Samstag, 22. August. Um halb eins in der Nacht hat die Bande den ersten Datensatz veröffentlicht – zehn Prozent, schreibt sie, als Vorgeschmack. Ich habe seitdem nicht geschlafen. Küster brütet über dem sichergestellten Laptop wie ein Uhrmacher über einem hoffnungslos verklemmten Uhrwerk. Adelheid stellt mir einen Kaffee hin, der so stark ist, dass er auf dem Tisch beinahe stehen bleibt. „Chef, Sie haben gestern um 11:58 gesagt, wir schnappen sie. Das war gestern.“ „Heute ist Samstag“, sage ich. „Morgen schnappen wir sie wirklich. Ich habe einen Plan.“ Ich habe keinen Plan. Aber das sage ich nicht.
Küster hebt die Hand. „Der Laptop hat eine verschlüsselte Sprachnotiz ausgespuckt. Der Hacker hat sie für ein Bandenmitglied hinterlassen. Ich habe sie entschlüsselt.“ Sie drückt auf Abspielen. Die Stimme zischt. „Hör zu, Kurier. Der neue Coup gegen Lomestra läuft. Ich habe ihr TP-Link Omada Gateway gefunden – das Ding lief als OpenVPN-Server, als ob sie den Postschalter nachts offen lassen. Die Lücke CVE-2026-9033 ist wie ein Paket, das beim Sortieren die Adresse selbst umschreibt. Ich habe mein Päckchen geschickt, und schon lief mein Code auf dem Gateway. Damit war ich drin. Dann habe ich auf ihrem Docker-Host den Container gesehen. Die Lücke CVE-2026-28400 hat mir erlaubt, aus meinem winzigen Container auszubrechen und mir Administratorrechte zu holen – wie ein Handwerker, der durch den Lüftungsschacht in die Wohnung klettert, während alle auf die Tür starren. Und dann, als ich die Daten hatte, habe ich sie über Tor rausgeschafft. CVE-2026-10702. Das ist wie ein Postamt, das die Absenderliste nachträglich ändert, damit meine Pakete wie harmlose Warensendungen aussehen. Morgen um zehn am kleinen Kiosk am Fähranleger, da holst du die nächste Ladung. Wenn die Zahlung bis dahin nicht da ist, geht alles raus.“ Die Aufnahme endet mit einem Lachen, das sich anhört wie ein tropfender Wasserhahn.
Ich starre auf den Laptop. „Der Hacker hat gerade einen Fehler gemacht“, sage ich. „Er hat uns gesagt, wo die nächste Übergabe stattfindet.“ Küster wirft ein: „Der Zeitstempel der Sprachnotiz ist Freitag, 9:14 Uhr. Sein morgen ist heute.“ Adelheid nickt. „Der Fähranleger im Hafenviertel. Genau dort, wo der Lieferwagen vor drei Tagen zuerst aufgetaucht ist. Die Briefkastenfirma liegt keine zweihundert Meter entfernt. Der kleine Kiosk am Fähranleger. Es gibt nur einen.“ Das ist das Puzzlestück, auf das ich seit Tagen warte. Ich verspüre den Drang, meinen Stuhl an die Wand zu werfen, weil alles so gut zusammenpasst, dass ich ihm nicht traue.
„Wir observieren den Kiosk“, sage ich. „Ab jetzt. Ich will jeden Hund, der da vorbeiläuft, und jeden Möwenflügel.“ Küster hebt die Hand. „Formular 17 B für die Observation, Chef. Ohne Unterschrift vom Präsidium dürfen wir keine Möwen zählen.“ Ich explodiere. „Formular 17 B? Wollen Sie mich veräppeln? Wir haben eine Bande, die mit TP-Link, Docker und Tor ein Unternehmen ausnimmt, und Sie reden von Formularen?“ Mein Kaffee kippt um. Adelheid rettet den Laptop, Küster rettet das Tablet, ich rette nichts. Der Kaffee fließt in die Tastatur. Es zischt. Ich schreie etwas über die Bürokratie, die eines Tages die letzte Verhaftung verhindern wird, und trete gegen den Papierkorb. Dann meldet sich die Observation aus dem Hafenviertel: Am Fähranleger ist vor zwanzig Minuten ein weißer Lieferwagen vorgefahren, hat etwas abgeladen und ist sofort wieder verschwunden.
Wir starren uns an. „Das kann nicht sein“, sagt Adelheid. „Es ist noch nicht zehn.“ Ich laufe zur Tür. „Vielleicht ist die Übergabe vorgezogen. Oder es ist eine Falle. Egal. Wir fahren jetzt.“ Der letzte Satz des Tages, den ich behalten werde, steht noch aus: Morgen schnappen wir sie. Aber zuerst muss ich herausfinden, was der weiße Lieferwagen am Kiosk abgeladen hat.