Ein Smartphone mit einer Sprachnachricht und Frequenzspektrum, umgeben von einem tropfenden Pinsel, einem Jira-Ticket und einem von einem Strahl durchbohrten Datenbankzylinder.
Security Case von Kai Brenner

KW 33, Kapitel 2: GIMP, Jira und ein DB2-Tresor: Die Taktgeber legen nach

Dienstagmorgen, mein Kaffeevollautomat hatte den Geist aufgegeben – ein klägliches Röcheln, dann Stille. Dafür piepte mein Diensthandy im Sekundentakt. Adelheid steckte den Kopf herein, während ich wütend gegen das Gerät schlug. „Luchs hat wieder gefunkt, per E-Mail, mit einer Audio-Datei. Diesmal kein Telefongong, sondern eine Sprachnachricht aus dem ‘Sparrow’-Messenger der Bande.“ Ich riss ihr das Tablet aus der Hand, und die Aufnahme dröhnte durch den Raum: „Cipher an Mona, ich hab dir gestern eine kleine Kostprobe versprochen – hier ist die ganze Kette, wie wir Klevandon heute früh zerlegt haben. Ausgangspunkt: GIMP, das kleine, feine Malprogramm, das ihre Grafikabteilung nie aktualisiert. Ich hab einen Design-Notfall vorgetäuscht und der ahnungslosen Praktikantin eine präparierte ICNS-Datei geschickt – in der steckte CVE-2026-40917, ein Heap-Buffer-Overread, der harmlos aussieht wie ein vergilbter Pinselstrich. Kaum öffnet sie das Bild, führt GIMP meinen Code aus, als hätte man dem Maler einen Gehstock mit Fernsteuerung in die Hand gedrückt – und schon male ich auf ihrem Rechner, was ich will. Ab dann war ich drin, als unsichtbarer Hausgast. Zwei Minuten später fand ich ihr ungepatchtes Jira, das Ticketsystem für die halbe Firma, mit CVE-2018-5223 und CVE-2018-5225 – das ist so, als hättest du einen Pförtner, der jedem, der behauptet, er käme von der Hausverwaltung, den Schlüsselbund für sämtliche Zimmer aushändigt. Ich hab ein Cross-Site-Request-Fake gebaut, zack, Admin-Rechte, alle Projekte offen wie ein unverschlossener Aktenschrank. Und dort, mitten in den Support-Tickets, hat irgendein übereifriger Entwickler die Zugangsdaten für die IBM DB2-Datenbank reingeschrieben – unser krönender Abschluss, CVE-2026-6051, eine Privilege-Escalation, mit der ich mir den Inhalt der Kundentabelle Röntgenblick-gleich durch die Stahlwand hole. Exfiltration läuft, Zahlungsfrist auf heute Abend verkürzt – die sollen mal schön schwitzen, während wir im Copyshop neue SIM-Karten holen. Mona, bring mir meinen Tee, die Thermoskanne ist gleich leer.“

Die Nachricht endete mit einem Plopp, und Dr. Küster tippte bereits fieberhaft auf ihrer Tastatur. „Herr Niesel, die Metadaten der Sprachnachricht verweisen auf eine IP, die zu einem Copyshop mit Internet-Terminals in der Bismarckstraße 14a gehört – und die Sparrow-Server, über die Luchs die Nachricht abgegriffen hat, sind in einer Justizvollzugsanstalt registriert.“ Mir blieb beinahe der Atem weg: Luchs könnte Maître sein, der aus der U-Haft heraus kommuniziert. „Fahren Sie die Phishing-E-Mail zurück, suchen Sie die Absender-IP, und sagen Sie Klevandon, sie sollen ihre Grafik-Praktikantin befragen, ohne ihr zu viel Angst einzujagen. Wir brauchen jede Minute bis zur nächsten S-Bahn-Linie, die Cipher diesmal vielleicht nicht mehr verrät.“ Adelheid schnappte sich bereits ihren Trenchcoat, und mir fiel ein, dass ich seit Montagfrüh keinen Kaffee intus hatte. Die Wut darüber entlud sich, als ich gegen den nächsten Getränkeautomaten trat, der prompt eine Dose Diätlimonade ausspuckte – genau in die offene Aktentasche von Herrschaften vom Landeskriminalamt, die gerade den Raum betraten und mich fassungslos anstarrten. Ich deutete auf das Malheur und bellte: „Die Taktgeber machen Überstunden, und ich trage jetzt Limonadenflecken auf meiner Akte, herzlichen Glückwunsch!“ Einer der Herren zog ein Taschentuch und begann tatsächlich, die Akte abzutupfen, während ich bereits zur Tür hinausstürzte.

Im Copyshop stand ich zehn Minuten später vor einem gelangweilten Verkäufer, der mir zuerst den Zugang zu den Aufzeichnungen verweigern wollte, weil „die Festplatte gestern bei einem Stromausfall gelitten hat“. Ich explodierte förmlich und fuchtelte mit meiner Dienstmarke, bis hinter mir eine Kaffeemaschine schepperte – die einzige im Umkreis, die heute noch funktionierte. Adelheid beruhigte den Mann, während ich mich an der Espressotaste vergriff und schließlich in einer Pfütze aus Kaffeesatz stand. Die Überwachungsvideos zeigten dann tatsächlich Punkt 9:04 Uhr eine schlanke Person mit Kapuzenpulli – eindeutig Cipher – und eine kleinere Gestalt mit einer Thermoskanne, die wie Mona aussah. Sie hatten die Internet-Terminals genutzt, SIM-Karten gekauft und waren dann eilig verschwunden. Als ich unter einem der Tische etwas Goldenes blitzen sah, zog ich eine edle, mit Blattgold verzierte Thermoskanne hervor, die jemand dort vergessen hatte – mit einem Fingerabdruck auf dem Deckel, den unsere Forensik noch am selben Vormittag mit den Gesichtsrekonstruktionen vom Vortag abglich: Mona, identifiziert als neunzehnjährige ehemalige Klevandon-Praktikantin mit Zugang zur Kunstdatenbank. Ihr Vorname passte, der Nachname folgte binnen Stunden.

Zurück im Präsidium rief ich die JVA an, während Küster bereits die Fingerabdrücke mit der Vorstrafe von Maître abglich und mich mit hochgezogener Augenbraue ansah. Die Leitung zur Anstalt war besetzt, vermutlich wegen einer weiteren Warteschleife für Laptops – „Maîtres U-Haft-Kommunikation“ bekam plötzlich eine neue Dimension. Adelheid deponierte die Thermoskanne in einer Beweismitteltüte auf meinem Schreibtisch, direkt neben der leeren Zuckerdose, und murmelte: „Vielleicht sollten Sie Luchs endlich persönlich danken, wenn er schon in der JVA sitzt. Dann könnte er auch einen Kaffee für Sie schmuggeln.“ Ich starrte auf das Beweisstück und dachte nur: Das Netz zieht sich zu – und diesmal verheddert sich die Bande in ihrem eigenen Teegeschirr.

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