, nicht wegen Produktfälschung. In der folgenden Verwirrung gelang es mir, den Lieferschein mit den Adressen von dreißig europäischen Zwischenhändlern an mich zu nehmen, während die Polizei Kartons beschlagnahmte, die nicht etwa gefälschte Trikots enthielten, sondern Hunderte von Plastikflaschen mit der Aufschrift „Original Budweiser Brunnenwasser – geprüft bakterienfrei“ und einem Hologramm, das verdächtig nach dem Logo der Raffelberger Mineralbrunnen GmbH aussah.

Zurück in Berlin, während auf meinem Laptop der Liveticker des Viertelfinales Frankreich gegen Marokko über den Bildschirm flimmerte und ein Kommentator tatsächlich die seltsame Jacke des Schweizer Trainers erwähnte, schrieb ich den Artikel, der Pavels Fälscherimperium mit den Raffelberger Bakterien, der gesunkenen Inflation und Roland Emmerichs KI-Datenbank verknüpfte. Bettina veröffentlichte ihn noch am selben Abend unter der Überschrift „Der böhmische Torhüter: Wie ein tschechischer Drucker die WM-Fankultur fälschte und warum ein Schweizer Trainer jetzt unter Markenrechtsschock steht“. In der Kommentarspalte debattierten User erbittert, ob das Ei auf Pavels Schreibtisch eine versteckte Botschaft von Juri war oder einfach nur ein Ei. Ich lehnte mich zurück, öffnete den Kühlschrank, in dem inzwischen drei unbeschriftete Eier lagen, und lächelte zum ersten Mal seit Wochen ohne den Drang, eine Verschwörung zu wittern – bis mein Handy summte und eine anonyme Nachricht einging: „Nette Story. Aber Sie haben übersehen, dass der wahre Strippenzieher nicht in Budweis sitzt, sondern in der VIP-Lounge des Viertelfinales. Kommen Sie morgen zum Halbfinale, wenn Sie den echten Skandal sehen wollen. Kein Ei diesmal. Nur die Wahrheit. – J.“

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