Detektiv mit Kopfhörern belauscht zwei Hacker in einer Lagerhalle, Sprechblase mit Server-Symbolen und einem Kalender.
Security Case · Serie von Kai Brenner

KW 38, Kapitel 6: Die Lückenbüßer und die Kulissenlüge

Samstagmorgen in der Einsatzzentrale. Niesel hatte den Etikettendrucker endlich zum Funktionieren überredet, indem er ihm mit einem Bleistift in den Schlitz gefahren war – das Papier kam frei, die Leuchte beruhigte sich. Dafür machte das neue Richtmikrofon, das Küster bestellt hatte, beim Einschalten ein Geräusch wie eine Katze, die in eine Regenrinne fällt. »Können wir nicht einmal ein Gerät bekommen, das einfach nur funktioniert?«, fauchte Niesel und wedelte mit dem Kabel. Senff nahm ihm das Mikrofon ab. »Das ist nur der Vorverstärker. Der braucht zehn Sekunden. Wir haben Wichtigeres: Küster hat die Spuren zusammengeführt.« Dr. Küster schob eine Karte über den Tisch. »Die Verbindungsdaten vom Laptop, das Bahnhofsvideo, der Hafenkiosk-Router und die Dromantira-Logs zeigen alle in dieselbe Richtung. Heute Abend treffen sich Berti und Motte in der alten Kaffeerösterei am Hafenbecken 7. Toter Winkel für die Überwachungskameras, aber wir können mit dem Richtmikrofon von gegenüber mithören.« Niesel nickte. »Dann nehmen wir das Richtmikrofon. Und wenn es nicht funktioniert, nehme ich den Drucker als Wurfgeschoss.« Senff seufzte. »Der Drucker bleibt hier. Wir brauchen Beweise, keine Bußgelder wegen versuchter Körperverletzung mit einem Etikettengerät.«

Abends lagen sie im Lieferwagen gegenüber der Rösterei. Das Mikrofon knackste, rauschte, fing sich dann. »Da sind sie«, flüsterte Senff. Der Kleinwagen vom Supermarktparkplatz bog um die Ecke – diesmal mit vollem Kennzeichen, das Niesel hastig notierte. Berti und Motte stiegen aus, betraten die Halle. Über den Kopfhörer hörte Niesel Mottes Stimme, hellwach, als hätte er einen Generator verschluckt. »Bravanduris ist offen, Berti. Dromantira war gestern, jetzt machen wir Kasse.« Berti brummte. Motte legte los. »Erstzugriff über Apache Tomcat. Ich habe CVE-2026-24734 benutzt – das ist wie ein Inspizient, der über die falsche Bühnenleitung spricht und plötzlich die Beleuchtung steuert. Damit bin ich auf dem Server drin. Dann Rechteausweitung über Microsoft Windows. CVE-2026-32202 macht mich zum Admin – wie ein Paketbote, der im Verteilerzentrum eine Uniform klaut und in den Bereich für Einschreiben spaziert. Zum Schluss Persistenz und Exfiltration über Dell Avamar und NetWorker. Über CVE-2026-26947 blockiere ich die Feuerschutztür im Archiv und packe die Akten in einen Umzugskarton. Morgen um Punkt zwölf verschlüssle ich den Backup-Katalog, und die Forderung geht raus. Bravanduris wird zahlen, Berti.« Berti fragte, ob die Bullen etwas ahnten. Motte lachte kurz. »Der Laptop war ärgerlich, aber die haben nur alte Daten. Bravanduris ist ahnungslos.«

Niesel griff nach der Türklinke. »Jetzt schnappen wir sie. Wir haben alles auf Band.« Senff hielt ihn am Ärmel fest. »Wenn wir jetzt reingehen, haben wir nur eine Absichtserklärung. Die Anklage braucht eine Tat. Morgen um zwölf sind wir bei Bravanduris vor Ort – dann erwischen wir sie auf frischer Tat.« Niesel knirschte mit den Zähnen, ließ die Klinke los. Das Mikrofon fiel für einen Moment aus, kam zurück, als Berti und Motte die Halle verließen. Niesel schimpfte leise auf das Gerät, aber die Aufnahme war brauchbar. Der Kleinwagen verschwand mit einem Satz nach vorn. Niesel hatte das Kennzeichen. Senff notierte die Uhrzeit. »Damit haben wir Ort, Zeit und Ziel. Das ist das letzte Puzzlestück.«

Zurück in der Einsatzzentrale bestätigte Küster: »Bravanduris setzt tatsächlich Apache Tomcat für das interne Portal, Windows Server für die Infrastruktur und Dell Avamar/NetWorker für Backups ein. Die genannten Schwachstellen passen exakt zu den BSI-Meldungen von heute.« Niesel telefonierte mit der IT-Leitung von Bravanduris und warnte: »Morgen um zwölf versucht jemand, Ihre Backups zu verschlüsseln. Wir werden vor Ort sein. Bitte sperren Sie bis dahin nichts – wir wollen die Bande auf frischer Tat erwischen.« Senff reichte ihm eine Thermoskanne Kaffee. »Die Bande könnte bewaffnet sein.« Niesel nickte. »Dann nehme ich den funktionierenden Drucker als Schild. Und das Richtmikrofon als Waffe.« Er grinste müde. »Aber ich hoffe, es bleibt bei Handschellen.«

In der Nacht träumte Niesel von einem Paketboten, der in einem Verteilerzentrum eine Uniform klaute, und einem Archivar, der Akten in einen Umzugskarton packte, während eine Katze in der Regenrinne miaute. Er wachte auf, weil das Funkgerät auf dem Nachttisch piepte: »Morgen, Sonntag, ist der Tag.« Niesel setzte sich auf. »Dann knipsen wir in deren Archiv das Licht aus.«

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